Die Besten der Sportbranche 2018 15.11.2018, 17:06 Uhr

Nachhaltigkeit betrifft alle Lieferanten

Erstmals hat SAZsport in Zusammenarbeit mit dem Handel und einer Fachjury die nachhaltigste Marke der Branche gesucht. Das Ergebnis birgt einige Überraschungen, angefangen damit, dass bereits unerwartete Namen auf der Shortlist zu finden sind
Vom Handel nominiert und von einer Fachjury beurteilt, so kann die Suche nach der nachhaltigsten Marke durch SAZsport kurz zusammengefasst werden. Neun Brands erreichten durch die Nominierung durch den Handel die Shortlist. Fjällräven, Vaude und Adidas gingen schließlich als klare Sieger hervor.
Mittels einer Umfrage von SAZsport hatten rund 2.400 Sport- und Outdoor-Händler die Möglichkeit, ­jeweils eine Marke zu nominieren, die ihrer Meinung nach die nachhaltigste der Branche ist. Insgesamt nannten die Händler 48 Brands, von denen die Top 9 mit den meisten Nennungen in die Shortlist aufgenommen zu werden. Diese Shortlist wurde inklusive aller verfügbaren Nachhaltigkeitsberichte einer unabhängigen Fachjury, bestehend aus Anna Rodewald (GreenroomVoice), Pamela Ravasio (EOG) sowie Marco Weichert und Stefanie Sacherow (Performance Days), vorgelegt. Die Jurymitglieder beurteilten die neun Marken anhand von sechs verschiedenen Kriterien und ver­gaben für jedes Kriterium Noten zwischen 1 und 6. Aus diesen wurden pro Marke die Einzelnoten je Kriterium und eine Gesamtnote errechnet, aus der sich das vorliegende Ranking ergibt.

Kopf-an-Kopf-Rennen um den ersten Platz

An der Spitze des Nachhaltigkeits-Rankings ist es sehr eng geworden. Fjällräven erhielt von der Jury die Note 1,72 und konnte sich damit knapp gegen Vaude mit der Note 1,83 durchsetzen. „Fjällräven ist sehr engagiert. Abgesehen von einer Produktion in Europa und fehlender CO2-Reduzierung steht das Unternehmen für einen beispielhaften und bewussten Umgang mit ­Ressourcen“, fassen Stefanie Sacherow und Marco Weichert ihr Urteil zusammen. „Die Bemühungen hinsichtlich Nachhaltigkeit werden außerdem für den Kunden transparent aufgearbeitet und leicht verständlich dargestellt.“ Pamela Ravasio fügt hinzu, dass Fjällräven zwar einen vollständigen, stringent und gut aufbereiteten CSR-Bericht vorweisen kann, dass die Marke aber darüber hinaus durchaus noch mehr erzählen könnte. Ergänzt werden könnten beispielsweise Ziele, die in Zukunft erreicht werden sollen, und Meilensteine, die auf dem Weg zu diesen Zielen bereits erreicht wurden bzw. noch erreicht werden sollen.
„Im Marketing ist Vaude vielen Firmen ­voraus“, erklärt Sacherow zu dem Tettnanger Unternehmen, das vielleicht zur Überraschung einiger Händler „nur“ den zweiten Platz erreicht hat – bei der Zahl der Stimmen des Handels lag die Marke eindeutig vorne. „Die Marke Vaude ist strategisch nachhaltig ausgerichtet“, ergänzt Weichert. „In der Entwicklung von nachhaltigen Produkten und in ihrem Engagement ist sie für die Branche impulsgebend.“
Fjällräven gehört zu den Vorreitern hinsichtlich fairer Arbeitsbedingungen.
Quelle: Fjällräven

Sportartikelriese auf Rang 3

Die größte Überraschung auf dem Treppchen dürfte wohl Adidas sein. Tatsächlich assoziiert man den Sportartikelriesen, der von der Jury mit der Gesamtnote 2,06 bewertet wurde, nicht sofort mit Nachhaltigkeit. Doch das Unternehmen dokumentiert umfangreich seine Maßnahmen in Richtung nachhaltiger Produktion. Allerdings schränkt Ravasio ein: „Der Umfang und die Organisation der Nachhaltigkeitsinformationen machen es schwierig, klar zu sehen, welche allgemeine Strategie es gibt, welche Ziele und welche Resultate.“ Ähnlich kommentiert Sacherow: „Adidas hat viele Initiativen auf allen Gebieten: Die Gruppe ist schließlich ein börsennotiertes Unternehmen. Wie groß aber der Anteil der nachhaltigen Produkte ist, bleibt trotz oder gerade wegen der Menge an Informationen unverständlich. Mit medienwirksamen Projekten wie der Zusammenarbeit mit Parley for the Oceans will Adidas das Bewusstsein der Verbraucher schärfen.“
Insbesondere hinsichtlich der Verwendung von Recyclingmaterialien und für den Umgang mit giftigen Chemikalien erhielt Adidas von der Jury hervorragende Bewertungen. „Adidas’ Strategie beim Thema recycelte Materialien ist transparent und klar: nur noch rPet anstatt Virgin Polyester bis 2024“, begründet Ravasio die positive Bewertung. „Die Strategien für die restlichen Materialien sind ähnlich klar: Beispielsweise sollen auch für Nylon und Polystyren recycelte Alternativen eingesetzt werden.“
Die Verwendung von Recyclingmaterialien ist eine der großen Stärken von Adidas.
Quelle: Adidas

