Wenig Innovation, aber spannende Start-ups 12.04.2019, 07:58 Uhr

Das war die FIBO 2019

Die Besucherzahlen auf der FIBO, der weltweit größten Fitness- und Gesundheitsmesse, sind wieder gestiegen. Was es dort an neuen Produkten und Start-ups gab – und welche Rolle Insekten dabei spielten.
Die Entwicklung der FIBO lässt sich über die Jahre durchaus als Erfolgsgeschichte bezeichnen. So gelang es dem Ausrichter, der Reed Exhibitions Deutschland GmbH (Düsseldorf), im Laufe der Zeit immer mehr (internationale) Aussteller und damit ebenso Besucher nach Köln zu locken. Ein intelligenter Schachzug war aus Platzgründen der Umzug vor sechs Jahren von Essen in die Domstadt.
2.000 Besucher mehr als im Vorjahr waren vom 4. bis 7. April zur FIBO nach Köln geströmt.
(Quelle: Behrendt und Rausch)
Nach einer langen Phase des Wachstums auch hinsichtlich der Besucherzahlen, hatte die FIBO 2018 einen leichten Rückgang mit „nur“ 143.000 Menschen an den vier Tagen verbuchen müssen (Höchststand 2016: 153.000). Im Abschlussbericht der soeben zu Ende gegangenen Auflage konnte nun die Trendwende verkündet werden: Es waren 145.000 Besucher nach Köln geströmt, verteilt auf 133 Nationen, darunter mehr als 84.000 Personen vom Fach. Fast jeder dieser Fachbesucher komme mit konkreten Investitionsabsichten und schließe auf der FIBO entsprechende Kaufverträge ab, durchschnittlich 77.000 Euro betrage das Einkaufsvolumen, rechnen die Messeveranstalter vor. Bei den Privatbesuchern seien das durchschnittlich 125 Euro.

„Stellenwert der FIBO nimmt zu“

International zeigte sich auch das Feld der Aussteller: 1.105 Marken aus 49 Nationen füllten eine Fläche von 160.000 Quadratmeter mit den Hallen 4.1 (Group/Aqua Fitness, Kampfsport), 4.2 (Fitnesstextilien, Sporternährung), 5.2 (EMS/Vibrationstraining, Cardio & Strength), 6 (Cardio & Strength), 7 (Cardio & Strength, Physiotherapie), 8 (Physiotherapie, Wellness & Beauty), 9 (Functional Training) sowie 10.1/10.2 (Sporternährung) fast vollständig aus. Dabei stellte Deutschland den größten Teil der Unternehmen (478), gefolgt von China (103) und den USA (52; Sonstige: 187).
Fazit der FIBO-Chefin Silke Frank: „Die FIBO ist der weltweit wichtigste Handelsplatz der Branche. Die Zielsetzung, den Business-Charakter der Messe durch den Ausbau der Internationalität weiter zu steigern, ist voll aufgegangen. Das Line-up der in Köln vertretenen Nationen ist beeindruckend. Der Stellenwert der FIBO nimmt von Jahr zu Jahr zu.“    
Die US-Marke Under Armour gab ihr Debüt auf der FIBO mit einem eigenen Stand und stellte dabei unter anderem. ihre neue Trainingskollektion „Rush“ vor.
(Quelle: Florian Bergener)
Zum ersten Mal war übrigens auch Under Armour auf der Messe präsent, und ziemlich medien- und publikumswirksam wurden dort die Trainingskollektion „Rush“ und das neue Testimonial, Rennfahrer Mick Schumacher, Sohn von Formel-1-Legende Michael Schumacher, vorgestellt. Zudem hatte die US-Marke mehr als 30 europäische Influencer und 500 Konsumenten zu einer „Premium-Workout-Erfahrung“ eingeladen. „Wir sind sehr zufrieden, weil unser Konzept funktioniert hat – im Bereich PR, Social Media und Retail“, resümiert Nicolas Schwartz, deutscher Brand-Marketing-Manager, nach der Messe.

