Auf die weibliche Zielgruppe zugeschnitten 07.08.2019, 08:37 Uhr

So feminin sind Outdoor-Produkte

Hinter der Entwicklung von Ausrüstung speziell für Frauen steht grundsätzlich der Aspekt der besseren Passform. Doch nicht bei allen Warengruppen, bei denen Individualisierung möglich ist, rentiert sich diese für jeden Hersteller.
Es ist noch gar nicht so lange her, dass bei Outdoor-Ausrüstung kein Unterschied hinsichtlich des Geschlechts der Nutzer gemacht wurde. „Wir feiern dieses Jahr 25 Jahre Passform für Frauen“, erklärt dazu Rucksackspezialist Osprey. Komfort ist heute meist ausschlaggebend für die Entwicklung frauenspezifischer Produkte. Dabei ist der Rucksack nicht mehr der einzige Artikel innerhalb der Outdoor-Ausrüstung, bei dem es Unterschiede zwischen Modellen für Frauen und Männer gibt. Allerdings ist er noch immer das Ausrüstungsobjekt, bei dem die meisten Hersteller mitgezogen haben. Deutlich seltener wird bei Klettergurten, Wander- und Trekkingstöcken oder Schlafsäcken nach Geschlechtern unterschieden, und bei Kinderkraxen ist Deuter derzeit sogar der einzige Lieferant, der ein Frauenmodell im Sortiment führt.
Die Rückenlänge ist nicht der einzige Aspekt, der Damenrucksäcke von jenen für Herren differenziert. Je nach Hersteller setzen sich die Modelle für Frauen durch die Breite des Rücken-Panels, Form und Breite der Schultergurte sowie deren Ansatzpunkt und Polsterung, Position der Brustgurtschnalle, Abstand der Hüftflossen zueinander, Befestigungswinkel der Hüftflossen sowie deren Form und Länge von Unisex-Modellen ab. „Die Passform ist bei Frauen deutlich wichtiger als die Farbe oder jedes andere Detail am Rucksack“, erklärt dazu Angela Vögele, beim Rucksackspezialisten Deuter für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Auf die Details kommt es an

Auch wenn es bei den Funktionen, die gesucht werden, grundsätzlich keinen großen Unterschied zwischen Frauen und Männern gibt, haben einige Lieferanten festgestellt, dass Frauen Wert legen auf durchdachte Details und praktische Features. Lowe Alpine achtet bei der Produktentwicklung insbesondere auf eine leichte Zugänglichkeit von Hauptfach und Seitentaschen. Und auch bei Mammut gibt es bei Damenrucksäcken einen Fokus auf „spezifische, bequem zu bedienende Taschenlösungen“, so Max Lenk, Head of Business Unit Hardware bei der Schweizer Marke. Bei The North Face setzt man in dieser Hinsicht auf Multi-Taschen und die Möglichkeit, an größeren Taschen eine abnehmbare kleine Tasche für die wichtigsten Dinge unterzubringen.
Bei Rucksäcken gibt es zahlreiche Unterschiede zwischen Modellen für Frauen und Männer.
Quelle: Vaude
„Frauen achten sicher mehr auf die praktischen Details im Alltag“, erklärt Benedikt Tröster, bei Vaude verantwortlich für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. „Da geht es um ein gepolstertes Fach für die Sonnenbrille oder um Einsteckfächer mit Reißverschluss für Kleinzeug.“ Ein Feature, das bei Kundinnen besonders gut ankommt: Die Regenhülle der Rucksäcke von Vaude hat Henkel und kann zugleich als Einkaufstasche oder zum Verstauen von Nasswäsche verwendet werden.
Als einziger Hersteller kann Mammut einen klaren Unterschied hinsichtlich der bevorzugten Rückenkonstruktion ausmachen. Global seien die Verkaufszahlen laut Lenk bei Netz- und Kontaktrücken aus­geglichen. In Zentraleuropa gebe es aber „eine klare Tendenz zu Netzrücken“.
Leichtigkeit ist für Damen bei ihrer Ausrüstung allgemein und bei den Rucksäcken im Speziellen genauso wichtig wie für Herren. „Ultraleicht hat außer in der Nische für Frauen aber keine große Bedeutung“, meint Tröster. „Das betrifft eher die – meist männlichen – Gear Freaks.“ Allerdings stellt Tobias Maletz, Produktmanager Backpacks bei Ortovox, fest: „Form und Farbe eines Rucksacks spielen in der Regel eine größere Rolle als das Gewicht.“