Transparenz scheidet die Geister

Mit der Note 1,33 führt Fjällräven das Feld hinsichtlich der Transparenz bei den Nachhaltigkeitsmaßnahmen an, gefolgt von Vaude mit 1,67. Am anderen Ende der Liste sitzen Jako mit 4,00 und Fischer Sports mit 5,00. Dies zeigt, dass Outdoor-Hersteller, insbesondere Textiliten, in ihrer Kommunikation zum Thema Nachhaltigkeit anderen Lieferanten in der Sport- und Outdoor-Branche ein ganzes Stück weit voraus sind. „Die Nachhaltigkeitsmaßnahmen werden in verständlichen Worten und glaubwürdig auf der Website der Marke dargestellt. Beim ­Betrachten der Artikel wird sichtbar, dass die Maßnahmen für weite Teile der Kollektionen gelten“, sagt Sacherow über Fjällräven. Dagegen bemängelt sie bei Vaude, dass die ­In­formationen auf der Website zwar sehr umfangreich aufgearbeitet seien, ohne dass ­jedoch konkrete Ergebnisse dargestellt oder der Anteil der Kollektionen genannt wird, auf den diese zutreffen.
Dass nicht alle Unternehmen zeigen, wie nachhaltig sie arbeiten, stellen leider Jako und Fischer Sports unter Beweis. „Es gibt kaum öffentlich zugängliche relevante Informationen zur Nachhaltigkeit“, klagt Ravasio über den Skihersteller. „Da sieht man keine große Absicht, transparent zu sein.“ Und Weichert fügt hinzu: „Fischer Sports arbeitet die Thematik für den Kunden online leider nicht auf. Eine nachhaltige EU-standard­mäßige Produktion ist gegeben, aber die ­Informationslage ist nicht transparent.“ Zu Jako erklärt Sacherow, dass es gute Ansätze gebe, die teilweise für Kunden online ersichtlich seien. Doch: „Wie nachhaltig die eingesetzten Materialien und deren Pro­duktionsstandorte sind, ist nicht einsehbar, ebenso wenig der Anteil der nachhaltigen Produkte am Sortiment.“ Auch bei Löffler (3,33) beanstandet die Jury, dass „die Aufarbeitung des Themas Nachhaltigkeit auf der Website nicht sehr hilfreich“ sei und für eine entsprechende „Außenwirkung eine transparent-verständliche Darstellung“ fehle.

Faire Arbeitsbedingungen

Insgesamt am besten schneiden die untersuchten und bewerteten Unternehmen hinsichtlich der Arbeitsbedingungen an ihren Produktionsstätten ab. Mit Deuter, Fjällräven und Vaude sitzen hier gleich drei Marken mit der Note 1,67 auf dem ersten Platz, kein Unternehmen schneidet schlechter als mit 3,33 ab. Das gute Ergebnis von Deuter kommt durch die begrenzte Zahl der Zulieferer zustande und durch die sehr enge Zusammenarbeit mit diesen“, erläutert ­Ravasio. Die kleinen Partnerbetriebe ermöglichen Anstrengungen, die über die Einhaltung von Vorschriften hinausgehen.“ Bei Vaude wird von der Jury bei diesem Aspekt insbesondere die langjährige Zusammenarbeit mit der Fair Wear Foundation hervorgehoben. Die gute Bewertung erhält das Unternehmen auch aufgrund „der erheblichen Investitionen, die es in diesem Bereich tätigt, nicht nur in die Lieferkette, sondern auch in die Mitarbeiter der Zentrale, zum Beispiel durch die Beschäftigung von Flüchtlingen usw“.
Auch Maßnahmen zur Energie- und Wasserersparnis sind ein Bereich, in dem die bewerteten Sport- und Outdoor-Marken bereits weit vorangeschritten sind. So merkt Ravasio hier zu Brooks (3,33), dem Schlusslicht bei diesem Kriterium, positiv an: „Der Footprint wird gemessen.“ Ergänzt aber: „Es werden jedoch keine Ziele oder Wege zur Verbesserung aufgezeigt.“
Wichtig ist immer auch der Blick auf den Umgang mit gifti-gen Chemikalien. Hier tun sich Adidas und Fjällräven (beide 1,33) besonders hervor. „Adidas arbeitet beim Chemikalienmanagement mit relevanten Organisationen und Zertifizierungen“, weiß Ravasio. „Hinsichtlich des Färbens agiert das Unternehmen vorbildlich.“ Sacherow hebt die guten Ansätze von Jako (4,00) mit der Einhaltung der Standards von Oeko-Tex 100 und Reach und seinem „Waterless dyeing“-Verfahren hervor.
Hinsichtlich der Arbeitsbedingungen an den Produktionsstandorten arbeitet Vaude mit der Fair Wear Foundation zusammen.
Quelle: Vaude

