Ein Allround-Talent 16.08.2019, 08:04 Uhr

Petra Klingler sieht im Boom des Klettersports Vor- und Nachteile

Ab 2020 wird Lead- und Speed-Klettern sowie Bouldern in einer Dreierkombination olympisch. Petra Klingler trainiert hart, um an die Spitze zu klettern.
Ein Beitrag von Christan Bonk
Seit frühester Jugend ist das Klettern eine der großen Leidenschaften von Petra Klingler. Bereits mit zwölf Jahren gewann die Schweizerin ihren ersten Wettkampf in der Disziplin Lead, Erfolge in den Bereichen Bouldern und Speed folgten. Aktuell arbeitet die studierte Sportwissenschaftlerin darauf hin, sich ein Ticket für Olympia zu sichern.
SAZsport: Frau Klingler, Sie haben 2004 Ihre Kletterkarriere mit dem ersten Platz im Lead gestartet. 2010 waren Sie Schweizer Meisterin im Bouldern sowie im Speed-Klettern und 2016 Boulder-Weltmeisterin. 2020 steht nun Olympia vor der Tür. Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?
Petra Klingler: Na ja, es wird auf jeden Fall schwer werden. Ich versuche, mich Schritt für Schritt vorzubereiten, und zuerst muss ich die Qualifikation erreichen. Ich hoffe, dass ich unter die Top 6 komme, um mein Ticket für Olympia zu erlangen. Ich denke, ich habe eine realistische Chance, allerdings wird es nicht einfach werden. Ich bin nicht die Einzige, die das will.
Mit zwölf Jahren gewann die heute 27-jährige Petra Klingler ihren ersten Wettkampf im Klettern in der Disziplin Lead.
Quelle: Petra Klingler
SAZsport:
Inwieweit findet im Klettersport genauso die Trennung zwischen männlichen und weiblichen Disziplinen statt wie in anderen Sportarten?
Klingler: Es ist sicher nicht so extrem wie in anderen Sportarten. Wettkämpfe finden alle zur selben Zeit statt, die Preisgelder sind gleich hoch und die Schwierigkeitsskala ist auch gleiche. Und hier zeigen Frauen genauso viel Potenzial wie Männer.
SAZsport: Felsklettern oder Indoor-Klettern – was bereitet Ihnen mehr Freude?
Klingler: Das kann man so nicht sagen. Es ist einfach etwas anderes, aber beides macht mir Spaß. Ich schätze besonders diese Abwechslung. Das spezifische Training und daneben auch „Off season“-Tage, an denen ich einfach draußen klettern und die Sonne und die Natur genießen kann. Die unterschiedlichen Disziplinen, das ist es, was ich am Klettern so schätze.
SAZsport: Genießen Sie immer noch Ihre selbstgemachten Powerriegel oder gibt es ein neues Geheimrezept?
Klingler: Ja, ich mache die Riegel immer wieder. Es ist eigentlich ein ständiger Vorrat in meiner Tiefkühltruhe vorhanden. Und mittlerweile sind viele neue Rezepte dazugekommen.
SAZsport: Haben Sie einen spezifischen Ernährungsplan, den Sie einhalten, oder ernähren Sie sich nach Gefühl?
Klingler: Die Ernährung ist im Sport genauso wichtig wie das Training. Was ich nicht mache, ist, nach einem fixen Plan zu essen. Es geht mir vielmehr darum, mein Training optimal zu unterstützen, je nach Gefühlslage. Brauche ich mehr Energie oder benötige eine bessere Regeneration? Das alles kann ich schon gezielt durch meine Ernährung unterstützen, aber ich kenne persönlich niemanden, der nach einem konkreten Plan vorgeht, der auf das Gramm genau berechnet ist. Jeder ist individuell und braucht deswegen in meinen Augen eine individuelle Ernährung. Und solange ich mich gut fühle, ist alles okay.
Im Speedklettern konnte Petra Klingler in diesem Jahr erneut den Titel der Schweizer Meisterin erringen.
Quelle: Petra Klingler
SAZsport:
Wie stehen Sie als Sportwissenschaftlerin zu kletterbedingten Verletzungen? Krumme Zehennägel, raue Hände und ein runder Rücken gehören im Klettersport ja zur Normalität.
Klingler: Also, es ist sicher so, dass Kletterschuhe nicht gerade gesund für unsere Füße sind. Ich selbst habe aber das Gefühl, dass die Auswirkungen minimal sind. Und ich habe von Freunden erfahren, dass sich, sobald man aufhört zu klettern oder wenn man weniger klettert, diese Sachen teilweise wieder komplett zurückbilden. Ich kenne niemanden, der von Kletterschuhen bleibende Schäden hat. Es ist grundsätzlich aber schwer einzuschätzen. Der Klettersport hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt, man weiß heutzutage mehr, wie man spezielle Körperbereiche trainieren oder ausgleichen kann, und die Zeiten, in denen im Winter ausschließlich am Campus Board trainiert wird, sind vorbei. Ich persönlich habe früh mit dem Klettern begonnen und es langsam intensiviert. Ich denke, eine langsame Anpassung, besonders in der Wachstumsphase, ist von Vorteil. Die langfristigen Folgen sind jedoch schwer abzuschätzen. Ich denke, man kann dem schon viel entgegenwirken, wenn man auf seinen Körper hört und ausreichend Ausgleichstraining wie Stretching oder Ausdauersport betreibt.
SAZsport: Wie beurteilen Sie die stetig wachsende Kommerzialisierung des Boulder- und Klettersports?
Klingler: In meinen Augen gibt es Vor- und Nachteile. Es ist natürlich schön, dass der Sport wächst und immer interessanter und beliebter wird. Man muss nicht mehr erklären, was beispielsweise Bouldern ist. Viele der Vorurteile gegenüber Frauen im Klettersport haben abgenommen, da immer mehr Frauen klettern. Das finde ich sehr schön, aber es liegt jetzt besonders an uns Athleten, eine Vorbildfunktion einzunehmen und uns korrekt zu verhalten. Gerade wenn wir draußen klettern, ist es wichtig, dass wir alle Sicherheitsaspekte einhalten und vor allem auch die Natur respektieren. Es ist von großer Bedeutung, dass in allen Kletterbereichen die Top-Athleten ihre Vorbildfunktion einhalten und nicht von sich denken, sie seien eine exklusive Gruppe mit mehr Möglichkeiten. Wir sollten alles rund um den Sport so vorleben, wie die Neulinge es übernehmen und nachmachen sollen.

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