Vom Allrounder zum Spezialisten 18.01.2019, 09:00 Uhr

Die Geschichte des Skischuhs

Während es Händler mit dem Skiverkauf immer schwerer haben, geben Wintersportler gerne viel Geld für ihre Skischuhe aus. Vom ledernen Bergstiefel zum heutigen High-Tech-Skiboot dauerte es jedoch über ein Jahrhundert.
Ob der griechische Philosoph Heraklit wohl an Skischuhe dachte, als er seinen berühmten Ausspruch „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“ zum Besten gab? Wohl kaum. Dennoch steht die Entwicklung des Skifahrens und damit auch die des Skischuhs in engem Zusammenhang mit kriegerischen Auseinandersetzungen. Die bereits im 13. Jahrhundert in nordischen Königssagen erwähnten Ski kamen während des Krieges der Norweger gegen die Schweden (1716–1718) erstmals in größerer Zahl zum Einsatz. Mitte des 19. Jahrhunderts brachten norwegische Reisende die Sportart in die hiesigen Alpenregionen wie zum Beispiel ins schweizerische Davos. Hier fertigte der Schuster Franz Heierling 1883 den ersten Skischuh nach Muster der norwegischen Lauperschuhe an.
Auch der Erste Weltkrieg ist entscheidend mit der Geschichte des Skischuhs verbunden: Bis in weit entlegene Hochgebirgsregionen fanden in den Dolomiten harte Kämpfe zwischen den Italienern und den Österreichern, unterstützt von deutschen Truppen, statt. Zu dieser Zeit (1915–1918) entstand die Wiege des modernen Skischuhs in einer kleinen norditalienischen Provinzstadt: Die Soldaten kamen auf ihrem Weg in die Dolomiten durch Montebelluna, wo die dortigen Schuster festes Schuhwerk für sie herstellten. Aus diesen Lederstiefeln entwickelten sich im Laufe der Jahrzehnte die heutigen Skischuhe. Noch heute setzen große Unternehmen wie Tecnica, Nordica, Lange, Scott oder Rossignol auf das Know-how der Schuster aus der norditalienischen Provinzstadt.

Alleskönner aus Leder

Adriano und Oddone Vaccari gründeten 1939 in Montebelluna unter dem Namen Nordica eine Schuhfabrikation. Nach dem Zweiten Weltkrieg fingen sie an, spezielle Schuhe aus Leder für das Skifahren aus Leder herzustellen. Die schweren Schuhe wurden damals aus sehr steifem Leder
gefertigt, hatten keine spezielle Sohle und wurden mit Lederriemen auf dem Ski „festgezurrt“. Um sie wasserfester zu machen, rieb man sie mit Wachs oder Tierfett ein.
Im Laufe der 1940er-Jahre veränderten sich die Schuhe so, dass sie besser an der Bindung fixiert werden konnten. Der italienische Bergsportspezialist Dolomite setzte vom Design her neue Maßstäbe durch Merkmale wie die eckige Zehe und die doppelte Hinterrille, die dann auch bei anderen Skischuhherstellern zum Einsatz kamen. Auch der bayerischen Schuster Meindl stellte damals lederbesohlte und holzgenagelte Skischuhe her, die vorne über eine Bindungsaufnahme mit 75 mm und eine mit Metallkanten stabilisierte Sohle verfügten.
Mit der zunehmenden Beliebtheit des Skifahrens begann Mitte der 1950er-Jahre die Massenproduktion von Skischuhen, die, angekurbelt von den Olympischen Winterspielen in Cortina d’Ampezzo 1956, wiederum in Montebelluna entstand. Ein großer Schritt in der Entwicklung des Skischuhs war der Versuch von Robert (Bob) Lange, dem Gründer des gleichnamigen Unternehmens, einen kunststoffver-stärkten Skischuh unter Verwendung von Polyesterharz herzustellen. Der erste Plastik-Boot mit Schnürsenkeln kam 1962 nur in limitierter Stückzahl auf den Markt. Optisch ähnelte das Modell mit seinen Schnürsenkeln jedoch noch seinem Vorbild aus Leder.
Stadt der Schuhe
Shutterstock / windwheel
Die norditalienische Stadt Montebelluna, etwa 67 km nordwestlich von Venedig in der Provinz Treviso und der Region Venetien gelegen, gilt aufgrund der vielen hier ansässigen Schuhhersteller als „Schuh-Hauptstadt“. Alle großen Skischuhmarken lassen in dem 30.000-Einwohner-Städtchen ihre neuen Modelle entwickeln: Ob Nordica oder Rossignol, Lange, Dynafit, Fischer oder Salomon – alle setzen auf die Qualifikation der italienischen Spezialisten.