Beco und Fitbit halten die Fahne hoch

Die Fahne unserer Branche auf der bekanntlich sehr Fitnessstudio-orientierten FIBO hatte auch Schwimmsport-Anbieter Beco hochgehalten, der sich traditionell in Halle 4.1 neben einigen äußerst lautstarken Ausstellern aus dem Group-Fitness-Sektor präsentiert. Die Marke gestaltet das Show-Programm aber selbst auch mit, und das war 2019 nicht anders: In einem großen Wasserbecken gab es an den vier Tagen über 40 Vorführungen aus dem Aqua-Fitness-Bereich. Thomas Pestel, Marketingleiter im Unternehmen, zeigte sich mit dem Auftritt wieder sehr zufrieden. Letztendlich geht es auf der FIBO darum – gerade für Marken, die nicht nur im professionellen, sondern auch im kommerziellen Bereich (= Angebot an Händler/Endverbraucher) unterwegs sind –, neudeutsch „Brand Building“ zu betreiben, sprich die Markenbekanntheit zu steigern. Orders spielen hier keine große Rolle. „Die Deals machst du auf den Sport-2000-Messen und der Redblue“, weiß Pestel. Dennoch würde er sich wünschen, mehr Sporthändler auf der Messe zu sehen beziehungsweise am Stand begrüßen können – nur etwa jeder zwanzigste Besucher sei ein solcher –, um „Trends aufzuspüren“, wie der Manager betont.
Als ein Vertreter des Wearables-Sortiments war neben Polar auch Fitbit vor Ort – aber nicht nur, um das (neue) Produktsortiment an Fitnesstrackern und Smartwatches vorzustellen, sondern auch, um diese am Stand zu verkaufen. Die Marke sucht sich dafür immer Handelspartner, und dieses Jahr hatte man sich für Saturn entschieden. Ganz einfach deshalb, beteuert Michael Maier, Deutschland-Chef von Fitbit, weil manche Sporthändler, darunter der letztjährige Partner Karstadt Sports, das Angebot abgelehnt hatten. Auch ein Anlass für den Manager, seinem „Frust“ darüber Ausdruck zu verleihen, dass sich der Sporthandel generell immer mehr aus dem Wearables-Geschäft zurückzieht. Fitbit beliefert derzeit 10.000 Türen in Deutschland, und 20 Prozent davon gehören diesem Vertriebskanal an – Tendenz fallend. „Wir haben dort in den letzten Jahren einige Händler verloren“, klagt Maier. Es gebe ein so großes Wachstum bei dem Thema, und der Sporthandel nutze es nicht. „Der geht hier an einer wirklich großen Chancen vorbei“, ist Maier überzeugt. Natürlich verdiene er weniger an einem Elektronikartikel, aber das sei kein Grund, das Thema komplett außer Acht zu lassen. „Ich muss als Händler, heute noch mehr denn je, für den Endkunden attraktiv bleiben“, betont Maier. „Und wenn ich jetzt alle Warengruppen rausnehme, die als Händler für mich nicht mehr attraktiv erscheinen, dann wird der Endkunde halt woanders nach dem Produkt suchen.“ So treibe man diesen mit aller Macht von sich weg. Im Elektronik-Fachhandel habe es vor fünfzehn Jahren eine ähnliche Entwicklung gegeben.

Die Award-Gewinner der FIBO 2019

Nicht viel wirklich Neues gab es auf der FIBO hinsichtlich Innovationen im Heimfitness-Bereich zu bestaunen. Die nominierten Produkte und Gewinner des Innovation & Trend Award 2019 waren fast alles Entwicklungen für den professionellen Bereich. Eine der Ausnahmen: die beiden Kugeln der  Marke Ballance Concept (Bochum, Geschäftsführer: Dr. Tanja Kühne und Frank Lause), die als handliche, federnde Trainingspartner die Brustwirbelsäule entspannen und die Bandscheiben entlasten sollen. „Sie wirken der in der heutigen Gesellschaft viel zu häufig sitzenden Tätigkeit in vielen Dienstleistungsberufen entgegen. Das Gerät ermöglicht außerdem eine einfache und wirkungsvolle sofortige Rückmeldung zu einem korrekten Haltungsaufbau“, lautet das Urteil der Fachjury um den bekannten Gesundheitspapst Dr. Ingo Froböse. Weitere Gewinner dieses Awards waren unter anderem der virtuelle Trainingsassistent „Elias“ der Marke Facefore aus Saarbrücken, der dem potenziellen Studiomitglied im Erstgespräch die Trainingseffekte mittels VR aufzeigt, sowie der „ExerCube“ von Sphery, der die Bereiche Training/Bewegung und Gaming miteinander verknüpft.
Unter den Nominierten befanden sich interessanterweise auch zwei Unternehmen aus dem Bereich Sporternährung – Hans Brainfood aus Regensburg mit dem nährstoffreichen Riegel „Hans“ und  die Käserei Loose aus Leppersdorf bei Dresden, deren „Quäse“ (= Quark + Käse) bereits im TV beworben wurde. Was zeigt, dass sich in diesem Segment unheimlich viel tut, und der Boom des Fitnessfoods wohl noch längere Zeit anhalten wird.

