Chancen im Touren und Freeride-Segment 03.02.2019, 12:20 Uhr

Über die Alpinskibindung muss wieder geredet werden

Nur bei Tourenski wird noch montiert, individuell konfiguriert, Geld verdient. Alpinskibindungen sind unattraktiv, die gibt’s „so“ dazu. Aber es besteht eine Chance, ihren Wert wieder herauszuheben.
Ein Beitrag von Marc Schneider
Man muss heutzutage lange suchen, bis man einen Händler findet, bei dem überhaupt noch Bindungen einzeln über die Theke gehen. Christian Müller (Sport Oberhorner, Bad Endorf) ist einer, der noch montiert. Der Fahrwerks-Tuner hat mit Bindungsplatten bei Rennski experimentiert, weiß, welcher Kunde den Riesenslalomski von Völkl in der 850-Euro-Variante mit der normalen Motion-Platte oder in der 1.000-Euro-Variante mit der Rennplatte braucht. Aber das Engagement im Rennsport ist kein Umsatzbringer, allenfalls mit Leidenschaft gepaarter Kompetenzbeweis. Bobby Krapp (Sportbörse Aalen) nennt die Rennabstimmung von Ski, Platte und Bindung einen Randbereich für ein Prozent der Skifahrer. „Wir sind einer der wenigen, die diesen Service bieten“, weiß er nur zu gut. Die bittere Wahrheit ist: Die Bindungsmontage bei Pistenski gibt es nicht mehr.
Es gibt heute kaum noch Händler, die Bindungen für Alpinski einzeln anbieten.
Quelle: Salomon
„Im Alpinbereich hast du nur komplette Sets“, stellt Müller nüchtern fest. Bindungsmontage finde nur noch bei Touren- und Freeride-Ski statt, mit einem Schwerpunkt auf dem wachsenden Skitourenmarkt, wie Dr. Martina Wengenmeir (Amer Sports) differenziert. „Fans dieser Diszi­plinen stellen sich ihre Kombination gerne selbst zusammen“, weiß Volker Brötzenberger, Business Unit Manager von Marker. „Touren sind im Trend“, bestätigt auch Krapp. „Die Beratung ist komplex, da bietet sich die Chance, den Service der Bindungsmontage aktiv zu verkaufen.“
Tüftler unterbieten sich mit immer leichteren Titan- und Magnesium-Bindungen. Sie sind ein Katalysator für ein ganzes Segment: „Der Trend liegt im Moment bei sehr leichtgewichtigen Bindungen“, weiß Brötzenberger. Das Preis-Gewichts-Verhältnis ist bei diesen Bindungen faszinierend. Ebenso fasziniert sind Sportler von deren Funktion, sodass sie bereit sind, bis zu 500 Euro dafür auszugeben. Nicht nur Rennsportler investieren hier viel Geld. Und bei Touren herrscht Vielfalt. Es gibt noch die Rahmenbindung. Es gibt Hybridsysteme wie Markers „Kingpin“, die für die Schnittmenge von Skitour und Free­ride steht. Es gibt Modelle, die man von Alpin- auf Tourenskistiefel umstellen kann. Kurzum: Es gibt noch was zu erzählen am PoS, das Beratungsfeld ist gewaltig, hier ist noch Geld zu verdienen.

Beratung bei Touren- und Freeride-Bindungen

Doch Tourentrend hin oder her: Bei 80 bis 90 Prozent der Ski wird die Bindung mitgeliefert – keine Auswahl, kein Zusatzgeschäft, keine Beratung. Andreas König, Leiter des Verbraucherschutzes und Sicherheitsexperte bei den Freunden des Skisports e.V. im Deutschen Skiverband (DSV), verfolgt mit Sorge den Wertverfall der Skibindung. König stellt die Sets nicht infrage, akzeptiert sie als wichtigen Schritt in der Skientwicklung. Doch seit vielen Jahren begleitet der DSV-Partnerverband mit der Stiftung Sicherheit im Skisport die Entwicklung, führt Händlerschulungen durch. Was König da erlebt, missfällt ihm. Die wichtige Serviceleistung der Bindungseinstellung bekommt der Kunde heute gratis. Die Bindung geht „so“ mit raus. „Ein Verbraucher interessiert sich überhaupt nicht dafür, was für eine Bindung drauf ist“, sagt König und bemängelt, dass manche Händler nicht einmal das Angebot zweier Bindungsvarianten bei Alpinski zu nutzen wüssten: Kunden eben vor die Wahl zu stellen, welche Bindung besser wäre. „Es sollte wieder mehr über die Bindung erzählt werden“, fordert König und nennt im Zuge dessen gerade GripWalk als eine Chance.

Neuer Fokus durch GripWalk

Matthias Klaiber, Marketingleiter Head Germany, sieht bei Endverbrauchern Bedarf an umfassenden Informationen über GripWalk: „Die suchen im Handel nach kompetenter Beratung. Wir sehen uns in der Pflicht, bei den Händlern für Klarheit zu sorgen.“ Na dann, auf geht’s! Bevor es zu spät und die Verwirrung eingetreten ist. Denn so sieht die Realität aus: „Das interessiert niemanden. Wir sorgen eher für Verwirrung, wenn wir darauf hinweisen“, sagt Krapp unverblümt. Aufklärung auf breiter Ebene ist angesagt. „Die Kunden wollen wissen, ob GripWalk für sie nutzbar ist – vor allem, wenn sie noch ältere Ski oder Schuhe besitzen“, sagt Brötzenberger, und Wengenmeir flankt ein: „Aktuell weiß der Kunde wenig über GripWalk. Es herrscht somit keine Verunsicherung, vielmehr besteht dadurch die Chance auf intensive Beratung.“ Übersetzung gefällig? Der Einsatz ist verpasst, das Orchester kann sich aber noch sammeln. Nur wenn jetzt Profis am Werk sind, reißt die Missstimmung in diesem Stück nicht ein.
Racer werden die harte Alpinsohle nicht aufgeben. Es kommt also eine weitere Norm hinzu. Und Händler, die sich der Herausforderung stellen, verwirrten Skifahrern Klarheit zu vermitteln, können punkten. Vielleicht gelingt es ja wieder, diese wichtige Botschaft bei den Kunden zu platzieren: „Skibindungen sind wertvoll, sie dienen Ihrer Sicherheit.“ Allein die Unfallstatistik (siehe links) zeigt: Diese Wertschätzung haben Bindungen verdient.
Unfallstatistik
32,4 % betrug der Anteil der Knieverletzungen an allen durch Skiunfälle verursachten Verletzungen in der Saison 2017/18. Er stieg damit im Vergleich zur Vorsaison (31,6 Prozent) etwas an – trotz leichtem Rückgang bei den Frauen (42,9 statt 44,2 Prozent). Denn dem steht ein ­signifikanter Anstieg bei den ­Männern (26,4 statt 23,4 Prozent) ­gegenüber. Eine Entwarnung kann also nicht gegeben werden.
(Quelle: ASU-Unfallstatistik 2017/18)

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