Interview mit dem deutschen Olympiasieger 11.01.2019, 10:33 Uhr

Darauf fährt Markus Wasmeier ab

Seit 24 Jahren hält Markus Wasmeier die Position des letzten deutschen Olympiasiegers im alpinen Skisport. Heute liegt die Leidenschaft des Skistars nicht mehr auf den zwei Brettern, sondern in seinem selbst aufgebauten Freilichtmuseum. 
Der vom oberbayerischen Schliersee stammende Skirennfahrer Markus Wasmeier gewann zwei Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen 1994 in Lillehammer, einmal Gold bei der WM 1985 in Bormio und einmal Bronze bei der WM 1987 in Crans-Montana. Nach seiner Profikarriere erfüllte sich der heute 55-Jährige in seiner Heimat einen Lebenstraum: Er transferierte mehrere vom Verfall bedrohte historische Bauernhäuser auf eine 60.000 qm große Fläche und schuf die Nachbildung eines altbayerischen Dorfes, das seit 2007 als Freilichtmuseum besichtigt werden kann.
SAZsport: Herr Wasmeier, Sie waren der letzte Deutsche, der 1994 eine olympische Goldmedaille im Alpinski gewann. Gibt es für Sie derzeit Favoriten, die Ihnen nacheifern und das gleiche vollbringen könnten?
 
Markus Wasmeier: Es würde mich auf alle Fälle sehr freuen, wenn das jemand schaffen würde. Bei mir hat es ja 58 Jahre gedauert (Anm. d. Red.: 1936 hatte Franz Pfnür zuletzt die Kombination gewonnen). Ich habe bisher immer auf Felix Neureuther und Stefan Luitz gehofft, denen hätte ich eine Goldmedaille gegönnt. Wer in meine Fußstapfen als Speedfahrer steigen könnte, wäre Thomas Dresen – das wäre schön, weil er ein Pfundskerl ist!
 
SAZsport: Ihr Kollege Felix Neureuther hat im SAZsport-Interview einmal erzählt, dass er sich für Skirennen in Schuhe hineinzwängt, die zweieinhalb Nummern zu klein sind. Worauf haben Sie immer besonderen Wert beim Material gelegt?
 
Wasmeier: Grundvoraussetzung für alle Rennen waren bei mir immer messerscharfe Skikanten. Zu Beginn meiner Karriere, so mit 21 Jahren, bin ich manchmal sogar nachts aufgestanden und habe überprüft, ob meine Serviceleute richtig geschliffen haben. Manchmal ist es dann vorgekommen, dass ich nachts im Schlafanzug die Kanten nachgefeilt habe, sodass sich der Servicemann morgens den halben Daumen weggeschnitten hat – und mich natürlich verflucht hat (lacht).
 
SAZsport: Immer wieder verletzen sich Skirennfahrer oder verunglücken tödlich während der Rennen. Wie sehen Sie das Thema Sicherheit beim Skifahren?
 
Wasmeier: Was den Rennsport betrifft, ist dieser heute weitaus sicherer als in den 80er- und 90er-Jahren. Es gibt bessere Fangnetze, die den Läufer abbremsen. Zu meiner Zeit gab es viel schwerere Verletzungen und leider auch mehr Todesfälle. Daraus hat man gelernt. Der tödliche Unfall von Max Burkhart im vergangenen Jahr lag daran, dass er mit seinen 17 Jahren einfach noch zu jung für eine Weltcupstrecke war. Er ist schlichtweg mit 120 km/h in die falsche Richtung in den Wald gesprungen. Heute sind die Rennfahrer zwar nicht schneller, aber die Präparierung der Pisten ist viel besser. Früher wurde das mit den Füßen gemacht, heute erledigt es eine Raupe. Ich stelle da immer den schönen Vergleich auf: Damals sind wir Monte Carlo gefahren, heute Formel 1.
 
Was die Sicherheit des normalen Hobby-Skifahrers betrifft,  ist es ein Problem, dass er heute ein Material wie ein Weltmeister hat. Die Ski drehen sich so leicht und die Pisten sind so schön präpariert, dass 80 Prozent der Skifahrer zu schnell unterwegs sind. Wenn die Pisten voll sind, ist es schier unmöglich, schnell zu reagieren. Da ist die Gefahr von Zusammenstößen sehr groß. Die perfekten Pistenverhältnisse verleiten zu überhöhter Geschwindigkeit.
 
