Designerin Anne Prahl im Gespräch 17.05.2019, 08:26 Uhr

Funktionelle Bekleidung muss interessanter und nachhaltiger werden

Funktionelle Stoffe „können was“, sind aber per se langweilig? Diese Meinung herrschte lange vor, wenn es um sportliche Styles und deren Materialien ging. Jetzt ist die Zeit, das zu widerlegen.
Die Messe Performance Days macht es sich zur Aufgabe, die Schönheit der funktionellen Stoffe und Materialien ins rechte Licht zu rücken. „The Beauty of Function“ hieß so auch der Focus Topic der gerade abgeschlossenen Messerunde.
Attraktive, „schöne“ Funktionsstoffe sollen gefallen, Wohlgefühl und Komfort vermitteln. Das fängt bei der Farbigkeit an, die sich an modischen Trends orientiert. Aber auch die Haptik ist ein ganz wichtiger Punkt. Stoffe werden als „schön“ wahrgenommen, wenn sie weich sind, mit luxuriösem, seidigem oder kuscheligem Griff, sich angenehm und kaum spürbar auf der Haut tragen und uneingeschränkte Bewegungsfreiheit ermöglichen. Zu Multitalenten werden sie, wenn sie zusätzlich mit funktionellen Attributen punkten. Sie wärmen oder kühlen, wenn es ihr Träger benötigt, egal ob während sportlicher Aktivität oder in Ruhepausen. Sie transportieren Feuchtigkeit rasch nach außen und trocknen schnell, ohne unangenehme Gerüche zu entwickeln. Alle diese Stoffe kommen aus dem Sport – wie sie eingesetzt und verarbeitet werden müssen, um alle ihre Vorteile auszuspielen, weiß die Sportbranche bestens. Wie dieses Styles dauerhaft erfolgreich sein können, erklärt die Designerin Anne Prahl im folgenden Interview.
SAZ Sports & Fashion: Anne, die Performance Days stand dieses Mal unter dem Motto: „The Beauty of Function“. Warum ist Schönheit wichtig für die Activewear?
Anne Prahl: Ich halte das für ein wunderbares Thema, denn es erlaubt uns allen in der Textilindustrie, noch einmal zu erforschen, was die Schönheit eines Stoffes ausmacht, und das im Kontext der Funktionalität für Performance-Bekleidung. Für mich sind das in erster Linie Stoffe, die mich in ihren Bann ziehen und begeistern, beispielsweise mit ­attraktiven Farben, interessanten Texturen oder Oberflächen, und die gleichzeitig einen angenehmen Griff haben, sodass man sie ständig ­berühren und damit auch tragen möchte. Für mich persönlich ist bei funktioneller Bekleidung insbesondere Farbe ein ganz wichtiger Faktor. Ich mag Farben, die mir ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Die richtigen Farben können beim Training und Workout positiv motivieren! Um schöne Performance-Bekleidung herzustellen, braucht es außerdem ­Komfort, vor allem bei Next-to-Skin-Stoffen, und natürlich einen perfekten Sitz, der durch die Qualität der Stoffe unterstützt wird. Innova­tive Herstellungsweisen spielen dabei eine große Rolle.
Anne Prahl auf der Performance Days
Performance Days
Die bekannte deutsche Designerin Anne Prahl lebt seit über 20 Jahren in London und hat sich auf nachhaltiges Design spezialisiert. Ihr Vortrag „Designing Beauty: Considered Innovation for Performance Products“ auf der Messe Performance Days am Donnerstag, den 9. Mai um 12:45 Uhr erörtert die Rolle der Nachhaltigkeit im Kontext der Krea­tion von schönen und funktionellen Stoffen sowie Funktionsbekleidung. Sie definiert den Begriff Schönheit im Kontext der Funktion und erläutert, wie diese durch Farben, Texturen, Stoffe und Bekleidungskonstruktion herausgearbeitet werden kann.
SAZ Sports & Fashion: Muss funktionelle Bekleidung interessanter werden?
Prahl: Ich glaube, wir sind schon mitten in diesem Prozess. Wir befinden uns in einer Ära, in der die Wiederholung bekannter Modelle mit ledig­lich neuer Farbe nicht mehr ausreichend ist. Die Verbraucher sind anspruchsvoller geworden, wenn es um Innovationen geht. Sie wollen überrascht werden – auf eine dezente oder ganz offensichtliche Weise. Außerdem erleben wir gerade einen großen Trend hin zu nachhaltigen Produkten, sodass Attribute wie Haltbarkeit und Langlebigkeit der ­Produkte zukünftig mehr an Bedeutung gewinnen.