„Probieren Sie Insekten“

Start-ups schießen in diesem Bereich ohnehin wie Pilze aus dem Boden. Viele Jungunternehmen haben sich zum Ziel gesetzt, die Welt mit ihren Riegeln ein Stück besser zu machen. Die einen setzen auf vegane Erzeugnisse, andere aber auch immer mehr auf ungewöhnliche tierische. Die Vereinten Nationen fordern schon seit Jahren von den Menschen dieser Erde, Insekten zu essen. Diese enthielten alle essenziellen Aminosäuren und wichtige Mikronährstoffe, und zudem verbrauche der „Gewinn“ dieser Art nur einen Bruchteil der natürlichen Ressourcen im Vergleich zu klassischen Proteinquellen wie Fleisch oder Molke. Auf der FIBO hatten sich in diesem Jahr auch einige Unternehmen präsentiert, die den Besuchern ihre Insektenriegel schmackhaft machen wollten. „Probieren Sie Insekten“, lautete eine Einladung auf einer Tafel an einem Stand (die durchaus missverständlich bzw. unvollständig formuliert war – der eine oder andere dürfte dabei an den Verzehr ganzer und nicht gepresster Tiere gedacht haben).
Die Insektenriegel der Marke Swarm Nutrition werden mit den Geschmacksrichtungen Red Berries, Chia Hazelnut und Raw Cacao angeboten.
(Quelle: Swarm Nutrition)
Die Geschichte solcher neuen Marken klingt dann auch durchaus kurios: Timo Bäcker, Gründer und CEO von Swarm Nutrition (Köln), seit 2017 auf dem Markt und Gewinner eines der letztjährigen FIBO-Awards, berichtet, wie er mit Freund und Geschäftspartner Christopher Zeppenfeld quer durch Südostasien gereist war und alles an Insekten gegessen hatte, was ihm zwischen die Finger kam – Käfer, Hornissen, Larven, Ameisen, Kakerlaken. Letztendlich wurde dann die Grille als Verarbeitungsobjekt auserkoren, und seitdem arbeitet das Unternehmen mit einem Kleinbauern aus Thailand zusammen, der die Tiere züchtet, zu Pulver verarbeitet und die Masse nach Deutschland schickt. Dort werden dann die Riegel produziert – in den drei Geschmacksrichtungen Red Berries, Chia Hazelnut und Raw Cacao (VK jeweils 1,99 Euro). Die Nachfrage aus dem Handel scheint bisher zu stimmen, erste Großkunden sind keine geringeren als Rewe und Edeka. Bäcker kann sich aber auch sehr gut vorstellen, den Bike-, Lauf- und Outdoor-Handel zu beliefern. Die Mindestabnahmemenge liegt bei sechs Boxen (= 120 Riegel).

Proteinbier mit Grapefruit-Geschmack

Ein durchaus ungewöhnliches Produkt aus dem Sportgetränkebereich hatte die Marke Joybräu aus Hamburg bereits im vergangenen Jahr auf der Messe vorgestellt und dafür auch gleich einen Award eingeheimst: Die 0,33-l-Flasche enthält alkoholfreies Proteinbier (21 g; VK 2,69 Euro), ist vegan und made in Germany (bei einer Brauerei in Rheinland-Pfalz). Neben „normalem“ Biergeschmack gibt es das flüssige Gold jetzt auch mit Grapefruit-Aroma. Seit dem Start auf dem Markt im letzten Jahr, so berichtet Gründer und CEO Erik Dimter, habe man bereits 500.000 Flaschen verkauft, vornehmlich an Rewe, Edeka und die Fitnessstudio-Kette Fitness First. Abgesehen von dem einen oder anderen Triathlon-Shop beliefere man den Sporthandel noch gar nicht, vorstellbar sei das aber durchaus. Voraussetzung dafür natürlich: ein Kühlschrank. Die Mindesthaltbarkeitsdauer beläuft sich auf 18 Monate.

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