SAZsport: Sie betreiben schon seit elf Jahren Ihr Freilichtmuseum in Schliersee. Wie ist die Idee hierfür entstanden?
Seit 2007 ist das große Freilichtmuseum in Schliersee Markus Wasmeiers große Leidenschaft.
(Quelle: Markus Wasmeier)
Wasmeier: Da muss ich ein bisschen ausholen. Mein Traumberuf war immer Restaurator und Schreiner. Da ich mit 15 Jahren bereits meine Skikarriere gestartet habe, ging das aber nicht. Deswegen bin ich in die Fußstapfen meines Vaters getreten und  habe eine Ausbildung zum Kirchenmaler und Restaurator gemacht. Als ich mit 31 Jahren mit der aktiven Karriere aufgehört habe, ist mir aufgefallen, dass in meiner Region viele Denkmäler aus dem 16. und 17. Jahrhundert verfallen und für immer verschwinden. Ich habe dann alte Bauernhäuser transferiert und sie in Schliersee wieder neu aufgebaut. Aus der Überlegung heraus, wie sich das finanziell trägt, ist die Idee mit dem Museum entstanden. Ich durfte vorher auf der Sonnenseite leben und will jetzt meiner Heimat etwas zurückgeben, das zeitlos ist. Seit 25 Jahren arbeite ich an dem Projekt und seit elf Jahren gibt es das Museum. Es freut mich sehr, dass es den Menschen gefällt. Es ist meine Leidenschaft.
 
SAZsport: Sie wollen mit dem Museum insbesondere auch Kindern Heimatverbundenheit und Tradition nahebringen. Meinen Sie, dass die Kinder in der global-vernetzten Welt den Draht zu solchen Werten verloren haben?
 
Wasmeier: Ich habe immer Hoffnung. Das ist das wichtigste Gut eines Sportlers, das man nie aufgeben will. Ich beobachte im Museum Kinder, die nicht am Handy hängen, sondern eine Mordsfreude an den einfachsten Spielen haben und ganz vergessen, dass sie sonst immer in dieses „Kästchen“ schauen. Die heutigen Kinder haben es viel schwerer als früher, weil dieses Medium nicht ehrlich ist. Vieles dort ist Blendung. In den Social Media werden Personen verehrt, die in der Realität vielleicht richtige "Dampfplauderer" (Anm. d. Red.: Bayerisch für Schaumschläger) sind. Es ist schockierend, dass man Menschen nicht mehr nach ihrer Leistung, sondern nach ihrer Follower-Zahl beurteilt. Ich würde mir wünschen, dass diese ganzen Social Media einfach mal einen ganzen Monat weg wären (lacht).
 
SAZsport: Wie schafft man es, Kinder zum Sport zu motivieren?
 
Wasmeier: Die Eltern sind das größte Vorbild für ihre Kinder. Wenn sie selbst keinen Sport treiben, macht es wenig Sinn, die Kinder rauszuschicken und zu sagen „macht mal was draußen“. So funktioniert das nicht. Wenn man den Kindern etwas mit Freude vorlebt, dann braucht man sie nicht zu zwingen. Man kann den Eltern nur den Rat geben, etwas mit den Kindern zu unternehmen, egal was und bei welchem Wetter. Hauptsache raus und sich bewegen. Der Winter bietet dafür eine riesige Spielwiese. Auch ich versuche, die Freude am Sport vorzuleben, und möchte die Menschen mitreißen. Man darf nie aufgeben.
 
SAZsport: Mit welchem Sport halten Sie sich fit?
 
Wasmeier: Heute bin ich vor allem Ausdauersportler. Ich fahre viel Rad und Mountainbike, im Winter mache ich Langlauf, gehe Skitouren, fahre Telemark und Ski. Im Sommer schwimme ich gerne im Schliersee. Es war ja ein Traumsommer dieses Jahr. Ich mache auch Bergtouren, aber nicht mehr so wilde Dinge – alles zu seiner Zeit.
 
SAZsport: Sie hatten eine erfolgreiche Karriere, haben Ihr eigenes Museum, eine Familie mit drei Kindern, waren auch als Schauspieler tätig und als Ski-Kommentator im ARD – was sind Ihre aktuellen Projekte?
 
Wasmeier: Ich bin immer noch als Leiter bei der Vox-Spielshow „ewige Helden“ dabei, das ist schön und zeitaufwendig. Ansonsten arbeite ich ständig an der „Marke Wasmeier“. Mein aktuelles Projekt ist eine Dokumentation über das Museum und über die Vater-Sohn-Beziehung der Wasmeiers. 

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