Besuch bei Meindl in Kirchanschöring 22.08.2019, 09:21 Uhr

Die hohe Kunst des Schuhmacherhandwerks

Klassische Wander- oder Bergschuhe haben ihren Preis. Wer eine Produktion besucht, wie zum Beispiel das Haus  Meindl in Kirchanschöring, wird den Preis schnell verstehen – und so dieses Qualitäts-Schuhwerk besser verkaufen.
Die Produktion eines klassischen Wander- oder Bergschuhs ist sehr komplex und extrem arbeitsintensiv, erklärt Lukas Meindl. „Je nach Schuh kommen wir auf bis zu 200 Arbeitsschritte und fast drei Stunden Arbeitszeit. Jeder Schuh ist anders und individuell, weil die Herstellung noch mit viel Handarbeit verbunden ist.“
"Meindl steht für Qualität, Langlebigkeit und Handwerkskunst. Das haben wir uns erarbeitet", erklärt Geschäftsführer Lukas Meindl.
Quelle: Meindl
Lukas und Lars Meindl führen bereits in neunter Generation das Familienunternehmen, dessen Tradition bis ins Jahr 1683 zurückreicht. Damals wurden Schuhe ein ganzes Leben lang getragen. Es wurde genagelt, geflickt und repariert, wo es nur ging, weil die meisten zu arm waren, sich neue Schuhe zu kaufen. Langlebigkeit ist ein ­Gebot, das Meindl-Produkte heute noch auszeichnet. Pro Tag erreichen rund 200 Wanderschuhe die Zentrale und etwa 120 Paar davon werden täglich neu besohlt. „Im Schuh liegt Emotion“, erklärt Lukas Meindl, der für die Produktion und Entwicklung der Schuhe zuständig ist. „Die Kunden verbinden mit dem Schuh viele schöne Erlebnisse und wollen an dem Schuh festhalten.“ Selbst wenn der Schaft eigentlich hinüber ist, wollen einige Kunden noch eine Neubesohlung ihres Lieblingsstücks.
Die Einzelteile der Oberleder, der sogenannten Schäfte, werden im eigenen Werk, der Meindl KFT, in Ungarn vernäht.
Quelle: Meindl
Rund 150 Mitarbeiter nähen, kleben, fräsen, schleifen, trocknen, säubern, zwicken und kontrollieren in der 3.000 Quadratmeter großen Produktionshalle in Kirchanschöring, wo die festeren Wander- und Bergstiefel der Kategorien B/C bis D gefertigt werden. Diese Anwendungsgebiete stammen von Alfons Meindl, der Vater der heutigen Geschäftsführerbrüder hatte sie einst eingeführt, heute ist diese Einteilung längst ein Standard in der Branche bei Wander- und Bergschuhen. Hunderte von Leisten liegen in Boxen bereit. Die Schäfte werden in Ungarn im ­eigenen Werk der Meindl KFT her­gestellt, so zum Beispiel auch das Modell „Island“, dessen Schaft in 100 Minuten aufwendig zusammengenäht wird. Der Meindl-Stammsitz in Kirchanschöring fertigt in zwei Produktionslinien, eine für die klebegezwickten und eine für die zwiegenähten Schuhe.

