Interview mit Niklas Timmermann, Vizepräsident des eSport-Bund Deutschland e.V. 19.11.2018, 13:05 Uhr

E-Sport als Chance für Sportverbände

Niklas Timmerann, Vizepräsident des eSport-Bund Deutschlands e.V (ESB), spricht über den E-Sport in Deutschland, was dieser den klassischen Sportarten voraus hat und welche Chance er für die Sportverbände bereithält.
E-Sport wird immer beliebter. Die Deloitte-Marktforschung rechnet 2020 mit einem Marktvolumen von etwa 130 Mio. Euro. auf dem deutschen Markt. Organisiert werden die Profispieler von E-Sport-Managern wie Niklas Timmermann, der seit 2004 im professionellen E-Sport zu Hause ist. Der 30-Jährige ist mehrfacher Europameister sowie Weltmeister im Action-Rennspiel „Need for Speed“. Heute ist der Jurist Vizepräsident des eSport-Bund Deutschlands. Der Verein sieht sich als Interessensvertretung von E-Sportlern im deutschen Amateur- und Spitzensportbereich und will die Anerkennung des E-Sports in Deutschland erreichen.
SAZsport: Herr Timmermann, wie sind Sie zum E-Sport gekommen?
Niklas Timmermann sieht für die Sportverbände eine große Chance, durch E-Sport wieder zu neuen Mitgliedern zu kommen.
(Quelle: Timmermann)
Niklas Timmermann: Mit 15 Jahren habe ich angefangen, gegen einen guten Schulfreund zu spielen, der jedoch immer besser war als ich. Das hat mich dazu angespornt, mich wirklich zu konzentrieren. Ich machte Fortschritte und habe dann zunächst bei der Deutschen Meisterschaft mitgespielt und bin schließlich auch in internationale Wettkämpfe eingestiegen. 2004 fuhr ich als Weltmeister nach Hause. So  bin ich zu meinen ersten Sponsoring-Vertrag mit Samsung gekommen.
 
SAZsport: Wie verlief Ihre Karriere und wie sind Sie zum E-Sport-Manager geworden?
Timmermann: 2011 hat „Need for Speed“ nicht mehr so gezogen, was Wettkämpfe anging. Da musste ich mir überlegen, wie es mit meiner Karriere weitergeht: ob ich das Jurastudium abschließen oder lieber Profi werden will. Durch den stark beschleunigten E-Sport-Markt hatten viele Unternehmen durch Beratung von E-Sport-Teams Erfolg, von denen ich persönlich jedoch nicht allzu viel gehalten habe. Ich dachte mir, wenn diese Typen das können, dann kannst du es auch. Das war der Moment, in dem ich mich entschlossen habe, E-Sports-Berater zu werden. Während des Referendariates war ich finanziell dazu in der Lage, Dinge auszuprobieren. Es hat so gut funktioniert, dass ich nach einen halbem Jahr die ersten Aufträge bekam. Heute ist diese Tätigkeit mein Hauptjob und ich habe sieben Mitarbeiter. Die Agentur wächst gut, und das wird sich auch in den nächsten Jahren nicht ändern. Es gibt viele Agenturen, denen der letzte Touch fehlt, da ihre Grundideen sehr klassisch sind. Vielleicht fehlt ihnen auch manchmal der Mut, den Kunden etwas Außergewöhnliches anzubieten. Man muss den Markt in seinen Strukturen sehr gut verstehen. Ich werde sogar häufig von Agenturen als Berater gebucht. Ich bin dann quasi der Berater der Berater (lacht).  Für diese Tätigkeit ist sehr hohe Spezialisierung notwendig. Nehmen Sie das Beispiel von Mercedes: Die haben vor E-Sportlern mit der E-Klasse geworben, das geht gar nicht. Wenn der Konzern mich gebucht hätte, dann hätte er im Zweifel weniger ausgegeben und mehr rausgekriegt. Das ist mein USP, mit dem ich am Markt groß winke. 
 
SAZsport: Was sind ihre Aufgaben als E-Sport-Manager?
Timmermann: Da gibt es diverse Aufgaben, ich betreue z.B. das Werksteam der Firma Expert. Darüber hinaus mache ich auch Erstberatung für Unternehmen. Es gibt sehr viele Rechtehalter auf dem Markt. Ich erkläre den Unternehmen den Markt in Gänze und ich bin in gewisser Weise ihr Anwalt, wenn es um Abschlüsse mit Rechtehaltern geht. Ich sorge dafür, dass sie keine überhöhten Preise zahlen und nicht über den Tisch gezogen werden. In der Fifa-Szene zahlen Vereine gerade Unsummen für Agenturen, Clubs geben mittelhohe sechsstellige Beträge für Beratung aus. Ich glaube, dass davon acht Zehntel verbranntes Geld ist, das nur der Agentur nutzt. Auch in meiner Funktion als Vizepräsident des ESB fordere ich von allen Playern Transparenz. Wenn ich sehe, dass Beratungen im Fifa-Bereich gleichzeitig den Verein und den Spieler unter Vertrag haben, dann ist das aus Compliance-Sicht der absolute Horror.
 
