Die Zeit nach Roether 17.06.2018, 07:00 Uhr

Hansen: "Intersport braucht die Expertise von der Fläche“

Im Gespräch mit SAZsport hält Knud Hansen, Aufsichtsratsvorsitzender von Intersport Deutschland, die Hand über die Personalie Kim Roether. Er spricht lieber über die Zukunft der Intersport.
SAZsport: Ist es eine Entscheidung des Aufsichtsrates, dass Kim Roether gehen muss? Warum wurde der Vertrag nicht verlängert?
Knud Hansen: Kim Roether und der gesamte Aufsichtsrat haben seit 10,5 Jahren sehr gut und vertrauensvoll zusammen gearbeitet. Herr Roether hat mir in einem sehr persönlichen Gespräch vor ca. 6 Wochen mitgeteilt, dass er die Intersport aus persönlichen Gründen verlassen möchte. Wir haben das miteinander in mehreren Gesprächen geklärt und die Entscheidung getroffen, dass er zum 15. Juni 2018 ausscheidet.

SAZsport: Die Entscheidung, dass Roether damals zur Intersport geholt wurde, soll Franz-Leo Drucks hauptsächlich getroffen/verantwortet haben. Sie waren damals sein Stellvertreter. Welchen Anteil an der gescheiterten Personalie Roether, die viel verbrannte Erde hinterlässt, schreiben Sie dem Aufsichtsrat zu?
Hansen: Es ist kein Scheitern nach 10,5 Jahre erfolgreicher Arbeit! Ich kann auch keine verbrannte Erde erkennen. Jede Personalentscheidung an der Spitze eines Unternehmens bedeutet zunächst einmal etwas Unruhe, Verunsicherung bei Mitarbeitern und bei uns auch teilweise bei den Mitgliedern.
Knud Hansen bezieht im SAZsport-Inteview Stellung zur Personalie Kim Roether.
(Quelle: Intersport)

SAZsport: Als Gründe hören wir, dass die Stimmung intern aufgrund der vielen Köpfe, die gerollt sind, beispielsweise (Jost, Schnell, Römer) nicht gut war, sogar Angst herrschte, wer als Nächster dran ist. Was sagen Sie dazu?
Hansen: Wie schon gesagt, nach jeder Entscheidung zu Personalveränderungen in der Führungsetage gibt es in jedem Unternehmen eine gewisse Unruhe. Ich kenne keine Ängste. Ich weiß nur aus den Gesprächen mit Führungskräften, dass wir bisher immer nach solchen Entscheidungen wieder schnell in das Arbeiten an den Aufgaben gekommen sind.

SAZsport: Außerdem, das haben wir aus vielen Gesprächen mit der Industrie vernommen, war das Verhältnis zwischen der Intersport und vielen Lieferanten durch den Namen Roether blockiert. Sind durch seinen Weggang wieder vernünftige Gespräche möglich?
Hansen: Wir arbeiten sehr erfolgreich mit vielen Lieferanten zusammen. Dass es zu bestimmten Themen Meinungsverschiedenheiten gibt ist doch klar. Das diese mit einer einzigen Peron in Verbindung gebracht werden ist zu einfach. Intersport hat eine klare Strategie und diese mit allen Geschäftspartnern zu teilen ist die Aufgabe der Führungsmannschaft in Heilbronn

SAZsport: Wie war die Stimmung zwischen den Mitgliedern und der Zentrale?
Hansen: Die Leistungen, die wir als Mitglieder aus den Servicezentralen in Heilbronn und Wels fordern sind sehr vielfaltig. Es gibt viele Leistungen, mit denen sind wir Mitglieder sehr zufrieden. Über diese Leitungen wird eher selten gesprochen – das liegt in der Natur der Sache. Es gibt Leistungen, da hat die Zentrale „Potenzial nach oben“. Aber genau darüber haben wir auch in den Workshops zur letzten Messe intensiv gesprochen. Gerade bei der letzten Messe habe ich eine positive Stimmung wahrgenommen. Der Austausch zwischen den Mitgliedern und den Mitarbeitern aus Heilbronn und Wels war sehr intensiv. Nur so werden wir gemeinsam besser!
Matthias Boenke ist der neue starke Mann bei der Intersport. Der Austria-Chef von Intersport wird Bereichsvorstand der profilierten Intersportler und kümmert sich um alle marktnahen Belange.
(Quelle: Intersport)