SAZ Sports & Fashion: Was sollte sich an den Stoffen aus ästhetischer Sicht ändern? Kann dabei die Funktion der Stoffe erhalten bleiben?
Prahl: Ich glaube, dass die Stoffhersteller mutiger geworden sind, wenn es um die Ästhetik und das Handfeel von funktionellen Stoffen geht. Ich bin immer begeistert über die Vielfalt der Oberflächen und Texturen der Stoffe, die bei der Performance Days gezeigt werden. Mein Anliegen ist, dass auch die Umweltgesichtspunkte bei der Entwicklung dieser ästhetischen Stoffe noch mehr mit einbezogen werden, denn derzeit gibt es noch zu viele schädliche chemische Prozesse bei der Herstellung von interessanten Oberflächen. Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Innovation in die Konstruktion der Faser und des Stoffes gesteckt wird, statt die Oberflächen durch chemische Veredelung und Ausrüstungen zu verändern!
SAZ Sports & Fashion: In welchem Maße beschränken die Ansprüche an Funktion die Designmöglichkeiten bei Sportbekleidung?
Prahl: Eigentlich sollten die funktionellen Ansprüche an Sportbekleidung nicht beschränkend, sondern im Gegenteil inspirierend sein! Die Herausforderung für die Designer ist es, neue Trends in Sachen Farbe, Stoff, textile Eigenschaften, Silhouetten und Styling mit den spezifischen Ansprüchen des Endverbrauchers in Einklang zu bringen, um somit einzigartige und begehrenswerte Produkte zu erschaffen. Vielleicht sehen manche Designer die funktionellen Ansprüche als Hindernis, um ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Aber die Schönheit der funktionellen Bekleidung liegt genau darin, dass diese Produkte für einen ­bestimmten Einsatzbereich designt sind und die Verbraucher sie dafür ­lieben.
SAZ Sports & Fashion: Wie kann funktionelle Bekleidung in Zukunft aussehen?
Funktionelle Materialien können zu modischen Styles verarbeitet ­werden, wie die Designs von Anne Prahl zeigen.
Quelle: Anne Prahl
Prahl
: Ich glaube, dass es in den nächsten Jahren einige einschneidende Innovationen in Bezug auf Herstellung und Recyclingtechnologien geben wird. Wir werden außerdem mit neuen Verbrauchermodellen konfrontiert werden, wie beispielsweise das Verleihgeschäft für Bekleidung oder eine konsequente Wiederverwertung. Das wird einen Einfluss darauf haben, wie funktionelle Bekleidung designt und benutzt wird. Nachhaltige Stoffe werden auf jeden Fall unersetzlich werden und immer größeren kommerziellen Platz einnehmen, da die Nachfrage der Verbraucher weiter ansteigen wird.
SAZ Sports & Fashion: Und wie kann dabei die Nachhaltigkeit integriert werden und gleichzeitig der Anspruch an schöne Styles erfüllt werden?
Prahl: Das ist die große Frage. Seit ich mich vor zehn Jahren entschlossen habe, meinen Fokus auf nachhaltiges Design zu legen, beschäftige ich mich damit. Es ist wichtig, kreative Wege zu finden und die Nachhaltigkeit zum festen Bestandteil des Designprozesses zu machen. In erster Linie muss die klare Vision bestehen, wofür eine Marke steht und wie die Nachhaltigkeit bei dieser umgesetzt wird, sodass die Designer daraufhin die Vision zur Realität machen können, indem sie die richtige Wahl bei Design, Material und Verarbeitung treffen. Meiner Meinung nach müssen wir Nachhaltigkeit von Anfang an in alle Designkonzepte integrieren. Das geht nur, indem die Designer auch in nachhaltigem und zirkulärem Design ausgebildet werden. Außerdem muss die Nachhaltigkeit im Design-Briefing eine wichtige Rolle spielen. Basierend auf dem Designkonzept können die bestmöglichen Stoffe und Zutaten gewählt werden, sowohl im Blick auf die Umwelt als auch die Funktionalität und die besondere, modische Optik. Wir Designer sollten die Stoffhersteller und Bekleidungsmarken regelmäßig dazu antreiben, Innovationen zu entwickeln, sodass es in Zukunft eine immer größere Auswahl an nachhaltigen und gleichzeitig modischen Optionen gibt.

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