Anpassbare Wanderschuhe 17.07.2018, 11:31 Uhr

Win-Win für Händler und Kunden

Wovon bisher nur Skifahrer profitieren konnten, das gibt es nun auch für Wanderer: individuell anpassbare Schuhe. Für Sporthändler bedeuten sie mehr Service am PoS, für den Kunden hohen Tragekomfort
Eine gelungene Wandertour steht und fällt mit dem passenden Schuh; davon kann jeder ein Lied singen, der schon einen Abstieg mit schmerzenden Füßen durchstehen musste. Mit diesem Problem haben sich die Produktingenieure und Schuhentwickler von Tecnica intensiv beschäftigt und ihr bereits vorhandenes Know-how aus dem Bereich Bootfittung bei Skischuhen auf Wanderschuhe übertragen. Mit dem ersten individuell anpassbaren Trekkingschuh „Forge“ präsentierten die Italiener auf der ISPO 2017 eine Weltneuheit, auf der OutDoor legten sie in diesem Jahr mit der Vorstellung des ersten thermisch anpassbaren Low-Cut-Wanderschuhs „Plasma“ nach.
Doch nicht nur der Kunde soll von den individuell auf seine Bedürfnisse ausgerichteten Schuhen profitieren, sondern auch der Handel, für den der Anpassungsservice ein wichtiges Instrument zur Abgrenzung von Online-Anbietern darstellt. „Unser Ziel ist es, eine einzigartige Produktlösung wie den Maßschuhe anzubieten, die für den Verbraucher sehr wertvoll ist, was nur im Fachhandel möglich ist. Eine perfekte Lösung für diese herausfordernde Zeit, in der Online- und Direktvertriebsstrategien einiger großer Marken den spezialisierten Outdoor-Vertrieb herausfordern“, erklärt Frederico Sbrissa, Business-Unit-Manager Tecnica Outdoor. Dabei will sich das Unternehmen ausschließlich auf den konventionellen Einzelhandel konzentrieren – der Verkauf geht nicht direkt zum Verbraucher und nicht online.
Das Konzept scheint zu funktionieren: Laut Sbrissa wollen weltweit ca. 500 Händler den Service anbieten. Seit der Markteinführung sind die Modelle „Forge“ aus Nubukleder und „Forge S“ mit Nylon-Strech-Obermaterial bei ca. 110 Händlern in Deutschland erhältlich, Tendenz steigend. „Während wir miteinander sprechen, wächst die Zahl weiter an“, freut sich Marc Künkele, Event- und Schulungskoordinator bei Tecnica Group Germany. Ziel sei es, die anpassbaren Schuhe flächendeckend anzubieten. „Bisher ist der ‚Forge’ bei Fuß- und Schuh-Spezialisten erhältlich, aber er eignet sich für jeden Händler, der einen passenden Schuh anbieten will“,so Künkele.