Die Farbe ist wichtig – aber nicht nur für Frauen

„Der ästhetische Anspruch an Outdoor-Produkte ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Zeitgemäßes, ansprechendes Design ist ein extrem wichtiger Faktor für Frauen und auch für Männer“, erklärt Max Lenk (Mammut). Und Lowe Alpine schließt sich an: „Das Design ist neben der Funktionalität ohne Zweifel ein nicht zu vernachlässigendes Kriterium – sowohl bei den Damen wie auch bei den Herren.“ Dabei komme es nicht auf eine spezielle Farbe, sondern auf die gesamte Tonalität an. „Grundsätzlich stellen wir immer wieder fest, dass die üblicherweise als typisch weiblich geltenden, eher grellen Farben von unseren Kundinnen nicht besonders stark nachgefragt werden.“ Auch Millet arbeitet nicht mit Knallfarben. „Wir kämpfen gegen das Klischee von Blau für Männer und Rosa für Frauen“, erklärt Yoann Mougel, Rucksackdesigner bei der französischen Marke. „In dieser Saison bieten wir einige sehr subtile, dunklere Farbkombinationen für Frauen an, die mit wenigen hellen Farbakzenten abgerundet werden. Besonders die Farbe Blau spielt in verschiedenen Nuancen eine wichtige Rolle.“
Kontrovers sieht Angela Vögele (Deuter) das Thema: Einerseits sei die Optik für Frauen wichtig, andererseits sollte der Rucksack immer zum jeweiligen Outfit passen. „Daher werden Rucksäcke doch oft in dunkleren Tönen gekauft.“ Aber sie sieht auch eine Gegenbewegung: „Frauen greifen aktuell mehr zur Farbe als früher. Denn: Sie kaufen sich häufiger einen neuen Rucksack, natürlich abgestimmt auf den jeweiligen Verwendungszweck.“
„Es gibt durchaus feminine Farben und Farbkombinationen“, erklärt Lars Föll, General Manager von Gregory Europe, „wobei wir kein ‚pink it and shrink it‘ (zu Deutsch: Mach es pink und kleiner) betreiben“. Während Herren eher Grundfarben bevorzugen würden, gebe es bei Frauen eine Präferenz für Mischtöne. „Ziemlich angesagt ist bei Damen derzeit ein kräftiger Blaugrün-Ton.“ Dunkles Blau greift auch Osprey auf, außerdem Dunkelrot und Erdtöne. Weniger gedeckt sieht es bei Ortovox aus: „Für Sommer 2020 geht der Trend zu monochromen Designs, die farbenfrohe Palette von Ortovox wird aber weiterhin Bestand haben“, so Tobias Maletz.

Die Kraxe für die Dame

Ähnlich wie beim Rucksack spielt auch bei der Kinderkraxe die Passform eine wesentliche Bedeutung. Allerdings ist Deuter bislang der einzige Hersteller, der ein Damenmodell herausgebracht hat. „Irgendjemand muss ja als Erstes die Idee haben“, meint Vögele auf die Frage, warum der Wettbewerb in dieser Hinsicht hinterherhinkt. „Vielleicht sehen andere Hersteller darin auch kein großes Umsatzpotenzial.“ Bislang sei die Resonanz zu der Kraxe, die sich in der ersten Verkaufsrunde befindet, durchweg positiv. Mit dem Reinverkauf in den Handel ist man zufrieden, auch wenn das Modell natürlich nicht mit den Unisex-Kraxen mithalten könne. „Viele Familien kaufen unisex, weil Mutter und Vater die Kraxe tragen“, berichtet Vögele. „Das Frauenmodell wird eher von Familien angeschafft, die eine zweite Kraxe benötigen, weil noch ein weiteres Kind dazugekommen ist, oder von Frauenpaaren.“

Wenig Frauenprodukte bei Stöcken, Schlafsäcken und Co.