Erfindung der Metallschnallen

Eine neue Ära begann mit der Einführung der Metallschnallen. Der Schweizer Hans Martin entwickelte den ersten Skischuh mit Schnallen. Als leidenschaftlicher Skifahrer hatte er sich in einer vollen Liftkabine darüber geärgert, dass er seine enggeschnürten Skistiefel nicht öffnen konnte. Die Schnallen wurden im Laufe der Jahrzehnte permanent weiterentwickelt, ihre grundsätzliche Funktion ist aber vom Prinzip her heute noch die gleiche. Hersteller wie Nordica, Lange oder Dolomite stellten Mitte der 1960er-Jahre die ersten Skischuhe aus Kunststoff mit Metallschnallen vor. Der Jetzendorfer Sportschuster Lowa schaffte 1961 einen der ersten Vollplastik-Spritzautomaten für Skischuhe an.
Mit der Erfindung der Sicherheitsbindung in den 1960er- und 1970er-Jahren, an der vor allem Georges Salomon, Gründer der französischen Marke, sowie Hannes Marker, Gründer des deutschen Bindungsherstellers, maßgeblich beteiligt waren, näherte sich der Skischuh langsam optisch seinem heutigen Pendant. Die Schuhsohle erhielt vorne und hinten fortgesetzte Arretierungsfortsätze für das Einrasten in den Backen der Bindung. Der Schuhabsatz verschwand allmählich.

Wunsch nach Komfort

Neben dem Anspruch an Sicherheit nahmen in den 1970er-Jahren auch der Wunsch nach Komfort zu. Daher wurde ab diesem Zeitpunkt vor allem am Innenschuh getüftelt, mit dem Ziel, ihn individuell an den menschlichen Fuß anzupassen. Durch PU-Schaum wurden nun die Innenschuhe an die jeweilige Fußform angepasst, was den Halt des Fußes und die Kraftübertragung auf den Ski verbesserte.
In den 1970er-Jahren der Renner auf den Pisten: die „Banane“ von Nordica.
(Quelle: Nordica)
Nordica brachte 1972 mit seinem „Astral Slalom“ den ersten Skischuh mit Innenschuh auf den Markt. Auch optisch war dieses Modell eine Besonderheit, weil es wegen seiner leuchtend gelben Schalenfarbe die „Banane“ genannt wurde. Im gleichen Jahr präsentierte auch Heierling mit dem Model „Hot Shot“ seinen ersten Custom-made-Skischuh mit geschäumtem Innenschuh, und Lowa entwickelte ein Air-System, das dank Luftpolsterung für einen optimalen Sitz des Fußes sorgte.  Heute gehören personalisierbare Innenschuhe zum Standard. Viele Hersteller bieten komplett thermoformbare Skischuhe an, bei denen auch die Schale schnell und unkompliziert geformt werden kann.
Lange sah als einer der ersten Hersteller den Bedarf nach Individualisierung. 1968 wird mit dem Modell „Competite“ der erste speziell für Frauen entwickelte Skischuh vorgestellt. 1971 brachte das Unternehmen auch den ersten Skischuh auf den Markt, der für den Einsatz im Rennsport konzipiert wurde.
In den 1980er-Jahren hatten viele Hersteller den sogenannten Heckeinsteiger im Angebot. Bei diesen Modellen sollte der Ein- und Ausstieg durch das Abklappen des gesamten hinteren Bereichs des Schuhs ab der Ferse erleichtert werden. 1988 stellte Lange das Modell „MID“ vor. Das System konnte sich im Vergleich zum Fronteinstieg des klassischen Alpin-Skischuhs jedoch nicht durchsetzen und blieb eine Modeerscheinung dieser Jahre.
Waren bisher die klassischen Skischuhe „Hardboots“, also Schuhe mit hartem Außen- und weichem Innenschuh, kamen 2002 erstmals „Softboots“ zum Einsatz. Sie waren gerade für Hobby-Skiläufer eine
Alternative zu den oft unbequemen Hartschalenschuhen und kommen sowohl beim Snowboarden, als auch bei dem aktuell wieder beliebten Telemarken zum Einsatz.
Auch der Leisten wurden in den vergangenen Jahren stetig weiterentwickelt. Heute bieten die meisten Hersteller Modelle in verschiedenen Leistenbreiten an. Die Form des Leistens wurde immer mehr den anatomischen Bedürfnissen angepasst. Der österreichische Skispezialist Fischer stellte 2003 Schuhe mit Soma-Tec vor: Die natürliche V-Stellung der Füße wird im Schuh beibehalten und der Körperschwerpunkt liegt auf der Skimitte.
„Einen Schritt in die Zukunft des luxuriösen Skifahrens“ verspricht die Schweizer Marke Dahu mit
ihrem Modell „Écorce 01“.
(Quelle: Dahu)
In den letzten zwei Jahrzehnten setzen die Hersteller immer mehr auf Leichtigkeit und „Walkability“. Vorangetrieben durch die wachsende Beliebtheit von Skitouring entwickelte Marker die Grip-Walk-Sohlen. Sie bestehen aus verschiedenen Materialien bzw. Zonen, um Touren- und Alpin-sohle zu kombinieren.
Ein völlig neues Skischuh-Konzept stellt das Schweizer Start-up Dahu mit seinem Modell „Écorce 01“ vor und kehrt damit quasi wieder zu den ursprünglichen Wurzeln des Skischuhs – dem Lederstiefel – zurück. Denn diese Skischuhe sind im Grunde genommen Winterstiefel, über die man ein Exoskelett stülpt. Dank seinem Corsair-Einstieg wandelt sich das Modell je nach Bedarf mühelos vom High-Tech-Skiboot zu einem stillvollen, isolierten Leder-Winterstiefel.
 

... weitere interessante SAZsport Themen