Einfache Anwendung

Zur Anpassung des Schuhs benötigt der Händler das mobile C.A.S-Gerät (C.A.S. = Custom Adaptive Shape) für 899 Euro von Tecnica, für weitere 300 Euro ist eine festinstallierte Bank erhältlich. Mit einem speziell ausgebildeten Trainerteam ist Künkele momentan in Deutschland unterwegs,  um die Händler und ihre Mitarbeiter in die Technik einzuweisen.
(Quelle: Tecnica)
„Sehr simpel und einfach zu erklären“ ist laut Künkele das Verfahren, mit dem der Schuh individuell an den Fuß des Kunden angepasst wird. Der komplett vorgeformte „Forge“ wird nicht im Ganzen, sondern nur an den für Halt und Komfort relevanten Stellen modelliert. Die Anpassung beginnt mit der thermischen Formung der herausnehmbaren Einlegesohle. Dabei werden die Sohlen in einer Tasche aufgeheizt, bis sie weich werden, und anschließend in Slipper gesteckt. Diese zieht der Kunde an, stellt die Füße in zwei Luftsäcke, die mittels Kompression dafür sorgen, dass sich das Fußbett direkt an den Fuß formt. Währenddessen wird der Schuh mit einem speziellen Heizelement erhitzt und ebenfalls mit Kompression individuell an den Fuß angepasst. Innerhalb von 20 Minuten ist das Verfahren abgeschlossen. „Diese Anpassung ist eine tolle Sache und es funktioniert prima“, bestätigt Lukas Steiner, Mitarbeiter von Sport Bartl, die Aussagen Künkels. „Bis jetzt läuft es noch ruhig an, aber der Hauptverkauf von Wanderschuhen startet ja erst“, meint der Schuhexperte. Auch von Stefan Mitlehner, Verkäufer bei Intersport Seeßle im schwäbischen Gundelfingen, hört man Positives: „Wir sind sehr zufrieden. Das C.A.S-System ist eine gute Investition für die nächsten Jahre. Auch das Preis-Leistungs-Verhältnis überzeugt ihn: „Wenn man überlegt, dass schon eine gute Sohle 50 Euro kostet, ist der Preis des ‚Forge‘ vollkommen in Ordnung.“ Nur die Anpassungszeit schätzt Mitlehner höher ein: „Es dauert etwa 45 Minuten – aber es kommt auch sehr auf den Kunden an.“
Auch im Hinblick auf mögliche Schäden an dem C.A.S.-Gerät soll der Händler von Tecnica bestmögliche Unterstützung erhalten. „Falls wirklich mal etwas kaputt sein sollte, dann kann der Händler die
Maschine einschicken und bekommt von uns ein Ersatzgerät. Wenn ein Teil fehlt, kommt der Außendienst direkt in das Geschäft und tauscht es aus“, so Künkel. Es gebe jedoch kaum derlei Probleme, da man schon jahrelange Erfahrung mit ähnlichen Geräten für die Skischuhanpassung habe. Auch für den Schuh selbst bietet Tecnica weiterführenden Service an, für ca. 70 Euro kann der „Forge“ wiederbesohlt werden, beim neuen Modell „Plasma“ sollen es 10 Euro weniger sein.

Vorreiter in Sachen Maßfertigung

Als erster deutscher Hersteller bot Hanwag bereits 2011 Wanderschuhe an, die über einen individuell auf den eigenen Fuß angepassten Leisten geschustert wurden. Der 3D-Scan des Fußes erfolgte beim Händler, Hanwag fertigte den Leisten. Von diesem Konzept hat sich Hanwag mittlerweile verabschiedet: „Die Maßschuhfertigung war für uns ein extrem hoher Aufwand für Entwicklung und Produktion. Wir haben uns 2017 entschieden, diese Kapazität lieber in die Weiterentwicklung unserer Spezialleisten-Varianten zu stecken und hier vielfältige Passformen (Wide, Narrow, Bunion, Straight Fit etc.) anzubieten“, so Geschäftsführer Thomas Gröger. Das aufwendige Verfahren der Maßschuhfertigung sei oft nicht gerechtfertigt, da sich der Fuß des Menschen über die Zeit sehr sehr  verändert – Winter, Sommer, Vor- und Nachmittag bei der Anprobe, Gewichtszu- und -abnahme, etc. „Ein einmaliges Ausmessen des Fußes führte laut unserer Erfahrung oft nicht zur perfekten Passform, die zu jeder Zeit sitzt“, so Gröger.

Be unique

Nicht nur Tecnica kommt dem wachsenden Interesse der Kunden nach Individualität nach: Dachstein bietet seit Herbst/Winter 2017/18 eine individuelle Gestaltungsmöglichkeit für vier neue Premium-Modelle aus der „Alpine Lifestyle“-Kollektion an: Haben sich Kunden für eines der Modelle entschieden, wählen sie eine der fünf zur Verfügung stehenden ­Lederfarben aus. Im Anschluss können sie sich zwischen zwei ­Sohlen und verschiedenen Sohlenfarben entscheiden. Bei „Jodler“ und „Jodlerin“ lassen sich zusätzlich die Farbe des Schladminger Lodens nach Belieben verändern. Entsprechend dazu stehen auch passende Schuhbänder zur Wahl. Heraus kommt schließlich ein in­dividueller Schuh, ganz nach dem ­eigenen Geschmack. Bisher gibt es die Modelle nur beim Unternehmen selbst, ab Herbst sollen sie auch im Handel erhältlich sein. ­„Eine direkte Schulung ist hierfür nicht nötig; der Händler erhält die auszuwählenden Materialen als Testmuster zum Vorzeigen für den Kunden sowie ein Tablet für die Auswahl“, so Selina Lazzeri, zuständig für das Marketing beim österreichischen Unternehmen.

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