Interview mit Dirk Müller von Intersport Mälzerei 16.05.2019, 07:31 Uhr

Vollsortimenter haben noch immer eine Berechtigung

Warum Intersport-Händler Dirk Müller derzeit keine Veranlassung sieht, sich auf ausgewählte Sortimente zu spezialisieren – und mit welchen Lieferanten er künftig noch zusammenarbeiten will.
Es ist wie ein Mantra, das Verbandsmanager und Handelsexperten derzeit rauf- und runterbeten: Nur der, der sich im Sortiment spezialisiert, wird am Markt bestehen können. Mit seiner Intersport Mälzerei (Dresden) geht Inhaber Dirk Müller einen etwas anderen Weg – er führt bis auf ganz wenige Ausnahmen noch immer sämtliche Sortimente, die ein Sporthändler führen kann.
SAZsport: Mit seiner neuen Strategie „Best in Sports“ empfiehlt der Verband seinen Mitgliedern eine Fokussierung auf Sortimente. Heißt also: Weg vom Gemischtwarenladen, hin zu einem Spezialanbieter. Wie denken Sie darüber?
Dirk Müller: Natürlich sollte man sich in gewissen Bereichen, in denen man gut ist, spezialisieren, aber genauso das Tagesgeschäft nicht vergessen. Wir sehen uns nicht nur als Sport-, sondern auch als Freizeitladen. Diese ganz „normalen“ Leute, die jetzt nicht so viel mit Sport am Hut ­haben, oder Leute, die in den Urlaub fahren und eine Taucherbrille, ein paar Flossen brauchen, sollte man auch als Sporthändler bedienen können. Unsere Spezialisierung findet im Winter statt, während wir im Sommer ein regionaler Anbieter und Nahversorger sind. Wir sehen uns da wie ein Freizeitmarkt für Leute, die etwas für den Schul- und Freizeitsport sowie den Urlaub brauchen. Man muss sich auf alle Kunden ein bisschen einlassen. Daher bleiben wir Vollsortimenter. Spezialisieren können sich die Händler im Bergsport, Running, Tauchen oder Bogensport. Wir aber sind Intersport und dafür verantwortlich, dass der Kunde z.B. auch diese ganzen kleinen Freizeitartikel bekommt.
Dirk Müller
Inhaber Intersport Mälzerei
Intersport Mälzerei
Entstanden ist die Intersport Mälzerei, wie der Name schon sagt, aus einer alten Malzfabrik, die zur Wende in ein Kaufhaus umgebaut wurde. Der Inhaber dieser Mälzerei gründete 1996 ein eigenes Sportgeschäft und verpflichtete Dirk Müller (heute 50) als Mitarbeiter. Nach der Insolvenz stieg der acht Jahre später als Partner mit ein, und von da an führte die neue Müller & Schörghuber GbR den Laden an einem anderen Standort weiter. Nur ­wenig später übernahm Müller die Intersport Mälzerei unter dem Firmennamen Sport Müller komplett alleine. Auch heute noch bietet der Händler seinen Kunden ein Vollsortiment – mit den Kategorien Teamsport, Running, Outdoor Sommer inkl. Camping und Wandern, Wintersport, Freizeitmode Winter/Sommer, Fitness, Racketsport, Funsport, Bike-Zubehör, Baden/Schwimmen/Tauchen und Darts. Insgesamt beschäftigt er acht Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