SAZsport: Die Grünen fordern, dass die Gemeinnützigkeit des E-Sports und die ehrenamtliche Arbeit in Vereinen mit E-Sport-Angebot anerkannt wird. Was haben Sie mit dem Verband bisher erreicht?
Timmermann: Wir haben mit dem Verband sehr gute Arbeit geleistet, z.B. durch unsere Bemühungen Einreiseerleichterungen für Profi-E-Sportler erreicht. Es gab häufig Probleme bei der Einreise von ausländischen Sportlern, z.B. aus China. Es ist unsere Aufgabe, an dieser Front weiterzuarbeiten. Gleichzeitig wollen wir unseren Mitgliedern die Gemeinnützigkeit ermöglichen. Wir wollen, dass jeder kleine Verein, der E-Sports anbietet, auch von den Vorteilen eines gemeinnützigen Vereins profitieren kann. Wir sehen keinen Unterschied darin, ob im Verein Fußball gespielt wird oder „League of Legends“, und fordern die Anwendung des Artikel drei des Grundgesetzes (Anm. der Red.:Gleichheitsgesetz).
 
SAZsport: Es kommt ja oft der Einwand, dass E-Sport überhaupt kein richtiger Sport sei. Wie würden Sie die Definition Sport auf heutige Verhältnisse ausweiten?
Timmermann: Da kommt es darauf an, wen sie fragen. Wenn sie den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) fragen, dann ist E-Sport kein richtiger Sport. Nach dem Motto die Guten ins Töpfen, die Schlechten ins Kröpfchen, klammert sich der DOSB an der Unterteilung des E-Sports in Sportartensimulationen und E-Gaming. Das ist absoluter Unsinn. Die Begriffskultur hat es lange gegeben, bevor sich der DOSB damit befasst hat. Er wird durch einen Beschluss nicht eine jahrzehntelang gewachsene Begriffskultur verändern. Allein dass der DOSB versucht, diese Begriffskultur zu ändern, zeigt für mich einerseits, dass er nur bedingt verstanden hat, was die Bedürfnisse seiner Mitgliedsvereine an der Basis sind, und andererseits, dass dort Angst vorherrscht. Der DOSB hat Angst davor hat, eben nicht Herr des Ganzen zu sein, wie er es aus dem Sport gewöhnt sind. Die Zielgruppe ist nicht mehr bereit, da Diskussionen hinzunehmen. Wenn Sie sich den DOSB-Beitrag auf Twitter zum Thema „ist E-Sport Sport“ angucken – da stehen gefühlte drei Likes ca. 100 Kommentaren gegenüber, die sich kritisch damit auseinandersetzen.
Es gibt gesellschaftlich einen starken Wandel, was das Thema angeht. Die klassischen Verbände und ihre Verhaltensweise werden anders beäugt. Die Fußballweltmeisterschaft setzt mehrere Milliarden um, gleichzeitig  fehlt es kleinen Vereinen trotzdem an Geld. Das zeigt, dass die Verbandsstrukturen, wie sie derzeit bestehen, überkommen sind und sich die Nutzer nicht damit zufrieden zeigen, dass der Verband über Wohl und Wehe entscheiden darf. Gerade für die Verbände läge ein Chance darin, E-Sport in seiner Gänze zu umarmen, um den Mitgliederschwund aufzuhalten.
 
SAZsport: Meinen Sie also, dass die Verbände durch E-Sport die Möglichkeit haben, auch wieder mehr Menschen zu realem Sport zu bewegen?
Timmermann: Die Menschen zocken so oder so. Deshalb kommen die Verbände nicht darum herum. Die Frage, die man sich stellen muss ist, ob man in kontrollierter Art und Weise dafür sorgen will, dass Jugendliche im Verein zocken, sodass man Eltern ein gutes Gefühl gibt, dass sie in Gruppen unter Aufsicht spielen. So sind die Jugendlichen trotzdem interaktiv und man hat die Chance, sie in weitere Programme des Vereins zu bringen. Sonst würden die Kids alleine zu Hause spielen, wo man keine Kontrolle darüber hat. Nur so kann der Weg sein. Ein Beispiel hierfür ist der TSV Oftersheim, ein kleiner Dorfclub in der Nähe von Mannheim. Allein durch E-Sport hat der Verein im Vergangenen Jahr 100 Mitglieder gewonnen.
Teamorientiertes Computerspielen ist längst nicht mehr nur bei Nerds beliebt.
(Quelle: Shutterstock/Gorodekoff)

