Mehr als nur Kopieren 21.02.2019, 12:37 Uhr

Hier holen sich die Trendsetter der Branche ihre Anregungen

Man muss das Rad nicht immer neu erfinden. Diese Lebensweisheit lässt sich auf viele Bereiche übertragen. Doch ebenso gilt: Man sollte das Rad zumindest verbessern, um Mitbewerbern voraus zu sein.
Wer denkt, dass der Amerikaner Graham Bell das Telefon erfunden hat, der irrt. Bell hat sich mit der Entwicklung einen Namen gemacht, indem er sie 1876 zum Patent anmeldete – und er hat damit sicherlich das Kommunikationsverhalten der Menschen, wenn nicht sogar die ganze Welt völlig verändert –, doch eigentlich ist das Telefon bereits 1860 erfunden worden, und zwar von dem Deutschen Philipp Reis.
Was hat nun das Telefon mit der deutschen Sportartikelbranche zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel. Doch es geht weniger um den Apparat, der heute vielfach durch das Smartphone abgelöst wurde, sondern vielmehr um das Prinzip: Sich Inspiration von anderen holen und diese dann weiterentwickeln. Auch Vorreiter der deutschen Sportbranche wissen, dass es sich lohnt, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Aber auch für alle anderen gilt: Um etwas bedeutsames Neues entstehen zu lassen, ist gleichermaßen Eigeninitiative und Kreativität gefragt.
Interview
Jakob Keller, Mitgründer von Keller Sports
Keller Sports
In vielerlei Hinsicht beschreitet Keller Sports neue Wege, hat die Vorreiterrolle übernommen und gehört zu den Unter­nehmen, auf die andere schauen. Jakob Keller gibt Einblicke, was innovatives Marketing für Keller Sports ausmacht.
SAZsport: Marketing bedeutet mehr als klassische Anzeigenwerbung. Welche Kanäle sind für Keller Sports aktuell am wichtigsten? Warum?
Jakob Keller: Die Basics der Online-Kundenakquise sind die bekannten Performance-Marketingkanäle (SEA, SEO, Preisvergleiche, Affiliate usw.). ­Allerdings hat man hier den Nachteil, dass auch alle direkten Wettbewerber auf die interessanten Begriffe und Produkte mitbieten, was laufende Optimierungen erfordert, um weiter profitabel zu wachsen. Wir fokussieren uns bei Keller Sports auch deshalb schon seit einigen Jahren darauf, als eigene Marke mit eigenen Services ­unsere Premium-Zielgruppe an uns zu binden, und investieren in diesen Bereich (Premium-Membership, Keller sMiles etc.) sehr stark, was uns immer unabhängiger von den „klassischen Kanälen“ macht.
SAZsport: Gute Beispiele machen Schule – auch im Marketing. Wo holt sich Keller Sports Anregungen für sein Marketing?
Keller: Es gibt für uns wirklich überall Inspirationen. In allen Branchen, offline und online, bei kleinen wie auch großen Unternehmen.
SAZsport: Was macht eine Erfolg versprechende Marketingkampagne Ihrer Meinung nach aus?
Keller: Sie muss mutig sein, die Menschen emotional ansprechen, und das, was man verkörpert, muss zu den eigenen Markenwerten passen, für die man steht. Dabei kann die Kampagne gerne polarisieren, und die Reaktionen darauf können auch mitunter konträr sein. Sie sollte nur nicht beliebig sein und versuchen, es allen recht zu machen.
SAZsport: Gab es im vergangenen Jahr global gesehen eine Marketingkampagne, die Sie als besonders gelungen bzw. herausragend bezeichnen würden?
Keller: In jüngster Zeit war das sicherlich die Kampagne von Nike rund um Colin Kaepernick, und zwar genau aus den zuvor genannten Gründen.

