Interview mit Trend- und Zukunftsforscher Dr. Eike Wenzel 04.12.2018, 09:21 Uhr

Sport ist ein Megatrend der Zukunft

Dr. Eike Wenzel, Trend- und Zukunftsforscher, wagt einen Blick ins kommende Jahr und spricht über die Trends, die sowohl den Sport als auch den Handel bewegen werden.
Als Gründer und Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung und Herausgeber des Newsletters „Megatrends!“ ist Dr. Eike Wenzel ein Experte für Zukunftsfragen. Der 52-Jährige hat 2016 den MBA-Studiengang „Trend- und Nachhaltigkeitsmanagement“ an der Fachhochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen ins Leben gerufen, ist Mitglied des Nachhaltigkeitsrats der Landesregierung Baden-Württembergs und schreibt Kolumnen für Zeitungen wie die „Wirtschaftswoche“, das „Handelsblatt“ oder die „Zeit“.
SAZsport: Herr Wenzel, wie sind Sie dazu gekommen, Trend- und Zukunftsforscher zu werden?
Dr. Eike Wenzel: Ich habe mich schon seit Langem an der Uni im Bereich der Medienwissenschaft und Journalismus mit diesen Themen beschäftigt. Um Trendforscher zu werden, muss man sich sowohl in wirtschaftlichen als auch in kulturellen Bereichen auskennen. Ich habe immer davon profitiert, dass ich mich für beide Seiten interessiert habe. In unserem Institut beschäftigen wir uns mit 15 Megatrends, an denen wir alle nicht vorbeikommen. Sie könnten dann so etwas wie ein Frühwarnsystem sein. Unser Ansatz ist es, nach vorne zu schauen, um die Zukunft darstellbar zu machen. Aber wir treten nicht mit dem Gestus auf, dass wir behaupten, wir wissen wirklich, was passieren wird.
Zukunftsforscher Dr. Eike Wenzel beschäftigt sich mit den 15 Megatrends, an denen in Zukunft keiner herum kommen wird.
(Quelle: Wenzel)
SAZsport: Unter diesen 15 Megatrends befindet sich auch das Thema Gesundheit. Glauben Sie, dass die Menschen in Zukunft verstärkt darauf achten und auch mehr Sport machen werden?
Wenzel: Seit Jahren schon wollen die Menschen ihre Gesundheit optimieren. Besonders interessant ist, dass 80 % der Deutschen ihre Kaufentscheidungen unter dem Aspekt der Gesundheit treffen, egal ob sie ein Handy kaufen oder ein neues Auto. Sie argumentieren dann z.B., dass das Auto Sitze hat, die den Rücken schonen. Gesundheit ist heutzutage so etwas wie ein Statussymbol geworden, und das gilt für alle Schichten. 
SAZsport: Wird sich der Sport verändern?
Wenzel: Sport als großes Lifestylethema wird immer wichtiger werden und auch Begriffe wie Tracking, Selbstoptimierung oder Superfood werden in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen. Die Menschen werden mehr Wert darauf legen, sich körperlich zu optimieren, da sie ja auch immer älter werden. Wer heute geboren wird, kann ohne Probleme 90 Jahre werden und muss sich dafür fit halten. Für diese Fitness sind heute selbst Hobbysportler zu allem bereit, was schon manchmal eine bedenkliche Komponente bekommt. Das Thema Sport hängt auch eng mit gesunder, nachhaltiger Lebensweise zusammen. Denn wenn ich laufe oder Rad fahre, dann schone ich gleichzeitig die Umwelt. Und die Städte sind froh, wenn sie die Autos los sind. Vor zehn Jahren fingen die Leute an, Outdoor-Klamotten auch im Alltag anzuziehen. Diese „Sportifizierung‘“ des Alltags wird immer mehr voranschreiten.
SAZsport: Sie sagen in einer aktuellen Studie, dass der neue Konsument individueller, sinnorientierter und ethisch bewusster ist. Meinen Sie, die Sportbranche ist schon ausreichend auf diesen neuen Kundentypen eingestellt?
Wenzel: Diese Entwicklung hat sehr, sehr lange gedauert. Wir haben vor ca. zehn Jahren eine Studie zum Outdoor-Markt gemacht. Da war das Thema Nachhaltigkeit noch nicht sehr weit entwickelt. Heute spielt es eine große Rolle und ist mittlerweile auch vom Preis-Leistungs-Verhältnis für den Kunden darstellbar. Diese Entwicklung wird weitergehen, d. h. jetzt aber nicht, dass wir in den nächsten fünf Jahren Bio-Laufschuhe haben werden. Da wäre ich vorsichtig. Aber durch autonome Fabriken und künstliche Intelligenz werden wir dazu in der Lage sein, effektiver zu produzieren. Für Sportler ist es auch wichtig, dass Produkte individuell auf sie zugeschnitten sind.  Schon seit den 90er-Jahren sprechen wir darüber, aber jetzt sind personalisierte und individuelle Produkte tatsächlich möglich.
SAZsport: Welche Trends werden sich im stationären Handel durchsetzen?
Wenzel: Ich denke, dass sich zwei Themen durchsetzen werden. Da Sport ein Lifestylethema ist, werden Sportgeschäfte wahrscheinlich immer gigantischer werden und die Natur wird als Erlebnisbühne am PoS nachgebildet werden. Generell wird es aber eine immer stärkere Automatisierung geben. Vielleicht betrifft das nicht so sehr den Sporthandel, weil er beratungsintensiver ist. Aber kassenlose Märkte mit viel weniger Personal, wie Amazon oder MediaMarktSaturn sie bereits führen, werden sich durchsetzen. Digitale Elemente wie Hologramm-Technologien Augmented Reality etc. gibt es zwar schon in Asien, aber ich glaube da nicht zu 100 % dran. Das ist eher etwas für jüngere Zielgruppen. Der Handel wird sich dadurch nicht verändern.
SAZsport: Das Smartphone war ein richtiger Game Changer – gibt es eine neue Technologie, die in Zukunft so präsent sein wird?
Wenzel: Ich glaube ein ganz großes Schlagwort wird die Miniaturisierung sein. Vielleicht wird es Handys geben, bei denen man Elemente einfach heraustrennen kann, z.B. zum Laufen. So etwas wie eine kleine Zelle, die Musik spielt, Zeiten und Kilometer misst. Ich vermisse beim Laufen meinen alten iPod. Die Smartwatches sind zwar witzig, haben aber nicht so toll funktioniert. In Zukunft wird man Geräte modular benutzen, sie werden abtrennbar, faltbar sein.
SAZsport: Welche Trends haben Sie schon vorhergesagt? Oder gab es schon Themen, bei denen Sie total daneben lagen?
Wenzel: Themen wie Nachhaltigkeit, Gesundheit und Sport als Statussymbol haben wir schon Anfang der 2000er-Jahre vorausgesagt. Auch der Klimawandel war damals schon vollkommen klar. Was sich dann doch nicht so schnell durchgesetzt hat, sind die E-Autos, die wir schon in den Nullerjahren angekündigt hatten. Das bekommen wir auch in den nächsten fünf Jahren nicht hin und wird wohl eher 2030 werden.
SAZsport: Was erhoffen Sie sich für das kommende Jahr?
Wenzel: Zum einen müssen wir den Klimawandel endlich ernst nehmen und unser wirtschaftliches Handeln darauf ausrichten. Zum anderen gibt es das Thema der Ungleichheit der Gesellschaft. Bei diesen wichtigen Themen müssen wir jetzt die richtigen Schritte einleiten.

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