Michaela Gerg
Die ehemalige Skirennläuferin im Interview 25.04.2019, 10:44 Uhr

Michaela Gerg will Menschen motivieren

Die ehemalige Skirennläuferin Michaela Gerg musste in ihrem Leben große Krisen meistern. Heute will sie andere Menschen dabei unterstützen, ihre Ängste zu überwinden.
Bereits im Alter von zwei Jahren stand Michaela Gerg auf Ski, denn sie wuchs unmittelbar neben dem ersten Skilift der Region Lenggries-Wegscheid auf, den ihr Großvater selbst gebaut hatte. Schon im Teenager-Alter zählte sie zu den besten deutschen Skirennläuferinnen. Vier Weltcupsiege, WM-Bronze im Super-G und vier Olympia-Teilnahmen kann sie für sich verbuchen. Doch trotz ihrer großen Erfolge musste sie auch immer wieder große Krisen meistern – neben einem schweren Sturz beim Olympia-Riesenslalom 1988 in Calgary kamen mit einer Krebserkrankung weitere Schicksalsschläge auf sie zu. Dennoch schaffte es die 53-Jährige mit großem Optimismus immer wieder zurück ins Leben zu finden.
SAZsport: Frau Gerg, schon mit acht Jahren fassten Sie den Entschluss, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Welche Rolle spielt der Sport heute in Ihrem Leben?
Michaela Gerg, Ehemalige Skirennläuferin
Quelle: Michaela Gerg
Michaela Gerg
: Ich denke, Sport wird mich bis zum Lebensende begleiten, weil ich mich einfach wohler fühle, wenn ich Sport treibe. Aber ich mache alles nicht mehr so extrem wie früher, sondern aus Spaß. Mal Golfspielen, mal Joggen, mal Yoga – und auch mal nichts tun (lacht). Im Sommer bin ich mit dem E-Bike und dem Mountainbike unterwegs. Ski fahre ich nur noch zwei, drei Stunden bei Sonnenschein und Pulverschnee. Nichts passiert aus Muss und Zwang.
SAZsport: Neben Ihren großen Erfolgen hatten Sie auch sehr schwere Zeiten im Leben. Wie haben Sie es geschafft, diese Krisen zu überstehen?
Gerg: Es war nicht immer einfach. Jeder, der mal ganz unten war, egal in welcher Situation, weiß, dass es mühsam und schwierig ist, wieder aufzustehen. Aber liegen zu bleiben, war für mich keine Alternative. Ich habe mir immer wieder neue Ziele gesetzt – erreichbare Ziele, damit ich mich nicht überfordere – und habe dann versucht, dort hinzukommen.
SAZsport: Seit 2008 betreiben Sie in Ihrem Heimatort Lenggries eine Skischule. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Gerg: Die Skischule in Lenggries hatte keinen Nachfolger und musste den Betrieb einstellen. Weil ich zu dieser Zeit mit Trennung und Scheidung eine schwierige Phase in meinem Leben hatte, hab ich mir gedacht „Mensch, pack was Neues an“. Das hat mich abgelenkt von den privaten Problemen und mir Mut gemacht.
SAZsport: Sie haben ein Konzept entwickelt, mit dem sich Erwachsene, die Angst vor dem Skifahren haben, wieder auf die Piste trauen können. Wie funktioniert das?
Gerg: Wir haben gemerkt, dass viele Eltern, die ihre Kinder in die Skischule bringen, selbst nicht mehr Skifahren, weil sie sich nach längerer Pause nicht mehr trauen. Die Überlegung war dann, für solche Menschen Skikurse anzubieten. Wir versuchen, sie mit all ihren Ängsten und Sorgen abzuholen. Man beginnt damit, sie auf einen moderneren Ski zu stellen, damit sie mit dem neuen Material in Berührung kommen. Dann fährt man einfache Pisten, um ihnen die Angst zu nehmen. In der Regel klappt das bei den meisten gut. Hierbei kann ich natürlich meine eigenen Erfahrungen aus dem Sport mit einbringen, weil ich selbst sehr oft am Boden lag und mich wieder hocharbeiten musste.
SAZsport: 2012 gründeten Sie die Stiftung Schneekristalle. Können Sie uns kurz etwas darüber erzählen?
Gerg: Auch die Schneekristalle sind aus dem Skischulbetrieb entstanden, denn es gibt sehr viele Kinder, deren Eltern keinen Skikurs finanzieren wollen oder können. Solche Kinder habe ich dann dazu eingeladen, einen Skikurs zu machen. Wir mussten jedoch schnell feststellen, dass die finanziellen Mittel sehr begrenzt sind. Daher sind wir auf die Idee mit der Stiftung gekommen, um auch sozial schwachen Kindern den Skisport näherzubringen. Heute nehmen über 6.000 Kinder an diesem Sportprogramm teil, dass mittlerweile das ganze Jahr über stattfindet. Das Angebot wurde ausgeweitet auf Sport mit Trampolinen in den Schulen, Taekwondo, Rafting und Klettern im Hochseilgarten.
SAZsport: Ist es in der heutigen Zeit schwieriger, Kinder zum Sport zu aktivieren?
Gerg: Es ist ganz sicher so, dass sich die Kinder immer weniger draußen in der Natur bewegen und Sport treiben. Es gibt eine Studie, die belegt, dass sich der Umkreis, in denen sie sich bewegen, im Vergleich zu früher um 90 Prozent eingeschränkt hat. Das ist doch Wahnsinn. Die Kinder sind heute ständig mit den elektronischen Medien beschäftigt. Daher wird es immer wichtiger, dass sie entweder durch ihre Eltern oder durch Institutionen wie unsere in Bewegung gebracht werden, und dass sie die Werte des Sports wie Toleranz, Fairness, den Umgang mit Niederlagen oder mit Erfolg lernen – und dass man sich anstrengen muss, wenn man etwas im Leben erreichen will. Wenn wir ihnen das vermitteln können, dann haben wir schon einen kleinen Grundstein für eine bessere Zukunft gelegt.
SAZsport: Wie sehen die Ziele für Ihre eigene Zukunft aus?
Gerg: Außergewöhnliche Ziele habe ich jetzt nicht mehr. Mein Hauptziel ist es, mehr Zeit für mich zu haben. Und meine Stiftungskinder liegen mir am Herzen. Ansonsten will ich mehr Vorträge und Seminare halten. In meinem Vortrag „Aufstehen oder liegen bleiben – der Erfolg liegt in deiner Hand“ geht es darum, Menschen zu motivieren, wenn es ihnen schlecht geht. Ich versuche, ihnen anhand meiner Karriere wieder Mut zu machen und ihnen zu helfen, ihre Angst zu überwinden. Der Leitfaden ist mein eigenes Leben mit seinen Höhen und Tiefen. Diejenigen, die den Vortrag hören, merken dann „Mensch, die hat das ja wirklich selbst erlebt – sie lag im Krankenhaus obwohl sie eine Medaille hätte gewinnen können“.  Wenn man solche Dinge selbst erlebt hat, nehmen die Leute Ratschläge leichter an. Es gibt viele Motivationstrainer, die zwar viel erzählen, aber selbst wenig erreicht haben.

... weitere interessante SAZsport Themen