Freie Bahn für den E-Scooter 03.08.2018, 11:29 Uhr

Neue Chancen für E-Mobilität im Sporthandel

Urban Mobility ist zweifellos ein Megatrend. Im Sporthandel kommen E-Scooter jedoch nur schwer in Tritt. Das könnte sich ab 2019 deutlich ändern.
Gerade in heutigen Zeiten mag sie ein ­wenig idealistisch klingen, diese Weisheit aus dem Geschäfts­leben. Dennoch steckt ein zutiefst wahrer Kern in der Aussage, die da lautet: „Liebe das Produkt, das du verkaufst.“ Der Sporthandel darf hoch spannende, Emotionen weckende, wirklich nützliche Artikel anbieten. Artikel, die die Menschen in ihrer Freizeit gebrauchen – oder aber mittlerweile auch auf dem Weg ins Büro, nach dem Ausstieg aus der U-Bahn die sogenannte „letzte Meile“ nehmend. Ein Produkt wie den elektronisch angetriebenen Scooter muss eigentlich jeder Verkäufer lieben und mit Leidenschaft beraten. Doch was, wenn kaum einer danach fragt? Dann müssen sich die verantwort­lichen Einkäufer im Haus Gedanken machen, ob es sinnvoll ist, diese Kategorie weiter im Sortiment zu führen – zumal die Margen dort, wie im gesamten Elektronikbereich, für den von Textil- und Schuh­kalkulationen „verwöhnten“ Sporthändler nicht gerade üppig sind und die Konkurrenz von Media Markt, Euronics & Co. auf den Preis drückt. Es sagt sehr viel über den derzeitigen Zustand des Marktes aus, wenn sich ein Flaggschiff wie Engelhorn zur kommenden Saison enttäuscht aus dem Geschäft mit E-Scootern, aber auch E-Skateboards und Balance Boards, sprich dem gesamten Thema E-Mobilität, verabschieden wird. Aus einem Geschäft, dem angefangen bei E-Autos und E-Bikes bis hin zu den erwähnten Kleinrollern von Experten vieler Richtungen eine große Zukunft vorhergesagt wird. Urban Mobility sei ein Mega­trend, heißt es immer wieder.

„Deutlich abgeflacht“

Erkaltet scheint die Liebe auch bei der Intersport in Heilbronn zu sein. So verspürten die ansonsten so bereitwillig Auskunft gebenden Produktmanager der Verbundgruppe diesmal wenig Lust, sich zu äußern. Man ließ lediglich ausrichten, das Thema E-Mobilität stehe aktuell nicht im Fokus, der Trend sei „deutlich abgeflacht“. Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Intersport dies noch vor zwei, drei Jahren groß propagiert und u.a. mit einem Big Player der Branche, der Big Trend GmbH aus Hongkong, gleichzeitig Inhaberin der Marke CityBlitz, einen ZR-Vertrag ausgehandelt hatte. Diese Partnerschaft gipfelte sogar in zwei Exklusiv-modellen, im Fachjargon SMUs genannt, vom Lieferanten für den Key Accounter – darunter der E-Scooter „CB014“. Das Geschäft entwickelte sich jedoch alles andere als big. „Diese Modelle wurden leider überhaupt nicht angenommen von den Händlern“, bedauert Manuel Aberle, Geschäftsführer von Big Trend, im Rückblick. „Der Absatz über die Intersport in Deutschland war zu gering.“ So sah sich der Hersteller genötigt, die Exklusivität der beiden Produkte zu streichen.
Gelistet ist die Marke auch bei den ­Generalisten der Sport 2000, dazu werden den Mitgliedern der Mainhausener Gruppe noch JD Bug, Micro Mobility und Egret angeboten. Ein Engagement in diesem Bereich, das sich sehen lassen kann. Für Hartwaren-Einkäufer Mathias Eichler stellt sich ohnehin erst gar nicht die Frage der Daseinsberechtigung des Sortiments im Sporthandel. Der könne hier „ganz stark profitieren – vor allem dann, wenn es um Produkte mit entsprechender Qualität geht“, ist er überzeugt. Die genannten Marken könnten diese Qualität liefern. Gerade in den Städten spitzten sich die Überlastung des Straßenverkehrs und die Parkplatzprobleme weiter zu. In Sachen verkaufte Stückzahlen und Anzahl der Händler, die E-Scooter & Co. im Sortiment führen, sieht die Sache jedoch ziemlich düster aus. „Die Artikel hatten bislang vor allem durch die Balance Boards einen kurzzeitigen Höhenflug“, bilanziert Eichler, um dann zu ergänzen, dass diese aktuell „keine Rolle mehr spielen“. Der Hauptgrund für ihn: die fehlende Zulassung der Geräte im Straßenverkehr. Ohne gesetz­liche Regelung werde sich das Thema nicht durchsetzen, und solange die Produkte nur auf privatem Gelände gefahren werden dürften, würden diese im Handel vernachlässigt, erklärt der Einkäufer der Sport 2000.
(Quelle: Shutterstock / Leica production, Alexander Kirch)