Aktuelle Entwicklungen am Point of Sale

Im letzten Jahr sahen viele Händler Richtung Osnabrück, wo das Sporthaus L + T (Lengermann + Trieschmann) mit seiner Hasewelle von sich reden gemacht hat. Die Anregung dazu hat sich der Händler nicht etwa bei einem Mitbewerber geholt, sondern bei der Natur. Und zwar ganz konkret beim Münchner Eisbach, einem Surfparadies mitten in der Großstadt.
Beim Sporthaus Schuster in München wurde im letzten Jahr der Umbau abgeschlossen, ein Unterfangen, für das sich Geschäftsführer Rainer Angstl mit seinen Mitarbeitern rund um den Globus umgesehen und dabei Ideen für die Neugestaltung gesammelt hatte. Dabei waren es nicht nur kreative Ansätze, die das Team mitgebracht hat, sondern auch das Wissen darum, was nicht oder nicht besonders gut funktioniert. Als Ergebnis davon verzichtet Schuster beispielsweise weitgehend auf Videowalls und andere Bewegtbilddarstellungen im Laden, da diese andernorts häufig technische Probleme bereiten und wenig positiven Einfluss auf die Kunden haben. 
Engelhorn Sports setzt auf außergewöhnliche Blickfänger.
(Quelle: Engelhorn Sports)
Auch bei Engelhorn Sports wurde in diesem Jahr umgebaut. Dabei setzt der Mannheimer Sporthändler erneut auf sein Gastronomie-Konzept und hat bei der Neugestaltung das Café Gipfelkette in sein Sporthaus integriert. Mit der Verbindung von Shopping und Gastronomie gehört Engelhorn Sport und Mode zu den Vorreitern in Deutschland – auch wenn diese Entwicklung hierzulande erst recht spät begonnen hat. In Großbritannien etwa sind Restaurants in größeren Einzelhandelsgeschäften, Kaufhäusern, aber auch Supermärkten schon seit vielen Jahrzehnten gang und gäbe.
Engelhorn Sports
„Wachstum kann nur über Differenzierung und das Besondere gelingen“
Armin Weger
Engelhorn Sports
Engelhorn Sports ragt unter den deutschen Sportgeschäften heraus. Geschäftsführer Armin Weger erklärt, dass es bei einem einzigartigen PoS nicht nur auf die Ladengestaltung, sondern auch auf Verkäufer und Einkauf ankommt.
„Wir wollen uns differenzieren und als Leuchtturm im Sporteinzelhandel weiterentwickeln. Deshalb haben wir den Kreativ-Einkauf eingeführt. Wir glauben, dass künftiges Wachstum im Sporteinzelhandel nur über stärkere Differenzierung und das Besondere gelingt. Wir wollen den Kunden am Point of Sale Impulse geben und ihn mit unserer kreativen Sortimentsauswahl immer wieder verstärkt über­raschen. Der Blick geht weniger aufs Vorjahr, sondern mehr auf die Zielgruppen, Trends, Nachbarmärkte, auf Zukunft und Wachstumschancen. Damit einher geht gemeinsam mit dem Kreativ-Einkauf die Entwicklung des Sortiments und des PoS.
Für uns ist immer wichtig, den Kunden in unsere kompletten Überlegungen zu ­integrieren, sowohl am Point of Sale als auch online. Natürlich zählt dazu auch die Weiterentwicklung unserer Mitarbeiter. Ein Verkäufer von heute hat sich vom Berufsbild her verändert und wird dies auch weiter tun. Das Zusammenspiel zwischen Mensch, Fläche und Einkauf muss optimal funktionieren.
Und nicht nur auf den Verkaufsflächen müssen wir für die Kunden sinnlich-haptische und individuelle Erlebnisse schaffen. Wir erreichen dies mit dem Angebot un­serer Gastronomie sowie mit dem Ausbau unserer Communitys, die sich durch gemeinsame Sporterlebnisse bilden und den sozialen Aspekt vertiefen.
Derzeit dienen uns die innovativen Läden in New York und London als absolute Vorbilder, von denen wir uns inspirieren lassen, zum Beispiel Dover Street Market, The End und Selfridges.“

