Diskussionsrunde der Rid Stiftung 09.04.2019, 12:20 Uhr

„Der Handel muss mehr experimentieren“

Am 28. März lud die Rid Stiftung zu einer Diskussionsrunde zu Bettenrid nach München ein. Im Fokus stand der „digitale Einzelhandel in der Stadt der Zukunft“. Dabei wurde erneut deutlich, dass der Handel neue Konzepte entwickeln muss, um zukunftsfähig zu bleiben.
„Wir müssen in unserer Gesellschaft digitale Anwendungen an realen Orten viel stärker gestalten – vor allem im innerstädtischen Einzelhandel“, erklärte Michaela Pichlbauer, Vorständin der Rid Stiftung im Rahmen der Diskussionsrunde, die am Abend des 28. März bei Bettenrid stattfand. Ausgangspunkt des interaktiv gestalteten Vortrags von Prof. Dr. Klaus Gutknecht, Dozent an der Hochschule München sowie Gesellschafter der E-Commerce-Beratung Elaboratum, und Dr. Frank Danzinger vom Fraunhofer Institut IIS Nürnberg war die Fragestellung, warum der Einzelhandel heute noch gebraucht wird. Die Antwort kann kurz gefasst werden: für das Erlebnis.
Digitalisierung ist heute für viele Bereiche der Wirtschaft eine große Herausforderung. Technologische Entwicklungen, Medien und Unterhaltungsindustrie wurden davon schon komplett erfasst. Der Handel befindet sich an einer Schwelle: Aktuell gibt es noch viele Bereiche, die sozusagen analog funktionieren, doch die Digitalisierung nimmt Fahrt auf, bald ist sie auch aus dem Handel nicht mehr wegzudenken. Ein deutliches Zeichen dafür: Der Marktanteil des Online-Handels am gesamten Einzelhandel in Deutschland wächst kontinuierlich. 2015 lag er bei etwa zehn Prozent, heute macht er schon rund zwölf Prozent aus. Für 2025 prognostizieren die beiden Handelsexperten bereits einen Anteil von 20 Prozent. Noch stärker zeichnet sich die Entwicklung ab, wenn man ausschließlich den Textil-Einzelhandel betrachtet. Hier lag der Online-Anteil 2015 bereits bei 22 Prozent, bis 2025 wird ein Anstieg auf rund 38 Prozent prognostiziert. Daraus ergibt sich nach Meinung der Experten unweigerlich, dass die Existenz vieler Händler bedroht ist und Innenstädte aufgrund von Frequenzverlusten teilweise gefährdet sind.
V.r.n.l: Gastgeber Robert Waloßek (Geschäftsführer von Bettenrid) mit Dr. Frank Danzinger (Fraunhofer Institut IIS Nürnberg), Michaela Pichlbauer (Vorständin der Günther Rid Stiftung für den bayerischen Einzelhandel und Prof. Dr. Klaus Gutknecht (Gesellschafter von Elaboratum und Dozent an der Hochschule München)
Quelle: Rid Stiftung
Allerdings kann man die Entwicklung nicht stoppen und schon gar nicht rückgängig machen. Sie geht vom Kunden aus, der bestimmt, wo er welche Produkte zu welchem Preis kaufen will. Die Digitalisierung bringt zugleich aber mit sich, dass es immer mehr Kontaktpunkte zum Kunden gibt. Lief dieser Kontakt bislang vor allem persönlich im Laden oder über klassisches Marketing wie Anzeigenwerbung oder Katalogversand ab, so sind dem Kundenkontakt heute nahezu keine Grenzen gesetzt. E-Mail, Website und Online-Shop stehen da nur am Anfang einer immer größer werdenden Reihe an Kontaktpunkten. Suchmaschinen geben vor, was ihre Nutzer finden, in sozialen Medien erhalten sie Empfehlungen zu Produkten, über mobile Apps können Kunden überall und zu jeder Zeit angesprochen werden.

