Eröffnung mit einem Jahr Verspätung 16.10.2018, 12:38 Uhr

Der neue Schuster ist "ziemlich fertig"

Nach zwei Jahren Bauzeit hat das Sporthaus Schuster seine neuen Flächen in München präsentiert: Flori Schuster entschuldigte sich für die einjährige Verspätung bei der Industrie typisch herzlich und mit einem Schuster'schen Augenzwinkern.
Wenn der Schuster ruft, kommt die ganze Branche: 638 Gäste begrüßte Geschäftsführer Rainer Angstl persönlich mit einem freundlichen Servus und einem kernigen Handschlag bei der Eröffnungsparty des neuen Sporthauses. Schuster gilt als Referenz in Sachen Retail. Das weiß die Industrie zu schätzen. Schusters Quadratmeterumsätze der letzten Jahre waren im alten Haus im Schnitt fünfstellig – nicht, wie bei manchen Händlern auf 200 qm, sondern auf 4.000 qm Fläche. Und im neuen Haus kommen noch 1.000 zusätzliche qm hinzu.
„Wir hätten eigentlich im letzten Jahr zu dieser Zeit hier stehen wollen, das ist uns nicht gelungen“, entschuldigte sich der geschäftsführende Gesellschafter Flori Schuster vor den versammelten Vertretern der Industrie, denen er für die Solidarität und Unterstützung dankte und die auch einige Räumungsverkäufe ertragen mussten. „Aber heute sind wir da und wir sind darüber sehr glücklich. Ich bin ziemlich fertig und auch unser Haus ist jetzt ziemlich fertig", so Schuster. Doch dazu später mehr, blicken wir zunächst auf die Flächen.
"Mit unserem neuen Haus am Marienplatz wollen wir mit einem Augenzwinkern und sympathisch an die Historie des Hauses anknüpfen und dabei gleichzeitig Maßstäbe für die Zukunft setzen,“ sagt Sporthaus-Chef Schuster, der das Haus bereits in dritter Generation leitet. Dazu gehört auch, dass Schuster seine Kunden als echter Gastgeber empfängt: In der hauseigenen Alpina Bar im Erdgeschoss trifft alpiner Charme auf Münchner Lebensgefühl. „Hier können wir ganz nebenbei auch noch unsere Gastgeberqualitäten unter Beweis stellen und unsere Kunden z.B. mit einer Hollunderschorle, einem Mittagessen oder einem Espresso bewirten,“ so Schuster.
Je höher man in den Etagen aufsteige, desto höher komme man auch am Berg hinauf, erklärt Angstl zum Aufbau des Hauses. Im Untergeschoss befindet sich die Ski-Werkstatt mit Bootfitting, im Sommer wird hier erstmals eine große E-Bike-Abteilung geführt werden. Dort gibt es jetzt bereits eine kleine Auswahl der 2019er-Modelle von Scott und Coboc. Im Erdgeschoss wird Urbane-Outdoor-Kultur präsentiert, eine modische Interpretation von Outdoor-Kollektionen von Marken wie Patagonia, Maloja, Arcteryx, Peak Performance, Duer Jeans, Alchemy, die im urbanen Umfeld wie auch im Gebirge gut aussehen.
Gleich im Eingangsbereich sehen die Besucher eine Lichtinstallation vom bekannten Licht-Künstler Ingo Maurer, die mit sanftem Schwung die zwei Gebäude verbindet. Das Material der aufblasbaren, speziell für das Sporthaus Schuster entwickelten Lichtelemente weckt Assoziationen mit Outdoor-Produkten. Zusätzlich ist eine Installation mit historischem Bildmaterial im ersten Obergeschoss in Kooperation mit der Münchner Videoart-Künstlerin Betty Mü zu sehen. Dort wird auch erstmals eine reine Damenabteilung mit den sehr hellen Welten Running (inkl. Laufanalyse), Fitness, Yoga und Athleisure abgebildet. Das deutlich dunkler gefärbte Pendant für Herren folgt im zweiten Obergeschoss zusammen mit einer vergrößerten Kinderabteilung.
Der Geschäftsführer von Sport Schuster stoppte am Vortag der Eröffnungsparty eine Katastrophe mit dem Daumen.