Die lang ersehnte Lösung

Genau diese Rechtslage ist es, die den Sporthandel in Sachen E-Mobilität am meisten bewegt. Diejenigen Händler, die das Sortiment führen, machen auch den Gesetzgeber dafür verantwortlich, dass die Nachfrage zu wünschen übrig lässt. Und die anderen wollen sich erst dann an E-Scooter & Co. herantrauen, wenn es ­diese ominöse Straßenverkehrszulassung gibt. In anderen europäischen Ländern ist das im Übrigen schon längst der Fall. Doch endlich scheint sich die von unserer Branche so lang ersehnte Lösung anzubahnen: Wie SAZsport aus Herstellerkreisen erfuhr, gibt es das Versprechen der Bundesregierung, in diesem Fall des Bundesverkehrsministeriums, E-Scooter zum Ende des Jahres „on the road“ zu bringen. Geschaffen wurde dafür die Produktkate­gorie „Elektro-Kleinfahrzeuge“. Behandelt werden die Roller dann genauso wie die E-Bikes: Steht ein Radweg zur Verfügung, ist dieser zu nutzen. Wenn dem nicht so ist, darf auf die Straße ausgewichen werden. Das Tempolimit soll bei 20 km/h liegen. Offenbar dank der langjährigen und hartnäckigen Lobbyarbeit von Herstellern und auch Händlern ist es gelungen, die Bundesregierung von diesem dringend notwendigen Schritt in die Zukunft zu überzeugen. „Die zuständigen Politiker haben auch ein bisschen Druck aus dem Ausland bekommen, weil das Gesamtbild von Deutschland als Vorreiter für saubere Energie einfach nicht mehr gepasst hat“, glaubt Big-Trend-CEO Manuel Aberle. Zumal es ein Diesel-Fahrverbot in den Städten gebe, die Leute dort aber auch irgendwie fahren müssten. „Die Blöße kann man sich dann irgendwann nicht mehr geben“, meint er süffisant.
Offiziell ist allerdings noch nichts, der Gesetzesentwurf noch nicht vollständig ausgearbeitet. Ob die zugelassenen E-Scooter beispielsweise Spiegel oder Licht haben müssen, wissen auch die entsprechenden Hersteller bis dato nicht (genauso wenig, ob möglicherweise sogar Hoverboards/Segways und E-Skateboards das „Go“ bekommen). Die eine oder an­dere Modifizierung werden sie sicher ­vornehmen müssen – z.B. in Sachen Geschwindigkeit. Die gängigen, für den Sporthandel relevanten Modelle bringen es zumeist auf 25 Sachen. Da gilt es, das Tempo über die integrierte Software etwas zu drosseln. Für CityBlitz, den Lieferanten von Intersport und Sport 2000, bedeutet das auch, sich in Deutschland ganz vom oberen Preis-/Qualitätssegment zu verabschieden. Vor zweieinhalb Jahren hatte das Unternehmen den Carbon-Scooter „CB010“ für einen VK von knapp 900 Euro auf den Markt gebracht – mit hierzulande mäßigem Erfolg. „Solche Modelle funktionieren in manchen europäischen Märkten, aber nicht in Deutschland“, weiß Aberle aus Erfahrung. So sollen nur noch Modelle aus dem günstigeren Material Aluminium vom Band laufen, der Fokus gilt dem Massenmarkt in den Preislagen 199 oder 249 Euro bis 499 Euro. Dementsprechend wird CityBlitz im kommenden Jahr eine neue Kollektion an den Start bringen. Auslieferungstermin soll idealerweise vor Ostern 2019 sein. Klar ist dabei auch, dass der deutsche ­Distributor Jam Trend (Grünwald bei München) seine Politik der breiten Streuung weiter fortführen wird – in Richtung Sporthandel, speziell Intersport und Sport 2000 (kein Decathlon), den Elektronikhandel, namentlich die Media-Saturn-Gruppe, ­Euronics und Conrad, die Versandhändler ­Otto und Baur sowie die Kaufhauskette Karstadt. Aberle glaubt, mit der neuen E-Scooter-Kollektion in Deutschland bei jährlich 80.000 bis 100.000 verkauften Stück landen zu können. Den Gesamtmarkt schätzt er für kommendes Jahr bei weit über einer halben Million.
Ein gänzlich anderes Konzept, was Distribution und Preissegment betrifft, fahren die Scooter-Schweizer von Micro Mobility – und daran wird sich auch durch die neue Rechtslage nichts ändern. Das Unternehmen um Gründer und CEO Wim ­Ouboter sieht sich als Marke des Sport- und Bikehandels, ein Vertrieb in Richtung Media Markt & Co. ist derzeit kein Thema. „Wenn wir so etwas einmal machen würden, dann werden wir den Preis und die Qualität entsprechend anpassen und das Gerät wird dann nicht Micro heißen“, gibt Anton Wisbauer, Verkaufsleiter für Deutschland und Luxemburg, zu Protokoll. „Ich sehe das so wie bei den E-Bikes: Letztendlich braucht der Endkunde Beratung, weil er nicht unterscheiden kann, was wirklich Qualität ist und was nicht. Und so werden wir weiterhin auf den Sporthandel setzen.“ Folgerichtig plant das Unternehmen, bei den bestehenden Preispunkten zu bleiben, die sich durchschnittlich im hohen dreistelligen Euro-Bereich bewegen. Für Wisbauer steht außer Frage, dass die Marke damit im Sporthandel erfolgreich sein wird. Dieser müsse sich abheben und könne nicht mit einem Media Markt oder Saturn konkurrieren, meint er. Da ginge es am Schluss nur noch um den Preis, und dabei verliere ­jeder Fachhändler. Das von der Bundes­regierung geplante Gesetz sieht er natürlich positiv, aber auch nicht allzu euphorisch. „Wenn es wirklich so kommt, dann bedeutet das einen Durchbruch. Das wird der Branche neuen Schwung geben“, glaubt der Manager, der aber einschränkt: „Ich habe wenig Vertrauen in die Politik, dass das gleich der goldene Wurf wird.“