Schlafsäcke wählen Frauen nicht wegen der Farbe, sondern wegen ihrer Wärme.
Quelle: Exped
Blickt man auf andere Produktkategorien, werden die Angebote für Frauen deutlich geringer. Exped weist zum Beispiel Schlafsäcke für Frauen aus, die sich nicht nur in Farbe und Länge absetzen. „Unsere Frauenschlafsäcke zeichnen sich durch eine proportional stärker befüllte Fußbox aus und durch einen schmaleren Schnitt“, ­erklärt Eicke Thiele, Produktmanager Schlafsäcke beim Outdoor-Ausrüster. Hinsichtlich Funktionalität trete für Frauen das Gewicht des Schlafsacks an die zweite Stelle hinter der Wärme zurück. Und in Bezug auf Farben gebe es zwar gewisse Präferenzen, doch „kein pauschales ‚Kassengift‘ und keine ‚Selbstläufer‘“, so Thiele.
Die richtige Passform steht auch bei der Entwicklung von Klettergurten für Damen im Fokus. „Wir bieten spezielle Damenmodelle, bei denen Hüftgurt und Beinschlaufen angepasst sind, für besonderen Komfort und um den Bedürfnissen des weiblichen Körpers nachzukommen“, erläutert Jonathan Hilborn, Go-to-market-Manager Europe bei Black Diamond. Im Hause Arc’teryx bestehen die Unterschiede insbesondere im Abstand zwischen den Beinschlaufen und dem Hüftgurt. Außerdem folgt der Hüftgurt dem schräg verlaufenden Becken der Frau; die Beinschlaufen haben im Verhältnis zum Bauchgurt eher mehr Umfang. Und Magnus Råstrøm, Senior Productmanager Climbing Gear bei Mammut, erklärt: „Unsere Damengurte haben im Vergleich zu Herrenversionen breitere Beinschlaufen. Für die Saison 2020 präsentieren wir Gurtformen mit einer speziell für Frauen entwickelten Passform. Diese Gurte haben eine geschwungenere Form als jene für Männer, da Frauen normalerweise eine breitere Hüfte haben.“ Bei Mammut ist man außerdem überzeugt, dass sich Frauen wie auch Männer modebewusst zeigen. „Der Klettergurt muss gut zu Kletterhose und Top passen. So werden die Farben des Gurtes stark von den Modefarben der Saison beeinflusst.“
Schließlich spielen auch bei Wander-stöcken die Unterschiede zwischen weiblicher und männlicher Anatomie eine Rolle – was aber nicht jeder Hersteller so sieht. Bei MSR ist man der Auffassung, dass frauenspezifische Produkte nicht in jedem Segment sinnvoll sind. Bei Trekkingstöcken gebe es keinen Grund, unterschiedliche Stöcke fürs das jeweilige Geschlecht herzustellen. Deshalb setzt das Unternehmen ausschließlich auf Unisex-Modelle.
Anders sieht das bei Black Diamond und Leki aus. „Die Griffe der Stöcke sind ergonomisch der weiblichen Anatomie angepasst“, erklärt Jonathan Hilborn (Black Diamond). „Auch die Handgelenkschlaufen sind besonders geformt und erlauben eine angenehmere Handhaltung.“ Eine kürzere Gesamtstocklänge, eine schmalere Griffform und schlankere Rohrdurchmesser zählt Christian Nordhaus, Produktmanager bei Leki, als Unterschiede zu den Herrenvarianten auf. Vor allem das Gewicht des Stockes, so die Meinung beider Hersteller, ist für Frauen ein wesentliches Kriterium bei der Kaufentscheidung. Außerdem sind in der Wahrnehmung der Produktqualität bei Frauen angenehme Materialien für das Griffsegment von größerer Bedeutung als für Männer. „Schließlich spielen auch gefederte Modelle eine große Rolle“, so Nordhaus, „da diese einen Zugewinn hinsichtlich Komfort liefern.“

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