Boom in der Krise 04.01.2021, 06:01 Uhr

bevh: "Das Corona-Wachstum ist nachhaltig"

Auch wenn viele stationäre Händler auf eine Rückkehr der Kunden nach der Pandemie hoffen: Der deusche Online-Handel muss keinen Post-Corona-Backlash fürchten, meint bevh-Vizegeschäftsführer Martin Groß-Albenhausen. 
(Quelle: shutterstock.com/Monster Ztudio)
Die durch die Corona-Krise ausgelösten Verschiebungen in der Handelslandschaft sorgen für jede Menge Gesprächsstoff. Die Politik denkt über eine Paketsteuer für Versandhändler nach, die Handelsverbände beklagen die Abwanderung der Kunden ins Netz, die Paketdienste stöhnen unter der Zusatzbelastung und die Online-Händler selbst kommen aus dem Pakete packen kaum noch raus.
Die Frage ist: Stecken wir in einer von der Krise geschaffenen Ausnahmesituation? Werden die Kunden mit dem Impfstoff in die Innenstädte zurück kehren? Oder haben wir es mit einer dauerhaften Entwicklung zu tun - auf die Politik, Händler und Logistiker mit langfristigen Maßnahmen reagieren müssen? 
Der bevh hat zur Beantwortung dieser Frage in seine Zahlen geschaut - und ist sich sicher: Corona hat keine Ausnahmesituation geschaffen, sondern eine bereits unumkehrbare Entwicklung ledlglich beschleunigt. Wir haben bei bevh-Vizepräsident Martin Groß-Albenhausen nachgefragt. 
Herr Groß-Albenhausen, das Umsatzwachstum 2020 hat bei den meisten Online-Händlern alle Erwartungen übertroffen. War das nur ein Corona-Peak oder geht der E-Commerce-Boom noch eine Weile so weiter? 
Martin Groß-Albenhausen: Wir haben zwar ein überdurchschnittliches, aber keinesfalls exponentielles Wachstum im E-Commerce gesehen. Das bedeutet, dass hier ein mehrjähriger belastbarer Trend verstärkt wurde. Daher können die Onlinehändler mit einer auch künftig gegenüber den Vorjahren höheren Nachfrage rechnen. Hinzu kommt nun ein zweiter Effekt: Die Corona-Pandemie wird im Einzelhandel zu zahlreichen Geschäftsaufgaben führen, die wiederum einen Teil stationärer Nachfrage dauerhaft in Onlinekanäle umlenken. Daher können Händler den langjährigen Entwicklungen trauen und entsprechend ihre Investitionen tätigen.
Quelle: bevh

 
Dann ist jetzt also ein guter Zeitpunkt, um das frische Kapital in den Kassen in größere Investitionen zu stecken? 
Groß-Albenhausen: Durchaus. Volatil ist die Lage im E-Commerce, wie oben geschildert, nicht. Es gab vorher keinen Tableau-Effekt mit rückläufigem Wachstum, und es gibt ihn auch künftig nicht. Schätzungen von Einzelhandels-nahen Instituten gehen von einem weiteren Wachstum des E-Commerce um bis zu 60 Mrd. Euro innerhalb der nächsten vier Jahre aus. Allerdings wird der Wettbewerb im E-Commerce zunehmen. Die nächsten Jahre werden auch eine Zeit des Verteilungskampfs sein, der unter anderem über den Preis ausgetragen wird. Dies gilt es bei Investitionen einzukalkulieren, auch in der Hinsicht, dass gute Investitionen jetzt einen höheren Marktanteil morgen sichern. Dennoch bleibt die Grundaussage, dass Onlinehandel künftig normal und stationärer Handel eine Vertriebsausprägung von E-Commerce-Unternehmen sein wird - so, wie unser Mitglied Douglas sich neu definiert.
Quelle: bevh

 
Die Corona-Krise hat dem E-Commerce zum endgültigen Durchbruch verholfen, heißt es oft - hat die Krise den Online-Handel auch verändert?
Groß-Albenhausen: Einer der größten "versteckten" Effekte ist die Durchdringung von Unternehmen mit digitalen Arbeitsweisen bis in die letzte Abteilung. Remote Work hat automatisch zu einer Art Agilisierung an Haupt und Gliedern geführt. Viele werden diese Arbeitsweise, die Flexibilität beibehalten, um dadurch auf gleicher Fläche wachsen zu können. Einige Unternehmen haben kurzfristig auf neue Sortimente oder Zielgruppen umgestellt, ihre Logistik flexibler aufgestellt oder neue Vertriebskanäle getestet, die sich mit der höheren Grundnachfrage im E-Commerce als tragfähig erwiesen haben. Insbesondere die Nutzung von Social Media zum Verkaufen wird professionalisiert - sei es über Messenger, sei es über die Netzwerke selbst. Ich erwarte aber auch, dass die Notwendigkeit, angesichts des Wettbewerbs online noch bei den Kunden durchzudringen, zu einer Stärkung der Push-Kanäle und bei entsprechenden Unternehmen zu einer Profilierung der Marke führen wird.
  
Trotz der guten Wachstum-Zahlen ist die Lage aber weiterhin nur schwer berechenbar, weil sich noch nicht voraussagen lässt, wie viele Lockdowns noch kommen oder wie sich das Einkaufsverhalten nach dem Ende der Pandemie ändert. Sollten Online-Händler also bei Neuinvestitionen darauf achten, flexibel zu bleiben? 
Groß-Albenhausen: Wie es in der IT heute sinnvoll ist, Anwendungen in der Cloud zu nutzen, um auf Spitzen zu reagieren, ist es inzwischen auch möglich, Logistik mit hohem Servicegrad bei Dritten anzusiedeln. Aber wie in der IT gilt auch hier, dass einige Anwendungen eher "on premise" verbleiben (und zukünftig "on edge"), andere als Dienst auf externen Servern laufen. Für E-Commerce-Unternehmen ergibt sich dadurch die Chance, isolierbare Sortimente oder Märkte oder "Marken" einfacher mit Partnern zu testen. Genau so gibt es externe "Dev Ops"-Teams, die ein Sortiment komplett im Look and Feel einer Marke aufsetzen und auf Marktfähigkeit testen. Solche Strukturen sind gerade in Zeiten, wo Personal die knappste Ressource ist, durchaus eine Möglichkeit, Opportunitäten zu realisieren.



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