Auch er hat noch keine Zulassung für die Straße: der "Metz Moover".
(Quelle: Metz Mecatech)
Einstufung als Pedelec

Durchaus zwiegespalten wird die Reaktion im Hause Metz Mecatech (Zirndorf bei Fürth) ausgefallen sein, als diese bahnbrechende Nachricht ins Haus geflattert war. Dazu muss man wissen, dass das Unternehmen, bekannt geworden durch seine Fotoblitzgeräte und vor gut zwei Jahren in den Markt der E-Mobilität eingestiegen, schon länger versucht, eine Straßenverkehrszulassung für den E-Roller „Metz Moover“ zu erhalten. Mit dem Ziel, dass dieses Modell vom Bundesverkehrsministerium als Pedelec eingestuft wird. „Wir haben von einem akkreditierten Prüfinstitut die Bestätigung, dass das Gerät nach den Pedelec-Richtlinien und -Normen ­gebaut ist“, erklärt Geschäftsführer Lauri Jouhki. Das scheint die Polizei auf den Straßen offenbar anders zu sehen – wer dort derzeit mit dem Roller unterwegs ist, riskiert eine Geldbuße. „Wir haben vom Gesetzgeber noch keine eindeutige Aussage, ob unser Gerät nun zugelassen ist oder nicht“, meint Jouhki ernüchtert. „Daher haben wir uns bisher nicht getraut, es in Deutschland auszuliefern.“ Und wenn überhaupt, dann nur ohne Zulassung. Produziert wird der „Metz Moover“ in Deutschland, bisher in vierstelliger Stückzahl. Der VK liegt bei 1.998 Euro. Die ersten Modelle waren bisher nach Skandinavien, Belgien, Österreich und in die Schweiz gegangen. Dabei betrachtet auch Jouhki das neue Gesetz mit gemischten Gefühlen. Natürlich ist es positiv, dass endlich auch die deutschen Kunden im Zuge der geklärten Rechtslage bedient werden können. Im Fokus wird dabei erst einmal der Fahrradfachhandel stehen. „Wir nehmen jeden potenziellen Kunden ernst“, betont Jouhki. Ob der „Metz Moover“ in Zukunft über den Fahrrad- oder den Sporthandel verkauft werde, bleibe abzuwarten. „Der logischere Weg ging erst einmal über den Fahrradhandel, weil er sich bereits mit ­Pedelecs auseinandergesetzt hat“, erklärt der Geschäftsführer. Künftig werde man auch versuchen, außerhalb des Fahrradfachhandels Kunden zu bekommen – nicht ausgeschlossen sind dabei die bekannten Elektronik-Fachmärkte. Er denke aber, dass es dem Unternehmen ohne Fahrradfachhandel schlechter ginge als mit. „Wenn die nationale Norm bis Jahresende durchkommt, dann wäre das für uns eine super Sache, weil der deutsche Markt mit Abstand der größte ist“, frohlockt Jouhki. Allerdings – und das dürfte durchaus ein großer Wermutstropfen sein – ist der „Metz Moover“ dann nur noch einer unter vielen. Ein Gefährt, das die Zulassung von offizieller Stelle noch nicht hat, aber zum Jahresende bekommt. „Dann bleibt uns nur noch das Qualitätsmerkmal, was nicht nur die Lackierung, sondern auch die Fahrqualität