 
SAZsport: Wie würden Sie die typische Zielgruppe beschreiben?
Timmermann: Der typische E-Sportler ist zwischen 10 und 36 Jahre alt und zu ca. 70 % männlich. Er ist überdurchschnittlich gebildet und verfügt über einen hohen Bildungsabschluss wie Abitur  oder Hochschulabschluss. Das hängt damit zusammen, dass die Spiele inhaltlich hoch komplex sind. Dadurch wird ein gewisser Grundintellekt vorausgesetzt. Übertragungen sind häufig auf Englisch, das muss man verstehen. Zudem verfügt er über genügend finanzielle Mittel, entweder vom Elternhaus oder im späteren Alter durch die eigene Berufstätigkeit als Akademiker. Die Zielgruppe ist extrem kritisch und vertraut fast nicht mehr auf klassische Werbung. Man erreicht sie vor allem über Social Media. Twitter ist im E-Sport ein großer Kanal, aber auch Streaming-Portale wie Netflix, Spotify und Co.
 
SAZsport: Sports Direct plant in seinen Stores „E-Sport-Ecken“ einzuführen. Glauben Sie, dass auch andere Sporthändler von dem Thema profitieren könnten?
Timmermann: Das kommt auf die Größe des Angebots an. Wenn ich als Händler Benefits anbiete, wie kostenlose Getränke oder Snacks, könnte der PoS als Treffpunkt wachsen. Der Markt ist nicht limitiert.
 
SAZsport: Welche nicht-virtuellen Sportarten üben Sie aus, um sich fit zu halten?
Timmermann: Ich fahre viel Rennrad, denn durch mehrere Jahre Fußball ist mein Knie kaputt gegangen. Ansonsten liegt mein Hauptfokus auf CrossFit. Ich mache viel Ausdauersport, ca. viermal die Woche. Profi-E-Sportler treiben generell viel Sport, um sich für Wettkämpfe fit zu halten. Es ist sehr anstrengend, vor 10.000 Menschen zu spielen. Da muss man körperlich fit sein. Beim Profi-E-sport werden Sie entgegen des Vorurteils sehr wenige kleine, dicke Kinder finden.
 
SAZsport: Welche Hürden gilt für den E-Sport in den nächsten Jahren noch zu überwinden? 
Timmermann: Ich glaub nicht, dass der DOSB sich so schnell von seiner Position verabschieden wird, dass E-Sport anerkannt wird. Ich glaube jedoch, dass er von den Fakten eingeholt wird. Die Vereine und die ganze Wirtschaft haben die Relevanz des E-Sports ja schon erkannt. Z.B. hat McDonalds sich bereits vom DFB zurückgezogen und packt sein Werbeetat in den E-Sport-Bereich. Mercedes hat seinen Vertrag als E-Sport-Veranstalter der ESL verlängert. Es findet ein Wandel statt, der nicht aufgehalten werden kann. Der DOSB wird sich dadurch in die eigene Irrelevanz in diesem Bereich hineinbefördern. Ich denke nicht, dass z.B „Counterstrike“ oder andere Shooter olympisch werden. Diese Spiele machen jedoch einen erheblichen Teil des Marktes aus, genau wie MOBA (Anm. d. Red.: ein Echtzeit-Strategiespiel) Macht Olympia nur Sportspiele, so wären über 80 % des aktuellen Marktes jedoch nicht bedient.
 
Allerdings bin ich der Ansicht, dass die Olympischen Spiele und E-Sport im Grunde auch nicht zusammen passen. E-Sports Teams sind international besetzt. Über die Grundidee: „Land gegen Land“ sind wir lange hinweg. Das ist nicht mehr State of the Art. Es geht mehr darum, dass Athleten in internationaler Freundschaft zusammenarbeiten und dass Ländergrenzen, Geschlechter und körperliche Behinderungen immer weniger eine Rolle spielen. In der E-Sport-Abteilung beim VFB Stuttgart gibt es Menschen, die mit körperlichen Einschränkungen vollständig integriert sind und ganz normal am Spiel teilnehmen. E-Sport ist durch seine Ausgestaltung viel inklusiver als andere Sportarten. Da sind wir den gesellschaftlichen Entwicklungen voraus. Warum sollte man so etwas aufgeben, nur um in bestehende Strukturen zu passen? Das hat keinen Sinn. Wenn E-Sport nur nach den Bedingungen des DOSB stattfindet, dann ist er nicht authentisch und wird in seiner eigenen Zielgruppe nicht angenommen werden. 

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