SAZsport: Die Verluste von Voswinkel sollen in der Bilanz schön gerechnet worden seien. Mit legalen Tricks wie einer Firmenwertzuschreibung von 5 Mio. Euro sollen die Verluste von 4 Mio. Euro von Voswinkel, in eine schwarze Bilanz umgewandelt worden seien. In Wirklichkeit schreibt die Intersport also nach 62 Jahren erstmals rote Zahlen. Haben Sie die Genossen vollumfänglich über diese Bilanz informiert?
Hansen: Wir rechnen kaufmännisch und nicht schön. Und wir informieren unsere Eigentümer jedes Jahr sehr ausführlich und transparent über die Intersport eG und alle Tochter und Enkelunternehmen auf unserer Generalversammlung. Das haben wir auch dieses Jahr im März getan. Nicht alle Zahlen, über die wir berichtet haben wurden bejubelt – die Intersport ist sehr solide aufgestellt, so dass wir uns die Investitionen in die Zukunft im Bereich Digitalisierung und Logistik leisten können. Nur durch diese Investitionen wir es uns gelingen, die Mitglieder profitabler zu machen.

SAZsport: Von Karstadt und Signa als neues Intersport-Mitglied fühlen sich einige Genossen und auch einige Lieferanten negativ betroffen. Wie kam dieses neue Mitglied in die Intersport? Wie geht es nach vorne hin damit weiter?
Hansen: Gespräche über die Zusammenarbeit von Marktpartnern sind doch heute ein völlig normaler Vorgang. Strategische Allianzen werden allerorten gebildet. Intersport ist ein interessanter Partner für viele andere Unternehmen, die Signa Gruppe ist es auch. Dass nicht alle anderen Marktpartner glücklich sind ist aus meiner Sicht doch völlig klar, wenn Einkaufspower konzentriert wird.

Intersport blickt nach dem Sturm um Kim Roether wieder nach vorne.
(Quelle: Intersport)
 
SAZsport: In welchem Zustand sehen Sie aktuell Ihre Intersport?
Hansen:
Ich würde vier Hauptpukte nennen: Wir richten die Intersport konsequent auf die Zukunft aus. Wir sind auf einem sehr guten Weg hin zu einer digital geprägten Händlerorganisation. Das Ziel ist, unsere angeschlossenen Partner gegenüber unseren Marktpartnern einheitlicher zu machen, das steht klar in unserem Fokus. Intersport ist insgesamt auf einem sehr guten Weg!

SAZsport: Die Industrie vergleicht die Intersport mit einem Tanker. Sie haben 1.000 Köpfe mit einer eigenen Meinung im Verband. Diese Meinungen wird die Digitalisierung auch nicht schneller ausrichten können oder?
Hansen: Wir befinden uns mitten in diesem Prozess. Die Überschrift lautet „One Intersport“. Auf der letzten Messe hatten wir die schon angesprochenen Workshops zu denen sich 450 Mitglieder angemeldet haben, um genau diese Themen zu definieren. Was muss bei Intersport drin sein, wenn draußen Intersport dran steht? Welche Serviceleistungen müssen wir gemeinschaftlich  anbieten? Es gibt eine ganze Latte von Themen, von denen wir wissen, dahingehend müssen wir uns einheitlicher aufstellen. Dabei wollen wir alle unsere Mitglieder mitnehmen.