(Quelle: Sport Schuster)
Im dritten Stock findet sich neben Ski- und Wanderbekleidung die hauseigene Änderungsschneiderei. Das vierte Stockwerk zeigt ebenfalls zum ersten Mal das ganze Jahr über ein Sortiment für Bergschuhe und Rucksäcke. Hier ist außerdem der Deutsche Alpenverein (DAV) mit einer großen Servicestelle der Sektion München und ihren acht Mitarbeitern vertreten, man sich hier auch Ausrüstung ausleihen. Im vierten Obergeschoss zeigt eine interaktive Holzwand mit digitalen Elementen sportliche Hotspots in der Stadt und der Umgebung. Und in den Umkleidekabinen sorgen persönliche Tipps von Mitarbeitern für einen echten Mehrwert, sie verraten z.B. ihre Lieblingsaktivitäten rund um München und das Umland. . Im fünften Obergeschoss spielt Fels und Eis eine große Rolle mit einer Boulderwand als Klettermöglichkeit. Das Schuster-Loft im sechsten Obergeschoss beinhaltet eine Galerie mit Eventfläche und Sportflächen für Yoga, Vorträge oder andere Events.
Das neue Konzept baut stark auf der Idee von Blocher Partners vom Neubau 2006 auf. Dabei wurden die bestehenden Flächen komplett bis zur Betonhülle geräumt und auf neuesten architektonischen Stand mit dem Ladenbausystem Visplay gebracht. Die Marken-Inszenierung, eine große kürzlich gestartete Werbekampagne und das Leitsystem verantwortete die Schuster-Leadagentur Zeichen & Wunder aus München.
1,9 Millionen Kunden fanden im Jubiläumsjahr den Weg ins Haus. An normalen Tagen sind es rund 4.000 Kunden, zu Weihnachten auch mal 17.000 Personen – dann besucht mal eben eine Kleinstadt den Schuster an einem Tag. 60.000 Stammkunden, die sogenannten "Gipfelstürmer" zählt die Kundendatei, sie können inzwischen sehr gut selektiert werden.
Rainer Angstl lebt das Motto „Retail ist Detail“ jeden Tag vor und ist beim Neubauprojekt in alle Hoch- und Innenausbauthemen involviert. Flori Schuster betraute ihn und sein Team mit der Aufgabe des Neubaus und stellte ihm dafür einen zweistelligen Millionenbetrag für sein neues Sporthaus zur Verfügung, das wiederum in der Planung, wie schon beim Neubau im Jahr 2006, mit einem weißen Blatt Papier begann. Angstl, ein ehemaliger Geschäftsführer von SportScheck, war sich damals sicher, dass er so ein Mammutprojekt nicht ein zweites Mal erleben würde – er wurde eines Besseren belehrt, da sich mit der Erweiterung über das Nachbargebäude eine einmalige Chance ergeben hat.
Ein derartig hohes Invest in einen stationären Standort in der heutigen digitalen Zeit? Da staunten einige Lieferanten über den Mut, den der Schuster damit zeigt. Manch einer vermutet, dass die riesige Investition eher eine Immobilien- als eine Geschäftsentscheidung von Flori Schuster sei. Schließlich gehört dem Familienunternehmen das Haupthaus an der Rosenstraße 1-5. Die neu auf- und ausgebauten Nebenhäuser, am Rindermarkt 14 und 15, die wieder mit dem Haupthaus verbunden wurden, gehören allerdings der Pensionskasse der Hypo Vereinsbank. Diese Konstellation mit zwei Bauherren, zwei Architekten und einer Bauleitung führte allerdings dazu, dass die 330 Mitarbeiter im Schuster-Team um einiges gealtert sind.
Flori Schuster entließ sich zur Eröffnungsparty selber aus dem Krankenhaus.
(Quelle: Sport Schuster)
Der Gründerenkel Flori Schuster, der in dritter Generation das Sporthaus Schuster führt, lag die letzten zwei Wochen vor der Eröffnung mit einer schweren Infektion im Krankenhaus. Für ihn sei das nur eine logische Begleiterscheinung zu den Bauerfahrungen. „Wenn jemand eine leibhaftige Manifestation von  Murphys Gesetz sucht, es gibt zwei davon: Eine steht in Berlin und in der anderen stehen Sie im Moment“, witzelte Flori Schuster mit Anspielung auf den Flughafen in Berlin. Das Haus werde sich sicher noch einige Wochen und Monate einschleifen und einschwingen müssen. „Aber jetzt sind wir am Werk und mit unseren Leuten haben ich keinen Zweifel, dass wir dieses Einschwingen schaffen werden. Diese Erfahrung habe ich mit unseren Leuten machen dürfen.“
Bei der Danksagung an die Baubeteiligten wollte es Flori Schuster „bei den Positivbeispielen belassen, weil deren Zahl überschaubarer ist“. Für das äußere Erscheinungsbild zeichnet wie bereits beim Neubau 2006 Blocher & Blocher Partners aus Stuttgart verantwortlich. Auf Seiten des Gebäudes am Rindermarkt 14 dankte er dem Büro Ochs Schmidhuber Architekten (OSA). Interessanterweise ließ Schuster, die Bauleitung, die Architekten Ernst² aus Stuttgart, unerwähnt, die den verzögerten Hochbau des Nebengebäudes durch eine hochkomplexe Baustelle in der Innenstadt mit zu verantworten hatten.