betrifft. Es gibt deutlich günstigere Anbieter“, bemerkt Jouhki in Richtung anderer Premium-E-Scooter-Hersteller. Bedeutet: Der Vorsprung im Markt durch eine entsprechende Zulassung ist nicht gegeben. Interessant in diesem Zusammenhang: Ein Berliner Händler, Spezialist u.a. für E-Scooter, unterscheidet in seinem Webshop zwischen Modellen „mit“ und „ohne Zulassung“. In der „Mit“-Spalte ist auch der „Metz Moover“ gelistet. Sollte dessen Kunde nach dem Kauf des Geräts einmal von der Polizei ­angehalten werden – was nicht unwahrscheinlich ist, denn dieses Gefährt hat im Vergleich zu einem normalen E-Scooter deutlich größere Reifen und fällt somit auf –, dann weiß er, bei wem er sich für den Strafzettel zu bedanken hat. Und wird möglicherweise den Kauf bereuen – zumindest nach derzeitigem Stand der Dinge.

Durchbruch im Sporthandel?

Wie gut die E-Scooter dann 2019 im Sporthandel einschlagen werden, ist natürlich noch nicht absehbar. Dass er das Sortiment deutlich besser wird verkaufen können, steht außer Frage. Nicht nur der Handel, sondern auch der Konsument war zögerlich aufgrund des eingeschränkten Einsatzbereiches der E-Roller. Erlebt er mit dem Rückenwind des neuen Gesetzes womöglich seinen Durchbruch bei den Händlern der Intersport und Sport 2000? Der City-Blitz-Mann Aberle hat da so seine Zweifel. „Das Thema wird sich wahrscheinlich in Deutschland Richtung Elektronik-Fachmärkte bewegen“, vermutet er. „Das heißt nicht, dass der Sportfachhandel die Produkte nicht haben wird, aber von den Mengen kann er da gar nicht mitmischen. Unabhängig davon wird es so sein wie z.B. bei Garmin und Polar – Produkte, die viele Sporthändler als Zusatzprodukt haben (viele wollen das gar nicht, weil die Margen eher gering sind) –, dass sich das meiste Geschäft im Elektronikfachhandel abspielen wird. Im Sporthandel läuft das so mit.“ Mit der Einschränkung: „Außer, er wäre bereit, die Margen im Elektronik­bereich anzunehmen und den E-Scooter nicht mehr als Trendprodukt zu sehen, das man in einem Jahr mal verkauft und das dann wieder verschwindet, sondern als festes Sortiment.“ Passiert sei das genaue Gegenteil. „Nach drei Jahren (Anm. d. Red.: CityBlitz ist 2014 in das Thema E-Mobilität eingestiegen) kann man nicht von einem Trendprodukt sprechen, sondern das ist eines, was sich etabliert hat“, betont Aberle. Gerade die Sporthändler sähen das Thema E-Mobilität als Trend, bedauert er und verweist dabei aufs Ausland: Bei Sportketten wie Decathlon sei das die am schnellst wachsende Branche. „Die Zahlen steigen von Jahr zu Jahr“, weiß der Geschäftsführer. „Schade, dass die Sporthändler in Deutschland da nicht so mitgezogen haben.“

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