Sportindustrie blickt auf viele Branchen

Auch Sportartikelhersteller fangen selten von Grund auf neu an. Ganz im Gegenteil: Entwickelten sich früher beispielsweise erste Hersteller aus dem Schuster- und Lederhandwerk heraus, so kommen heute die Anregungen für neue Technologien und Materialien oftmals aus scheinbar weit entfernten Branchen wie der Automobilindustrie, der Biochemie oder auch der IT-Branche.
“Ursprünge von Innovationen können unterschiedlicher Natur sein. Für uns wichtig: der stetige Austausch mit unseren Kunden, Partnern, Athleten und Endverbrauchern, um mögliche Trends, Entwicklungen und Feedbacks zu sammeln, zu analysieren, Potenziale abzuschätzen und dann nächste Schritte einzuleiten. Dalbello kooperiert zum Beispiel mit der Universität Bologna. Gemeinsam mit den Wissenschaftlern dort wird an innovativen Materialien für den optimalen Skischuh gearbeitet. Insgesamt ist es unser Bestreben, Entwicklungen im Bereich Materialforschung genau zu beobachten und für unsere Zwecke zu analysieren.„
Jonathan Wiant, Präsident Brands bei Völkl
“Puma selbst hat viele Innovationen in der Sportbranche geschaffen: den ersten Fußballschuh mit anschraubbaren Stollen, den ersten Schuh mit Velcro-Bändern anstelle von Schnürsenkeln. Und wir waren die Ersten, die Chips in Schuhen verbaut haben. Der rote Faden dabei ist, dass wir außerhalb der Branche nach Neuem gesucht haben. Heute beobachten wir viele Branchen, darunter die Automobilindustrie, die Robotik, die Biochemie, den Einzelhandel, aber auch App-Hersteller, E-Sports und Musik. All diese Branchen inspirieren unsere Produktkreation. Innovation findet in allen Bereichen unserer Industrie und Lieferkette statt, und unsere Partner befinden sich in vielen unterschiedlichen Ländern.„
Charles Johnson, Global Director Innovation bei Puma
“Am Anfang jeder Innovation steht die Frage: Wie mache ich das Produkt für den Nutzer besser? Unternehmen sollten den Anspruch haben, ihren Kunden mit dem Produkt einen Mehrwert zu liefern – und künftige Anforderungen vorwegzunehmen. Auf der Suche nach relevanten Innovationen hilft der Blick in andere Branchen wie die Automobilindustrie oder die IT-Branche. Über allem stehen aber gesellschaftliche Megatrends. Sie sind ein guter Indikator für künftige Kundenbedürfnisse. Dabei konzentrieren wir uns auf die großen Themen Gesundheit, Wellbeing sowie Digitalisierung. Wir betrachten Neuheiten aus der ganzen Welt, mit Schwerpunkt aus Europa, und arbeiten gerne auch mit Start-ups.„
Dr. Henrik Vogel, Innovationsmanager bei Schöffel
“Als bayerisches Unternehmen bedeuten die Alpen für Ortovox nicht nur Heimat, sondern sind auch Inspirationsquelle. In den Bergen finden wir neue, innovative Ideen. Dazu gehört, dass unsere Heimat geprägt ist von einem regionalen Ursprung, von traditionellem Brauchtum und Handwerkskunst. Dies geht mit der Verwendung unseres nachwachsenden Rohstoffes einher: Wolle. Wir entdecken das Naturmaterial immer wieder neu und wollen es optimal für unsere hohen technischen und funktionellen Ansprüche einsetzen. Dabei beeinflussen Witterungsbedingungen wie Kälte oder Wind unsere Art zu denken und zu produzieren.„
Stefan Krause, Head of Product bei Ortovox
Insbesondere die Digitalisierung und Vernetzung von Sportartikeln sei hier genannt, die ein weites Feld an neuen Möglichkeiten eröffnet. Andererseits werfen diese neuen Materialien mitunter Probleme auf, die eigener Lösungen bedürfen. Nicht zuletzt seien hier die Bemühungen hinsichtlich Nachhaltigkeit genannt, wo Unternehmen vielfach selbst in Forschung und Entwicklung investieren müssen. Unter den Vorreitern der Branche sei insbesondere der Outdoor-Hersteller Vaude erwähnt, der dazu ein eigenes Innovationsteam beschäftigt.
Vaude
„Nachhaltigkeit ist kein Sprint, sondern eine permanente Aufgabe“
Hilke Patzwall
Vaude
Nachhaltiges Arbeiten gehört zur Firmenphilosophie von Vaude. Hilke Patzwall, Senior Manager CSR, Sustainability und Arbeitssicherheit, erklärt, an welchen Branchen sich Vaude orientiert und wo das Unternehmen selbst Vorreiter sein muss.
„Nachhaltigkeit ist kein Sprint, sondern eine permanente Aufgabe. Dabei ist das Thema vielfältig, sodass man sich in unterschiedliche Richtungen orientieren muss. Hinsichtlich Prozessen, Qualitätsmanagement und Transparenz über die Lieferkette schauen wir oft auf global vernetzte Unternehmen, zum Beispiel aus der Automobilindustrie, aber natürlich auch auf die Big Player der Textilbranche. Was Nachhaltigkeitsaspekte am Standort betrifft – Energie, Emissionen, Abfall, Mobilität, Biodiversität oder auch neue ,Geschäftsmodelle‘ wie ein Repair Café sowie soziale Aspekte für Mitarbeiter –, orientieren wir uns an Best Practices, egal woher diese kommen. Hier hilft uns unsere gute Vernetzung in die ­,grüne‘ Szene.
In Bezug auf Nachhaltigkeit in der textilen Lieferkette gibt es häufig keine geeigneten Vorbilder. Hier müssen wir oft Pionierarbeit leisten und selbst kreativ werden. Für uns als mittelständisches Familienunternehmen ist das eine echte Herausforderung. Doch hier versuchen wir, eine nachhaltige Veränderung mit der gesamten Branche zu erzielen.
Nachhaltigkeit am Produkt ist am kompliziertesten, weil am schlechtesten zu messen. Und es gibt keinen international verbindlichen Standard. Deshalb haben wir uns vor knapp zehn Jahren das Green-­Shape-Konzept erarbeitet. Hinsichtlich der ­Materialien arbeiten wir häufig an eigenen Ideen, die mit Hochschulen oder anderen Partnern erforscht und mit Lieferanten gemeinsam ausprobiert werden. Aspekte wie Design oder Reparierbarkeit haben wir im Rahmen unserer Green-Shape-Kriterien ebenfalls berücksichtigt. Unser achtköp­figes Innovationsteam hat Spezialisten in den unterschiedlichen Bereichen und ist durch diverse Forschungskooperationen, zum Beispiel zur Vermeidung von Mikroplasik, gut vernetzt. Das heißt, wir gehen in der Wertschöpfungskette ganz nach vorn. Wir schauen hier auf die Kunststoff- und Chemieindustrie und deren Aktivitäten bei Biopolymeren und Recycling. Von den Granulaten kommend suchen wir uns dann geeignete Partner zur Umsetzung in die Folie (Membran), Textil, Kunststoff-Parts oder auch in der Schuhsohle.“

... weitere interessante SAZsport Themen