SAZsport: Was meinen Sie genau mit „digital geprägter Händlerorganisation“?
Hansen: Aus der Zentrale müssen Systeme und Services zur Verfügung gestellt werden, aber an diesen Themen müssen die Händler einen ganz entscheidenden Anteil haben, weil wir diese Expertise von der Fläche in der Zentrale brauchen. Es wäre töricht, wenn man diese nicht nutzen würde. Das haben wir in der Vergangenheit gemacht und jetzt machen wir es in der Zukunft noch besser, stärker und auf eine Art und Weise, bei der die Mitglieder hineinarbeiten können. Es gibt bereits einen Lizenzvertrag, den wir Händler mit der Intersport abgeschlossen haben, wenn wir das Intersport-Logo tragen.In diesem Vertag  sind auch schon sehr viele Punkte geregelt. Aber die Handelslandschaft verändert sich und mit ihnen die Bedürfnisse der Kunden, so müssen wir gewisse Dinge neu regeln.

SAZsport: Wie kommt die Intersport auf die Idee ohne einen Vorstand für Ware und Marketing auszukommen?
Hansen: Diese Stelle wird nicht besetzt, das ist richtig. Wir richten die Intersport und die Händler ganz klar am Markt aus. Neben einem Vorstandsvorsitzenden und einem Vorstand für Finanzen, IT und Logistik für die zentralen Funktionen, gibt es noch marktnahe Funktionen. Das ist der Bereichsvorstand Intersport, der kümmert sich um alle marktnahen Belange der angeschlossenen Häuser mit Intersport-Logo. Der zweite Bereichsvorstand hat die Aufgabe, die nicht gebrandeten Häuser erfolgreicher zu machen.
Kim Roether hat bereits zur letzten Generalversammlung verkündet, dass er künftig kürzer treten will. Gesundheitliche Gründe sollen intern der Grund gewesen sein für seinen Abgang. Persönliche Gründe wurden offiziell angegeben.
(Quelle: Intersport)

SAZsport: Die Intersport hat aktuell keinen Vorstandsvorsitzenden, der langjährige Mitglieder-Betreuer wurde den Genossen genommen, viele andere Manager mussten ihre Posten räumen. Die Intersport ist ein führungsloser Tanker geworden.
Hansen: Es ist richtig, dass es Personalwechsel in den letzten Monaten an verschiedenen Stellen gab. Aber in diese Rolle sind Experten geschlüpft, die wir entweder neu eingestellt haben oder die bereits im Unternehmen gearbeitet haben.  Von daher sehe ich die Intersport überhaupt nicht führungslos. Was den Vorstandsvorsitzenden angeht, haben wir uns wie gesagt vor etwa sechs Wochen zusammengesetzt und Herr Roether hat mich über die Situation informiert. Bis heute haben wir noch keinen neuen Vorstandsvorsitzenden und wir arbeiten daran möglichst schnell jemanden zu finden, der genau diese Aufgaben erfüllen kann, die dort oben in der Holding Struktur erledigt werden müssen. Dazu gehört es in der Servicezentrale IDEA die Strategie der Gesamtgruppe für Deutschland und Österreich zu entwickeln und die zentralen Funktionen zu führen und weiter zu entwickeln. Für die Bereiche wie IT, Finanzen, Controlling, und Logistik ist unser Vorstand Hannes Rumer an Bord und wird es auch bleiben. Für die Aufgaben des Bereichsvorstandes Intersport haben wir Mathias Boenke gewinnen können, der zuvor die Intersport-Österreich sehr erfolgreich geführt hat. Einen neuen Vorstandsvorsitzenden zu finden, dass ist jetzt eine der wichtigsten  Aufgaben des Aufsichtsrates.

SAZsport: Namen wie Stefan Herzog oder Andreas Rudolf wurden wohl schon diskutiert.

Hansen: Für die Personalveränderungen auf Vorstandsebene gibt es einen Personalausschuss. Darum kümmern sich drei Mitglieder des Aufsichtsrates und es hat bereits Gespräche im Bereich der Bereichsvorstände gegeben. Wenn wir einen geeigneten Kandidaten gefunden haben, dann wird sich das Gesamtgremium damit befassen und am Ende eine Entscheidung treffen. Erst dann gehen wir damit an die Öffentlichkeit. Namen werden von verschiedenen Seiten genannt, diese werde ich nicht kommentieren. Es kann auch gerne eine Frau sein!
SAZsport: Bis wann soll die Entscheidung fallen?
Hansen: So schnell wie möglich. Aber solche Personen stehen normalerweise nicht auf dem freien Markt für sofort zur Verfügung und haben in der Regel lange Kündigungsfristen. Und Gründlichkeit geht vor Geschwindigkeit. Wir müssen den oder die Richtige finden.

