Neue Konzepte für neue Warengruppen 03.09.2019, 08:39 Uhr

So pushen große Händler das Thema Verleih

In vielen Lebensbereichen hat der Trend, Dinge zu mieten, erfolgreich Einzug gehalten. Auch in der Sportartikelbranche setzen immer mehr Anbieter auf das Verleihkonzept.
(Quelle: Otto Now )
Car-Sharing boomt im Automobilbereich seit Jahren, die US-Plattform Airbnb erzielt durch die Vermittlung von Wohnungen und Gästezimmern Umsätze in Milliardenhöhe, Kaffeeröster Tchibo vermietet seit Anfang 2018 Kinderkleider, und der schwedische Möbel­riese Ikea startete im Juli dieses Jahres mit der Vermietung von Einrichtungs- und Möbelstücken. Bei immer mehr Konsumgütern können Verbraucher mittlerweile entscheiden, ob sie die Produkte kaufen oder nur zeitlich begrenzt mieten wollen. Daher hat Versandhändler Otto im Oktober 2016 das interne Start-up Otto Now gegründet, um beim Trend der „Sharing Community“ ganz vorne mitzuspielen. Neben Technik- und Haushaltsgeräten vermietet Otto Now auch Sportartikel.
Gemessen am Gesamtumsatz des Otto-Konzerns ist das Geschäft zwar noch klein, doch es wächst beachtlich: Das Portfolio des Anbieters wurde seit seiner Gründung von 100 auf aktuell rund 1.000 Produkte ausgeweitet. „Konkrete Umsatzzahlen veröffentlichen wir nicht, aber mit der Anzahl der Vermietungen bei Otto Now sind wir insgesamt zufrieden“, verrät Anne Remy, Sprecherin von Otto. Auch im Bereich Sportgeräte ist die Palette kontinuierlich weiterentwickelt worden. Heute können auf der Plattform des Anbieters Crosstrainer, Laufbänder, Fitness- und Rudergeräte, Boxsäcke, E-Bikes, SUP-Boards sowie Trampoline für die Dauer von drei bis zu 24 Monaten gemietet werden. „Otto Now hat den Vorteil, als Start-up innerhalb von Otto sehr viele Freiheiten zu genießen. Das bedeutet auch, viele Dinge erst mal testen zu können – zum Beispiel, inwieweit bestimmte Sortimente von Kundinnen und Kunden angenommen werden, um das Angebot dann dementsprechend zu erweitern“, so Remy. Das junge Unternehmen ist überzeugt von der Geschäftsidee Sharing, dem Trend also, weniger zu konsumieren und weniger zu besitzen. Daher investiert der Konzern laut Remy im laufenden Jahr auch stark in Otto Now.

Starke Zielgruppe: technikaffine Männer

Natürlich glaubt man bei Otto daran, dass Menschen auch in Zukunft Konsumgüter nicht nur leihen, sondern weiterhin selbst besitzen möchten. „Wir unterscheiden hier in zwei verschiedene Zielgruppen. Die eine kauft Produkte, weil sie sie langfristig besitzen möchte. Eine ganz andere Zielgruppe haben wir jedoch bei Otto Now“, so Remy. Zu dieser zählten bislang überwiegend männliche Kunden, die eher im urbanen Umfeld wohnen und in der ­Regel technikaffin sind. „Sie haben den Wunsch, ein bestimmtes Produkt zu testen, bevor sie es sich anschaffen. Oder sie mieten Alltagsgegenstände, wie zum Beispiel eine Kommode, weil sie diese für einen kurzfristigen Zeitraum benötigen. Sei es, weil sie nur übergangsweise in einer Wohnung wohnen, oder weil ihnen das Handy runtergefallen und kaputtgegangen ist und sie die Zeit bis zum eigenen neuen Handy überbrücken wollen. Diese Zielgruppe hat kein Interesse an einem Kauf, sondern am Mieten.“ Gerade Männer testen beziehungsweise mieten gerne technische Spielereien wie Drohnen oder Wearables, um technisch auf dem neuesten Stand zu sein.