Noch nicht alle Ziele erreicht

Die insgesamt schlechtesten Bewertungen kassierten die untersuchten Unternehmen hinsichtlich der Reduzierung des CO2-Ausstoßes in der Produktion und Lieferkette. Hier konnte keine Marke eine Eins vor dem Komma erreichen. Bei Löffler (3,67) urteilt Weichert beispielsweise, dass durch die „regionale“ EU-Produktion der CO2-Ausstoß sicher geringer gehalten werden könne als bei anderen Marken, dass dies aber nicht ausreichend belegt sei. Ähnlich schätzt der Gründer der Performance Days die Situation bei Lowa ein, wo er ebenfalls durch die Produktion in Europa CO2-Einsparungen für realistisch hält. Positiv sieht er in diesem Zusammenhang auch ein Aufforstungsprojekt des Jetzendorfer Unternehmens in den bayerischen Bergwäldern. Doch genauere Informationen dazu seien weder im Nachhaltigkeitsbericht noch online einsehbar. Zu Fjällräven erklärt Ravasio: „Messungen von Leistungen und Projekten, die Anpassungen in Produktion und Produkten beinhalten, scheinen zu existieren und die bisherigen Fortschritte sind gut.“ Eine Herausforderung für das Unternehmen sieht sie darin, die Lieferkette zur Zusammenarbeit zu bewegen. Doch: „Es ist klar, dass die Bedeutung des Themas erkannt wird. Das Unternehmen sucht jetzt nach dem besten und effektivsten Ansatz für den Fortschritt.“ So gibt es bei allen Marken Ansätze zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes – bis hin zu Adidas, wo Sacherow erklärt, dass die Menge an Informationen erschlagend, aber nicht hilfreich sei –, doch in den meisten Fällen sind die Ziele und Ergebnisse unzureichend dokumentiert.
Abschließend ist zu sagen, dass alle neun Unternehmen, die es auf die Shortlist geschafft haben, unabhängig von der jeweiligen Benotung durch die Jury schon ein Ziel erreicht haben: die Aufmerksamkeit des Handels, der die Marke als nachhaltig wahrnimmt. Eine entsprechende Kommunikation ist dem einen oder anderen Hersteller sicherlich noch nahezulegen. Denn oftmals gibt nicht die mangelnde Nachhaltigkeit, sondern die fehlende Transparenz den Ausschlag dafür, dass der Handel und damit auch der Verbraucher nichts von den Leistungen der Marke erfahren.
Bewertet von Experten
Über die Jury
Marco Weichert und Stefanie Sacherow
Textile DNA liegt Marco Weichert im Blut. Seit 1995 in der Branche, führt er in dritter Generation die internationale Textilagentur Weichert Agencies mit Schwerpunkt auf funktionellen Stoffen. Die 2008 durch ihn gegründete Sourcing-Messe „Performance Days functional fabric fair“ entwickelte er zusammen mit Stefanie Sacherow, Senior Projectmanager der Messe, ab 2010 erfolgreich weiter. Heute ist der Branchentreff über die Grenzen Europas hinweg bekannt und geschätzt. 2018 lancierte das Team in New York sehr erfolgreich die „Functional Fabric Fair powered by Performance Days“. Im Rahmen des Performance Forums sind beide geübte wie kritische Juroren.
Pamela Ravasio
Pamela Ravasio ist Head of CSR & Sustainability bei der European Outdoor Group (EOG). Unter ihrer Führung haben sich die EOG und die europäische Outdoor-Industrie weltweit den Ruf erworben, führend in der Zukunftsfähigkeit einer Branche zu sein, die von KMUs, privatem Kapital und Familienunternehmen dominiert ist. Seit rund 20 Jahren ist Pamela Ravasio für führende Unternehmen, Hochschulen und als Beraterin tätig. Sie hat einen Doktortitel in Industrie- und Produktionsmanagement und hat sich in den Bereichen Unternehmensführung, Textilien, CSR und Nachhaltigkeit weitergebildet. Außerdem ist sie Vorsitzende des Nach­haltigkeitsausschusses des Verbandes der europäischen Sportartikelindustrie (FESI) und Mitglied des Beirats von Textile Exchange, der führenden gemeinnützigen Organisation im Textilbereich.
Anna Rodewald
Anna Rodewald ist Diplom-Ingenieurin und hat einen Master in Responsible Management. Mit mehr als 20 Jahren ­Berufserfahrung in der globalen Textil- und Sportartikelindustrie startete sie 2013 ihr eigenes Unternehmen als freiberufliche Beraterin und Dozentin in den Bereichen Nachhaltige Entwicklung, Innovationen und System-Design. Sie ist seit 2014 Partnerin bei GreenroomVoice und dort unter anderem für das Transparency Tool verantwortlich. GreenroomVoice ist eine unabhängige Organisation für die Kommunikation zur Nachhaltigkeitspraxis. Ziel ist es, eine klare, aussagekräftige und vertrauenswürdige Kommunikation über CSR-Markenaktivitäten und deren Produkte zu fördern.

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