Interview mit Marc Zwiebler 09.09.2019, 08:39 Uhr

Karriere nach dem Verletzungsaus

Als Wunder beschreibt Marc Zwiebler seinen Erfolg im Badmintonsport. Das erste Aus kam bereits mit 21 – doch knapp eineinhalb Jahre später folgte ein riesiges Comeback.
Neunmal Deutscher Meister und einmal Europameister im Einzel, drei Teilnahmen an Olympischen Spielen und Mitglied der Nationalmannschaft, die 2013 erstmals in der Geschichte des deutschen Badmintonsports den Mannschafts-Europameistertitel geholt hat – Marc Zwiebler gilt zurecht als erfolgreichster deutscher Badmintonspieler. Dabei musste der heute 35-Jährige seine Karriere vor seinen großen Erfolgen gesundheitsbedingt schon einmal beenden.
SAZsport: Herr Zwiebler, was sehen Sie als größtes Highlight in Ihrer Karriere?
Marc Zwiebler: Vom Wettkampf her wäre das der Europameistertitel im Herreneinzel 2012. Das ist der prestigeträchtigste Titel, weil ich auch der erste Deutsche seit damals 40 Jahren war, der diesen Titel holen konnte. Rückblickend sind für mich aber einige eher kleinere Turniere wichtig. Diese Turniere waren für mich ein persönlicher Erfolg, weil ich meine Verletzung überwunden hatte.
SAZsport: Sie waren schon in jungen Jahren sehr erfolgreich, waren 19-mal Deutscher Jugend- und Juniorenmeister. Wie hat das Ihre Jugend geprägt?
Marc Zwiebler gilt als erfolgreichster deutscher Badminton-Spieler.
Quelle: Marc Zwiebler
Zwiebler:
Der Sport hat ab etwa 16 Jahren alles dominiert. In dem Alter habe ich das Gymnasium verlassen, weil es Probleme wegen der turnierbedingten Fehlzeiten gab. Ich habe dann eine kaufmännische Ausbildung bei einem Unternehmen absolviert, das mir Freiraum gegeben hat. Damit habe ich mir neben dem Sport ein stabiles zweites Standbein geschaffen. Nach der Ausbildung wurde ich mit gerade einmal 19 Jahren in die Nationalmannschaft aufgenommen. Parallel leistete ich meinen Wehrdienst und war in dieser Zeit in der Sportfördergruppe der Bundeswehr. In diese Zeit fiel auch mein erster Titel als Deutscher Meister bei den Senioren. Eigentlich sah alles damals ganz gut aus.
SAZsport: Es kam dann aber ganz anders.
Zwiebler: Ab 2006 fing eine harte Zeit an. Ich bekam starke Rückenschmerzen und die Diagnose lautete Bandscheibenvorfall. Ich war damals erst 21 Jahre alt. Ich habe zig Ärzte und Physiotherapeuten in ganz Deutschland aufgesucht, aber im Laufe eines Jahres ging es stetig bergab. Zeitweise ging es mir so schlecht, dass ich nur mit Hilfe aus dem Bett aufstehen konnte. An Sport war da nicht mehr zu denken. Das einzige Ziel war nur noch, mich einigermaßen bewegen zu können.
SAZsport: Wie haben Sie es geschafft, sich zurück auf das Spielfeld zu kämpfen?
Zwiebler: Mein Zustand verschlechterte sich so sehr, dass ich neurale Ausfälle hatte. Es kam zu einer Notoperation. Erst da wurde klar, dass der Bandscheibenvorfall größer war als angenommen. Nach der OP wollte ich eigentlich nur mit etwas Fitnesstraining meine Beweglichkeit wiederherstellen. Als Freizeitsport neben dem BWL-Studium habe ich wieder zum Badmintonschläger gegriffen und nach einigen Monaten festgestellt, dass die Leistungsfähigkeit zunimmt. 2007 habe ich dann tatsächlich wieder an einem internationalen Turnier teilgenommen und überraschenderweise gewonnen. Eigentlich ein Wunder, wenn man bedenkt, dass ich ein paar Monate zuvor noch ohne Gefühl in den Beinen im Krankenhaus lag. Von da an ging es immer weiter bergauf. Diese Zeit, die mit der Qualifikation für die Olympischen Spiele 2008 gekrönt wurde, ist für mich die allerwichtigste und mit vielen Emotionen verbunden.
SAZsport: 2017 haben Sie Ihre Karriere bewusst beendet, aber 2018 doch nochmal zum Schläger gegriffen. Wie kam es dazu?
Zwiebler: Ich habe in meiner Karriere mehr erreicht, als ich mir erträumt hätte. Nach meinen dritten Olympischen Spielen kam aber die Überlegung, wie es in Zukunft weitergehen soll. Ich habe mich dann dafür entschieden, im August 2017 mit der Teilnahme an den Weltmeisterschaften in Glasgow meine Profikarriere zu beenden. Dass ich danach nochmal aufs Feld ging, hing damit zusammen, dass ich nach der WM noch Athletensprecher und Spieler in der Bundesliga war, mich also noch im Training befand. Als 2018 die EM in Russland und die WM in Bangkok anstanden, wurde ich für diese Meisterschaften in die Nationalmannschaft zurückgeholt, weil das recht junge Team Verstärkung gebraucht hat. Ein richtiges Comeback war aber nie geplant.
SAZsport: Seit Kurzem sind Sie Athletensprecher im Badminton-Weltverband. Welche Aufgaben haben Sie in dieser Funktion?
Zwiebler: Ergänzend kann ich sagen, dass ich auch Athletensprecher der gesamten deutschen Sportler unter dem Dach des DOSB bin. Es ist schon sehr spannend, mit Sportlern aus anderen Disziplinen zusammenzuarbeiten. Im Juli habe ich nun den Vorsitz der Athletenkommission des Badminton-Weltverbands übernommen und vertrete damit alle Badmintonspieler weltweit. In der Kommission geht es primär um die Entwicklung des Sports, um Regularien, Eventformate etc. Da bringe ich die Sicht der Spieler ein.
SAZsport: In Deutschland hat Badminton als Wettkampfdisziplin nicht den Stellenwert wie beispielsweise in Asien. Was für Gründe hat das Ihrer Meinung nach?
Zwiebler: Das liegt sicher an mehreren Faktoren. Im Badminton fehlt beispielsweise der Boris-Becker- und Steffi-Graf-Effekt, den es beim Tennis gab. Beide haben sich gut vermarktet, die mediale Aufmerksamkeit für den Sport ist dadurch gestiegen. Außerdem hat Badminton in Deutschland auch keine große Historie und ist erst seit Anfang der 1990er-Jahre olympisch. Und natürlich erdrückt König Fußball hierzulande viele andere Sportarten, denen dann der Nachwuchs fehlt. Ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft neben Fußball auch mal anderen Sportarten – nicht nur Badminton – etwas mehr Beachtung schenkt.

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