Verknüpfung der digitalen und realen Welt

Dennoch ist der Einzelhandel auch heute noch der Hauptgrund für Konsumenten, um in die Innenstadt zu gehen. Daraus ergibt sich nach Meinung von Gutknecht und Danzinger die Notwendigkeit, den stationären Handel mehr mit digitalen Elementen zu verknüpfen. Experimentiert wird beispielsweise immer wieder mit Robotern oder Virtual Reality am PoS. Obwohl Roboter im Einzelhandel zwar einen Kundenmagneten darstellen, können sie bislang menschliche Beratung nicht ersetzen und werden vom Kunden mehr als Spielerei und weniger als Helfer im Laden angesehen. Allerdings gibt es bereits Unternehmen, die für sich in anderen Bereichen eine sinnvolle Verknüpfung von digitaler Welt und stationärem Laden gefunden haben. Als Beispiele nannten Gutknecht und Danzinger die Firma Graf-Dichtungen, die ihr Angebot über das Internet sichtbar macht und darüber hinaus einen umfangreichen Kundenservice bietet, sowie den Baumarkt Reidl, der im Laden an digitalen Terminals tagesaktuelle Preise aus dem Internet (von Amazon, Ebay oder anderen Anbietern) aufzeigt, sodass der Kunde selbst diese mit den Preisen im Laden vergleichen kann. Damit geht das Unternehmen proaktiv mit dem Thema Preis um und tritt den Beweis an, dass online nicht immer alles günstiger ist. Zugleich können die Terminals von den Kunden aber auch genutzt werden, um umfangreiche Produktinformationen über alle verfügbaren Artikel abzurufen.
Neben den Einzelaktivitäten rückten Gutknecht und Danzinger auch größere Projekte in den Fokus. Vor allem handelte es sich dabei um das bayerische Pilotprojekt der Digitalen Einkaufsstädte, das bislang in Coburg, Günzburg und Pfaffenhofen a.d.Ilm umgesetzt wurde und dem sich weitere acht Städte anschließen wollen. Die große mediale Aufmerksamkeit zeige, dass die Verbraucher am Erfolg und Erhalt der Innenstädte interessiert sind.
Im Rahmen des Projekts „Smart Future Retail“ des Fraunhofer Instituts wurden vier Entwicklungsfelder digitalen Handel(n)s definiert:
  • Digitale Technologien brauchen Wissen, echte Handelserfahrung und Einbettung in den Handel.
  • Digitalisierter Handel muss den Menschen ins Zentrum stellen.
  • Lokale Einzel(händler)-kämpfer müssen Teamspieler werden.
  • Handel und Städte müssen experimentierend lernen.

Neue Handelsspielräume erforschen

Als Beispiel für eben dieses Experimentieren stellte Danzinger das Josephs in Nürnberg vor. Dabei handelt es sich um eine Art Labor, in dem Verbraucher neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle testen können. Besonders daran ist, dass die Konsumenten dort nichts kaufen können. Es geht ausschließlich darum, sich an der Entwicklung neuer Ideen und Artikel zu beteiligen. Das Josephs wird von den Verbrauchern sehr gut angenommen. Seit der Gründung 2014 nutzen bereits mehr als 50.000 Konsumenten das Innovationslabor.
Dieses Experimentieren sollte sich der stationäre Handel, so Gutknecht und Danzinger, selbst zu eigen machen. Der Blick über den Tellerrand in andere Branchen und Länder kann dafür Anregungen geben. Erwiesen sei bereits, dass Frequenz oft durch Online-Information entsteht. Somit darf das Internet nicht nur als Feind gesehen, sondern sollte als Lösung verstanden werden. Hinsichtlich Handelslogistik gibt es in den USA und in Großbritannien spannende Versuche und Projekte, beispielsweise mit Lieferrobotern, die Treppen steigen können. Was Bezahlsysteme angeht, ist Asien Vorreiter. Nicht alles, was heute erforscht wird oder in anderen Ländern im Einsatz ist, kann vom stationären Handel in Deutschland heute schon genutzt werden oder ist überhaupt massentauglich. Doch es gilt, durch Experimentieren herauszufinden, was der Kunde in Zukunft in den Innenstädten und im stationären Handel sucht.

... weitere interessante SAZsport Themen