Am Jahresanfang gibt es gute Vorsätze

Insbesondere am Jahresanfang werden bei Otto Now viele Fitnessgeräte vermietet.
Quelle: Otto Now
Insbesondere am Jahresanfang würde die Nachfrage nach Fitnessgeräten deutlich steigen. „Das hat möglicherweise mit den guten Vorsätzen zu Jahresbeginn zu tun. Wir sehen, dass zu diesem Zeitpunkt Cross- und Heimtrainer sehr stark gefragt sind“, erklärt die Otto-Sprecherin. In den Sommermonaten steige auch die Vermietung von E-Bikes und Fahrrädern stark an. Ab Ende September will Otto Now bundesweit auch Elektroroller vermieten. (Anm. d. Red.: Der angekündigte Start der Vermietung Ende August wurde verschoben, da die behördlichen Prüfungen nicht rechtzeitig abgeschlossen wurden.) Anders als bei den Mitbewerbern wie Lime, Tier oder Bird sollen die E-Scooter aber nicht minutengenau, sondern per Monatsabo abgerechnet werden. Daher geht das Start-up auch von einer höheren Lebensdauer der Roller aus. Schon vor dem Start der Vermietung seien die Tretroller der absolute Renner bei dem Start-up. Auf der Webseite hat Otto Now eine Landingpage eingerichtet, auf der sich inte­ressierte Mieter voranmelden können.
Schon vor dem Start Ende September sind E-Roller der Renner bei Otto Now.
Quelle: Otto Now
Generell beobachtet man bei Otto Now, dass Produkte eher längerfristig gemietet werden, wobei als Zeiträume zwölf und 24 Monate besonders gefragt seien. Bei einigen eher saisonabhängigen Produkten sei jedoch das Gegenteil der Fall: Drohnen beispielsweise werden oft nur für einen Monat gemietet, weil sie einfach mal ausprobiert werden. Kamera-Equipment wird lediglich für den Sommerurlaub benötigt.
Eine Neuerung ist seit Mai 2019 auch die Kaufoption: Wenn ein Kunde von einem geliehenen Gegenstand so begeistert ist, dass er ihn am liebsten behalten möchte, erhält er ein individuelles Angebot zum Kauf, je nachdem, wie lange er das Produkt schon geliehen und wie viel er für die Miete bereits bezahlt hat. Die schon gezahlten Mietleistungen werden dann auf den Kaufbetrag angerechnet.
Um mit seinem Mietmodell auch Geschäftskunden zu erreichen, stieg Otto Now im Mai auch ins B2B-Geschäft ein. Einzelunternehmer und Freiberufler haben hier die Möglichkeit, beispielsweise Möbel fürs Geschäft zu mieten. Sofern das Konzept bei Geschäftskunden auf eine starke positive Resonanz stößt, wolle man das Angebot noch weiter auf diese Kundengruppe zuschneiden.
Auf die Frage, ob die Kundenbindung bei einem Mietmodell eventuell stärker sei als bei einem reinen Kaufvorgang, sagt Anne Remy: „Otto hat Stammkunden, die uns seit 50 Jahren treu sind und eine sehr starke Bindung zu Otto haben. Aber auch bei Otto Now gibt es Kunden, die immer wieder mieten.“

Hervis weitet Vermietung aus

Auch beim österreichischen Sportartikel-Filialist Hervis beobachtet man seit Längerem den Trend „mieten statt kaufen“, und dieser gehe nun auch über den Wintersport hinaus. Ski, Stöcke und Skischuhe werden nicht nur von Gelegenheits-Skifahrern, sondern mittlerweile auch von Urlaubern für mehrere Tage gemietet.„Kunden wollen Sportgeräte oft erst ausprobieren, bevor sie ein hochpreisiges Produkt kaufen“, erklärt Alfred Eichblatt, Geschäftsführer der Sporthandelskette. Und jene, die den Sport nicht dauerhaft ausüben oder nur kurzfristig betreiben, würden ihre Ausrüstung lieber mieten.
Hat sich im Wintersport bewährt: Hervis setzt ganzjährig auf die Vermietung.
Quelle: Hervis
Nach einer erfolgreichen Pilotphase folgte 2017 die österreichweite Ausdehnung des Vermietungsservice. Zugleich wurde der Skiverleih mit dem Start des bequemen und praktischen „Bring-in Service“ erweitert: Kunden können sich Verleih-Ski und Ausrüstung ab sofort ins Hotel liefern lassen. Nach und nach wurde das „Rent-Portfolio“ erweitert, um nicht nur die Nachfrage nach aktuellen Trend­sportarten zu bedienen, sondern um diese trotz der damit oft verbundenen teuren Sportgerätschaften auch für größere Kundenkreise erschwinglich zu machen. „Dass unser Portfolio wächst, beweist unser Angebot, so bieten wir mittlerweile Sport­equipment im Bereich E-Mobility, Fitness, Wandertextil, Camping, Spiel & Sport und Fahrrad als auch Wintersport an“, heißt es von Hervis. Inzwischen gibt es in der Alpen­republik 14 Standorte, an denen Sportgeräte gemietet werden können.
Ein unkonventionelles Konzept kommt aktuell aus der Schweiz: Das Züricher Start-up Sportain.me will Sportgeräte aus Automaten vermieten. Statt Müsliriegeln kann man hier zwischen Fußbällen oder Fitnessgeräten auswählen. Um etwas zu mieten, braucht der Kunde nur ein Smartphone: Damit scannt er einen QR-Code, gibt auf der Website seine Kreditkarten-Daten an und bekommt einen Zahlencode zugeschickt, mit dem er das gewünschte Fach des Automaten öffnen kann. Mit der Aufstellung der Automaten in der Nähe von Freizeitparks kommen die Erfinder des Konzepts also ihren Kunden direkt dort entgegen, wo sie Sport treiben.

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