SAZsport: Die Intersport setzt natürlich nicht auf ein Monosortiment, sondern auf ­eine Spezialisierung in den drei, vier wichtigsten Kategorien.
Müller: Da werden derzeit Parolen rausgehauen von wegen Spezialisierung, aber es muss erst einmal vorgegeben werden, was eine noch speziellere Spezialisierung bedeutet. Ich denke, dass es den einen oder anderen Intersport-Händler gibt, der nicht ganz zufrieden mit dem „Best in Sports“-Konzept ist und was dabei an Sortimenten rausgeschmissen werden soll. Ich bin froh, bei der Intersport sein zu können, wir Händler haben eine gute Lager­liste und mit McKinley eine coole Eigenmarke. Wenn sich der Verband aber spe­zialisieren will und wir mit McKinley nur Textilien und Schuhe verkaufen können, allerdings eine Outdoor-Marke sein wollen und wenig an Hartware haben, dann ist das schon im Einkauf keine Spezialisierung.
SAZsport: Fühlen Sie sich überhaupt noch in der Lage, auf all die Sortimente in gleichbleibend hoher Qualität zu beraten bzw. beraten zu lassen?
Müller: Wir haben das bei uns ganz gut aufgeteilt: Für den Textilbereich sind meine Mitarbeiterinnen zuständig, ich habe einen super Schuh- und einen Hartwaren-Verkäufer. Es gibt in jeder Abteilung einen Zuständigen, der darauf spezialisiert ist.
SAZsport: Gibt es Sortimente, die Sie noch um der Treue willen führen und weil sie Kunden vereinzelt nachfragen?
Müller: Mittlerweile verzichten wir auf Fitnessgroßgeräte, und bis vor fünf Jahren hatten wir auch noch Fahrräder im Sortiment, aber wir haben in Dresden 52 Fahrradläden, die alle besser sind als wir. Daher machen wir nur noch Bike-Service und verkaufen Helme und Trikots, was von diesen Läden eher vernachlässigt wird. Zudem bieten wir keine Snowboards mehr an. Auch da gibt es in Dresden einen sehr guten Spezialisten. Und bei Bergsport ­haben wir vieles da, aber im Klettersortiment nicht bis ins kleinste Detail.
SAZsport: Wie groß sehen Sie die Chancen, auch künftig noch mit einem Vollsortiment am Markt bestehen zu können?
Müller: Die Zeit mit der Globalisierung dreht sich wirklich so schnell, dass man gar nicht weiß, was nächstes Jahr passiert. Wir haben heute schon NoS-Ware für Sommer 2020 von Adidas bekommen. Man muss jeden Tag den Markt genau verfolgen. Es gibt positive Beispiele von Marken wie Ortlieb oder Deuter, die selektive Vertriebsverträge machen, worüber sich viele in der Branche gestritten haben. Aber diese sind preislich stabil im Internet. Ich habe vor Kurzem mal auf Shop.sportbuzzer.de geschaut, da werden die Artikel einer Teamsport-Marke mit minus 40 Prozent verklingelt. Dabei muss man nicht mehr mitmachen. Aber Sortimente wie Rucksäcke, Wanderschuhe oder Sohlen, bei denen die Leute ins Geschäft kommen müssen, um die zu probieren und eine ordentliche Beratung zu bekommen, sollte man weiterhin anbieten. Daher sehe ich die Chancen gar nicht so schlecht, als Vollsortimenter gut mit den Marken zusammenzuarbeiten, die für den statio­nären Fachhandel da sind. Man sollte sich auf die Marken konzentrieren, mit denen es Spaß macht zusammenzuarbeiten. Wo der B2B-Shop, die Nachlieferfähigkeit funktioniert. Wo man einem Kunden auch mal sagen kann: Ich bestelle dir die Ware, die ist nächste Woche da – ohne Kaufzwang, zum Anprobieren. Wo du einer Firma eine Jacke zum UVP von 400 Euro wieder zurückschicken kannst. Ein negatives Beispiel: Ich bin immer ein großer Fan einer Skimarke gewesen, die habe ich aber rausgeschmissen, weil die eine unmög­liche Reklamationsabteilung hat. Wenn ich zu einer anderen Firma gehe, bekomme ich ein Kulanzangebot und kann mit dem Kunden reden – das ist einfach wichtig! Aber wenn man von Marken so abgeschmettert wird – solche werde ich mir nicht mehr in mein Geschäft nehmen.

... weitere interessante SAZsport Themen