Beim Abriss des Gebäudes wurde von Archäologen ein Brunnen vermutet, der bei drei Wochen dauernden Ausgrabungsarbeiten (während der Bau still stand) neben Pilgeramuletten aus dem 15. Jahrhundert auch gefunden wurde. Es gab beim Hochbau immer wieder Probleme mit der Statik, da die beiden neu zu errichtenden Häuser an drei Nachbargebäude anzudocken waren. Zu allem Überfluss fehlte eine Kommunwand (eine Wand, die von mindestens zwei Gebäuden geteilt wird) an der denkmalgeschützten Rosenapotheke. Es fielen Gesteinsbrocken in den Innenhof und es musste ein neues Konzept erarbeitet werden, was zu einem Bauverzug von etwa vier Wochen führte. Ein Hauptproblem waren die drei bestehenden Kundenlifte des Gebäudes, die statisch ohne Abstützung nicht gehalten hätten. Daher musste ein Lift lahmgelegt  und mit einer Stahlrohrkonstruktion gestützt werden. Als das Haus endlich errichtet war, mussten die Stockwerke trotz bestem Beton wochenlang aushärten um kein Risiko einzugehen.
Statt im Herbst 2017 wurde das Nebenhaus also erst im Juni 2018 fertig, die Innenflächen konnten erst dann verbunden werden. Stattdessen lobte Schuster von den 36 beteiligten Baufirmen, die kleinen lokalen Unternehmen wie Klass, Pupeter oder Lauinger, die nicht „selten den Job anderer mitgemacht und für andere Gewerbe mitgedacht haben“.
„Die große Herausforderung ist momentan, wie bekommtman die digitale Welt in den stationären Handel? Diese Frage treibt uns seit Jahren an“, erklärt Rainer Angstl. Als er sein Mitarbeiterteam auf der ganzen Welt von Asien über die USA (Ost und West) und Europa zum Store-Check schickte, stellte man fest, dass andere Händler auch nur mit Wasser kochen. „Das war eine sehr wertvolle Erkenntnis“, so Angstl. In Museen gingen die Mitarbeiter auch der Frage nach: „Womit fasziniere ich Menschen für ein Thema?“
Out-of-Home-Werbekampagne von Sport Schuster.
(Quelle: Sport Schuster)
„Weltweit haben wir keinen Benchmark gefunden für eine Top-Digitalisierung auf der Fläche“, erklärt Angstl. „Wir glauben an beide Vertriebskanäle, stationär und online, und es geht eher darum, wie ich beide Kanäle so als Multichannel verzahne, dass jeder, der ein Smartphone in der Hosentasche hat, auch digital angesprochen wird. Sei es über Social Media oder indem er sich Zeit spart und sich einen Termin buchen kann, sodass er sich am Samstag um 12 Uhr einen Skischuh fitten lassen kann, trotz der sehr belebten Fläche.“ Die größte Herausforderung sei für ihn, wie hole ich die Millennials in den Laden? Im Verbund mit Münchens ersten Häusern stecken lokale Händler dabei die Köpfe zusammen, um den stationären Handel anders aussehen zu lassen als woanders. Wer in den Einkaufsstraßen einer Stadt steht und seine Augen schließt, weiß oft nicht mehr, ob er in Schanghai, Tokio oder in der Kaufinger Straße ist. München braucht aber solche tollen lokalen Händler wie einen Schuster, einen Kustermann, einen Bettenrid oder einen Hirmer.
Der neue Schuster ist nicht nur der neue Laden – es sind die Mitarbeiter, die ihn zu dem machen was er ist. Deswegen durften sie allesamt bei der Party auch kräftig abfeiern. „Dank an jeden einzelnen Mitarbeiter. Ihr habt Unmenschliches bewältigt, geschafft und durchgezogen. Schuster-Leut, ihr könnt stolz auf euch sein“, lobt sie Flori Schuster mehrmals. Es sind die Mitarbeiter, die den Erfolg des Hauses ausmachen, verrät er. „Dass uns das gelingt, sie bei uns zu halten, hängt ein Stück weit damit zusammen, dass wir ein Familienbetrieb sind.“ Seine drei Söhne sind auf dem besten Weg sein Erbe anzutreten.

... weitere interessante SAZsport Themen