Interview mit Fotograf Mario Stumpf 11.06.2019, 10:01 Uhr

Vom Sneaker-Fan zum Influencer

Als Teenager entdeckte Mario Stumpf sein Interesse für Sneaker. Heute besitzt er über 400 Paar und hat es sogar geschafft, aus dieser Leidenschaft einen Beruf zu machen.
Mario Stumpf ist Creative Director, Fotograf und ein Alleskönner in vielen kreativen Bereichen. Der 38-Jährige hat das Glück, seine Leidenschaft für Sneaker und Streetwear mit seinem Beruf verbinden zu können. In den letzten 20 Jahren hat er sowohl mit kleineren Händlern und Unternehmen als auch mit großen internationalen Marken wie Adidas und Nike zusammengearbeitet. Für sein Instagram-Profil interessieren sich über 13.500 Follower.
SAZsport: Herr Stumpf, wann und wie haben Sie Ihre Liebe zu Sneakers entdeckt?
Mit 17 Jahren kaufte er sich den ersten Sneaker – heute hat er seine Leidenschaft zu den "Leisetretern" zum Beruf gemacht.
(Quelle: Mario Stumpf)
Mario Stumpf:
Das war 1997, als ich mit einem Freund zum Shoppen nach Frankfurt gefahren bin und in einem Geschäft den „Air Max 97“ von Nike komplett in Silber im Regal sah. Der Schuh sah aus wie ein Raumschiff – aber es war Liebe auf den ersten Blick. Leider haben die Schuhe
300 Mark gekostet. Ich habe lange gezögert, aber letzten Endes habe ich sie dann doch von meinem Taschengeld gekauft. Ich war erst 17 Jahre alt und 300 Mark waren damals natürlich wahnsinnig viel Geld. Ich musste meine Mutter beim Preis anschwindeln. Diese Schuhe habe ich heute immer noch – sie stehen in einer Plexiglas-Box im Wohnzimmer.
 
SAZsport: Das war der Beginn Ihrer Sammelleidenschaft – wie viele Schuhe nennen Sie heute Ihr Eigen?
Stumpf: Ganz genau kann ich es gar nicht sagen, aber ich denke, es werden so 400 Paar sein. Generell trage ich sie auch alle – ich kaufe sie nicht nur, um sie ins Regal zu stellen. Das bewusste Sammeln der Sneakers fing circa vor zehn Jahren an. Da habe ich diese Nische für mich entdeckt. Ich wurde zum ersten Mal auf Kollaborationen und limitierte Editionen aufmerksam; die Szene und die ganze Berichterstattung rundherum war natürlich noch sehr klein.
Mario Stumpf will mit seinen künstlerischen Fotografien die Sneakers in Szene setzten.
(Quelle: Mario Stumpf)
SAZsport: Wie entsteht so ein Hype um ein bestimmtes Modell?
Stumpf: Während das früher spontane Entwicklungen waren und das Thema eher familiär war, stecken mittlerweile ausgeklügelte Marketingstrategien dahinter. Was heute den größten Hype auslöst, sind Kollaborationen der Marken mit Shops oder mit Künstlern, wie zum Beispiel die von Adidas mit Rapper Kanye West – das war ein Meilenstein in der Sneaker-Geschichte. Vorher brachte er schon mit Nike den „Yeezy“ raus, aber mit Adidas hatte er dann die Chance, komplett eigene Modelle zu entwickeln. Um einen Hype zu erzeugen, hilft es oft, wenn ein Gesicht beziehungsweise ein Botschafter hinter einem Schuh steckt. Die Trends werden heute insbesondere durch Social Media angetrieben, und die begehrtesten Schuhe lassen sich bereits kurze Zeit nach ihrem Launch für ein Vielfaches ihres ursprünglichen Preises weiterverkaufen.
 
SAZsport:
Mit welchen Marken und Händlern arbeiten Sie zusammen?
Stumpf: Angefangen habe ich beim Sneaker-Store 43einhalb in Fulda. Dort war ich von der Fotografie über die Content Production bis zu einem eigenen Magazin für alles Visuelle zuständig. Nach vier Jahren bin ich dann zu Solebox nach Köln gewechselt. Dort war ich zuletzt für das gesamte Marketing verantwortlich. Nebenbei habe ich auch immer eigene Projekte nach vorne gebracht, unter anderem zusammen mit Adidas. Zurzeit arbeite ich viel mit Adidas, Reebok und Nike zusammen. Ich versuche jedoch, meinen Horizont zu erweitern. Daher bin ich nicht nur im Bereich Sneaker-Content tätig, sondern auch in den Segmenten Performance-Sport und Fußball.
SAZsport: Waren Sie auch schon einmal an der Produktion eines Sneakers beteiligt?
Stumpf: Während ich für 43einhalb tätig war, gab es eine Kollaboration mit Kangaroos. Ich durfte bei der Entwicklung eines Sneakers mit dabei sein und hatte Einfluss auf seine Farbe, das Material etc. Bei diesem Modell haben wir mit unserem provinzielleren Background kokettiert. Der Schuh hieß „Ovis“, der lateinische Begriff für ein Rhönschaf – und so war auch der Schuh gestaltet, vorne schwarz und hinten weiß (lacht).
 
SAZsport:
Gibt es derzeit bestimmte Trends innerhalb der Social Media?
Stumpf: Als ich begonnen habe, mich mit dem Thema zu beschäftigen, fing das Bespielen der Social-Media-Kanäle erst langsam an. Heute ist es für jeden Retailer eine Selbstverständlichkeit, gut inszenierten Content zu erstellen. Die Erwartungshaltung der Konsumenten ist im Laufe der Zeit immer größer geworden, sodass man heute viel mehr tun muss, um aufzufallen. Was auf Instagram aktuell sehr gut – erschreckend gut – funktioniert, sind sehr teure Produkte, zum Beispiel Schuhe, die 2.500 Euro kosten, oder High Fashion wie von Louis Vuitton. Dieses „Flexen“ (Anm. d. Red.: der Begriff kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie „angeben“) kommt heute sehr gut an. Generell gilt: Je individueller und ab­gefahrener der Content ist, desto mehr Interesse bekommt er. Die heutigen Kids sind von meinem Turnschuh für 300 Mark weit entfernt. Heute kaufen sie sich Gürtel für 300 Euro.
 
SAZsport: Wie wird sich der Sneaker-Markt in Zukunft weiterentwickeln?
Stumpf: Als das Thema so richtig Fahrt aufgenommen und sich in Richtung Mainstream entwickelt hat, habe ich gedacht: Irgendwann platzt diese Blase. Heute kann ich mir das jedoch nicht mehr vorstellen. Allerdings differenziert sich das Thema Sneaker ein bisschen. Es steht heute nicht mehr nur der Schuh im Vordergrund, sondern es entsteht daraus ein allgemeiner Fashion-Trend. Die Marken bringen zwar immer höhere Stückzahlen auf den Markt und es bleiben mittlerweile auch viele Schuhe in den Regalen stehen, aber es wird nach wie vor Hypes geben. Es werden immer Fans existieren, die bereit sind, für bestimme Modelle sehr viel Geld auszugeben. In jedem Fall wird der Sneaker salonfähig bleiben.

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