SAZsport: Auch für die Digitalisierung braucht es Personal: Zalando beschäftigt 2.000 Techies, Adidas 1.200. wieviele programmieren bei Intersport?
Hansen: Wir sind keine reine Digitalcompanie und wie viele Techies bei der Intersport weltweit beschäftigt sind kann ich Ihnen nicht sagen. Die Intersport Digital GmbH hat hier in Heilbronn ca. 40 Mitarbeiter. Es ist eine hochagile Truppe, ganz viele junge Leute, die Bock darauf haben Intersport digital auszurichten. Es sind Menschen, die auch quer durch das Unternehmen agieren müssen. Die Zahl der IT-Mitarbeiter steigt, wiesie sich weiter entwickeln wird, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.

SAZsport: Die Sport 2000 hat es geschafft mit weniger Mitteln und Kosten, ihre Händler bisher effektiver ins Netz zu bringen als die Intersport. Stimmen Sie dem zu?
Hansen: Unsere Händlerplattform erfreut sich allergrößter Beliebtheit und funktioniert auch sehr gut. Stück für Stück schließen wir mehr Händler an, aktuell sind es etwa 80. Ich würde schon sagen, dass dies eine Erfolgsgeschichte ist. Man kann vielleicht sagen, der Erfolg hat sich später eingestellt als bei anderen aber wir holen schnell auf. Wir haben zunächst ein anderes System ausprobiert mit einem zentralen Online-Shop. Ich will nicht sagen, dass die gescheitert ist, aber wir haben Erfahrung gesammelt. Erfahrung zu sammeln in diesem Business kostet immer Geld. Auch das Thema Allianzen z.B. über das Anbinden von Lieferanten in Form von  Cross-Docking funktioniert sehr gut. Hier spielen wir das vertikale Thema über den digitalen Kanal. Wir haben gelernt, Omnichannel muss so konsequent vom Endverbraucher her gedacht werden, wie nichts anderes. Und für ihn ist Warenverfügbarkeit im Moment das wichtigste. Da sind wir mit Carsten Schmitz, der die Intersport Digital führt, auf einem guten Weg.

SAZsport: Dodenhof in Posthausen, selbst ein Intersportler, hat jüngst Decathlon in sein Einkaufszentrum eingeladen, weil er sich dadurch mehr Frequenz erhofft. Ist das eine neue Strategie? Sind Decathlon und Intersport Freunde geworden?
Hansen: Decathlon verfolgt eine komplett andere Strategie was Marke und Eigenmarke angeht als wir. Decathlon hat jüngst verkündet, dass sie künftig auf die Marke komplett verzichten wollen. Als Marke wäre mir das ganz recht nicht beim Decathlon vertreten zu sein, bei XXL geht es in die gleiche Richtung. Wir unterscheiden zwischen „Brand Builder“ und „Value Destroyer“. Intersport baut Marken auf mit Beratung und Service, deswegen sind wir ein verläßlicher Partner für die Industrie. Es muss natürlich einen gesunden Mix geben zwischen der Marke und der Exklusivmarke geben, ob das bei uns am Ende 20 oder 40 %-Anteil sind, das werden wir sehen. Aber Decathlon will auf 100 % Exklusivmarke umstellen und ist aktuell bei rund 90 %. Ob Decathlon ein Frequenzbringer sein kann für Intersportgeschäfte, das wird die Zukunft zeigen. Es kristallisiert sich auf jeden Fall heraus, dass einige Kollegen, die einen Decathlon in der Nähe haben, jedenfalls keinen Schaden nehmen, insofern kann das vielleicht sogar eine Symbiose werden in der Zukunft.

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