Königsdisziplin der Macharten

Jeder Mitarbeiter in der Produktion muss viele Arbeitsschritte beherrschen, nur gut ausgebildete Mitarbeiter können die Arbeitsgänge ausführen. Aber es gibt auch Spezialisten, die vornehmlich bei zwiegenähten Modellen wie dem „Perfekt“, „Badile“ oder „Leogang Identity“ ihr hochgeschätztes handwerkliches Können nutzen.
Bei der zwiegenähten Machart, wie hier beim Modell "Perfekt", ist es wichtig, dass die Einstechnaht den Schaft in Höhe und Stichlänge perfekt mit der Brandsohle verbindet.
Quelle: Meindl
Bei der zwiegenähten Machart ist es wichtig, dass die Einstechnaht den Schaft in Höhe und Stichlänge perfekt mit der Brandsohle verbindet. Dies ist immer noch mit viel Handarbeit verbunden, obwohl sie von Maschinen unterstützt wird. Die Doppelnaht verbindet das nach außen geschlagene Oberleder mit der Zwischensohle und wird parallel zur Einstechnaht gesetzt. Diese beiden Nähte geben dem Schuh das „Gesicht“. Inzwischen wird dieser Zwickprozess durch neue Maschinen erleichtert, aber nach wie vor dürfen hier nur die Experten im Haus Hand anlegen. Im Vergleich zu klebegezwickten Wanderschuhen sind zwiegenähte deutlich widerstandsfähiger, stabiler und langlebiger.
Bei der klebegezwickten Machart wird der Schaft (Schuhoberteil) mit Unterstützung von Wärme und Feuchtigkeit weich und dehnbar gemacht. Parallel wird der Leisten vorbereitet. Es wird, abhängig vom Schuhmodell, die passende Brandsohle mit zwei Nägeln auf den Leisten fixiert. Jetzt wird der Schaft über den Leisten gezogen und mit der Brandsohle verklebt. Die Nägel können danach wieder entfernt werden. Meindl war vor über 35 Jahren der erste Outdoor-Schuhhersteller in Europa, der die Gore-Tex-Membran nutzte. Es war auch eine Erfindung von Alfons Meindl, dass die Abdichtung unter der Brandsohle bei wasserdichten Modellen nicht wie üblich über einen Gore-Socken, sondern über einen Spezialkleber gewährleistet werden konnte. Dieses Patent hat Meindl an Gore abgetreten und auch Wettbewerber benutzen diese Technologie, die sich zum Standard entwickelt hat. Durch Kühlen des Schaftes auf dem Leisten kann die Form stabilisiert werden. Bei Schuhen mit Gummigürtel werden das Leder und der Gummi vor dem Klebstoffauftrag in dem markierten Bereich aufgeraut. Nur so kann eine stabile Verklebung erreicht werden. Nach ausreichender Trockenzeit wird der Klebstoff beidseitig reaktiviert. Der Gummigürtel wird von Hand auf den Schaft aufgezogen und unter hohem Druck verpresst, sodass der Gürtel  wie angeschweißt sitzt.

Nach der Montage des Schuhs folgt das Finish.
Quelle: Meindl
Qualitätstests und Feinarbeit

Die überstehenden Nasen des Gummigürtels im Sohlenbereich werden abgeschliffen und so vorbereitet, dass die Sohle gleichmäßig aufgesetzt werden kann. Die Sohle ist zuvor mit einem Kleber angestrichen worden, und mit Gegenzug wird der Schuh mit der Sohle verbunden, was bei steigeisenfesten Schuhen viel Kraft und Präzision benötigt. Danach wird der Schuh in Feinarbeit gereinigt, der Leisten maschinell entfernt und mit Schnürsenkeln ausgestattet. Mittels einer Magnetplatte wird der Schuh auf vergessene Metallstücke überprüft. Im Labor werden mit einer Gore-Tex-Membran ausgerüstete Schuhe auf ihre Wasserdichtigkeit gecheckt. Nach der Imprägnierung und finaler Sichtkontrolle wird der Schuh mit Hang-Tags ver­sehen und für den Handel im Paarkarton aufbereitet, bevor er dann den Weg in das vollautomatisierte Logistikzentrum nehmen darf.
„Meindl steht für Qualität, Langlebigkeit und Handwerkskunst. Das haben wir uns erarbeitet“, erklärt Lukas Meindl. Genauso wie es früher einen Schuh fürs ganze Leben gab, ist Langlebigkeit für Meindl-Schuhe auch heute noch oberstes Gebot. Die Meindl-Brüder sind davon überzeugt, dass man den Unterschied ihrer Qualitätsprodukte spürt. „Auf das Detail kommt es an“, betont Schuhmachermeister Lukas Meindl. „Genau das zeichnet doch auch den Fachhandel aus: dass er viele Hintergründe kennt und den Unterschied spürbar macht, der die Hochwertigkeit und damit auch den Preis unserer beratungsintensiven Produkte rechtfertigt.“
Interessierte Händler können sich in regelmäßigen Schulungen und Besichtigungen am Stammsitz den Produktionsablauf von Meindl-Schuhen live ansehen und den Mitarbeitern beim Schuhhandwerk über die Schulter schauen.

Der Weltraumspringer-Meindl

Meindl-Schuhe hat man bei guter Pflege jahrelang. Eine Ausnahme dürften die von Felix Baumgartner sein. Bei seinem Stratosphären-Sprung mussten seine Meindl-Spezialschuhe Temperatur-Anforderungen von minus 60 Grad standhalten. Dann übergab er das Paar dem Meindl-Museum. Auch in dieser Fußbekleidung stecken Emotionen und Abenteuer.   

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