Jahresüberblick 2018 15.12.2018, 10:00 Uhr

Konzentration bei Handel und Industrie

2018 steht im Zeichen großer Marktveränderungen. Auf Handels- und Industrieseite gab es starke Konzentrationsprozesse. Der Online-Kanal gewinnt Marktanteile
Erfolgreiche Premiere des ersten Sporthandelskongresses von SAZsport am 14. November 2018.
(Quelle: Stefan König )
Laut NPD-Group ist der Sportmarkt von Juni 2017 bis Juni 2018 um 0,5 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 7,61 Mrd. Euro kaum gewachsen. Der Online-Anteil hingegen ist innerhalb eines Jahres um vier Prozentpunkte auf ­bemerkenswerte 41,8 % gestiegen. 2014 waren es noch 30 %. Während die Handelsverbände Intersport und Sport 2000 davon ausgehen, zukünftig Händler wegen mangelnder Nachfolge oder fehlender Anpassung an den Markt zu verlieren, strotzen Online-Pureplayer geradezu vor Kraft. Der „schwächelnde Einzelhandel öffnet weitere Vertriebskanäle“, bringt ein Lieferant diese Entwicklung, den manche auch als „Channel-Shift“ bezeichnen, auf den Punkt.
„Wir leben in Zeiten von Marktveränderungen und -verschiebungen. Internationale Händler erweitern ihren Footprint in Europa, Online wächst weiterhin stark und Spezialisten etablieren sich“, fasst Axel Brosch, Geschäftsführer Oberalp Central Europe, die derzeitige Situation treffend zusammen.
Allen voran hinterlässt der französische Filialist Decathlon in Europa immer größere Fußabdrücke (siehe Seite 14). Decathlon schluckt Athleticum gleich beim ersten Schritt auf Schweizer Terrain und übernimmt alle 23 Filialen der schweizerischen Nr. 3 im Sporthandel. Decathlon hat inzwischen SportScheck als führenden Sporteinzelhändler in Deutschland abgelöst, da er bereits 2016 einen Umsatz von über 333 Mio. Euro im Bundesanzeiger auswies und danach hierzulande noch weitere Filialen eröffnete, wohingegen Scheck nur stagnierte, vier alte Filialen erneuerte und Reutlingen sogar zusperrte. Und auf internationaler Ebene überholte Decathlon auch die Intersport mit ihrem Außenhandelsumsatz von 11,5 Mrd. Euro, was der damalige CEO von Intersport International Victor Duran gegenüber SAZsport bestätigte – „und das schon vor zwei Jahren“. Nichtsdestotrotz zeigen gute Erfahrungen von Verbandshändlern in unmittelbarer Nähe zu einem Decathlon-Fachmarkt, dass eine Strategie wie bei Dodenhof nicht abwegig sein muss. Der Center-Betreiber und Sporthändler auf rund 5.000 qm Fläche in Posthausen hatte Decathlon als Mieter in seinen Center geladen, um gemeinsam für Frequenz zu sorgen – jetzt, wo Decathlon komplett und zu 100 % auf seine Eigenmarken setzen will, ein gangbarer Weg.

Ausländische Filialisten greifen hierzulande an

Ein anderer sehr erfolgreicher Player auf dem Sportmarkt in Europa und Deutschland ist JD Sports. Bislang hatten bei dem ­britischen Sportartikelfilialisten im Deutschland-Geschäft die Berliner Brüder Vincent und Marc Isichei die Zügel in der Hand, deren Sneaker-Kette Isico hatte JD Sports 2013 mehrheitlich übernommen. Mehrheitsinhaber von JD Sports ist die Pentland Group, die u.a. Kangaroos, Lacoste, Boxfresh, Berghaus, Hunter und Ellesse führt. Inzwischen ist JD in Deutschland selbst am Werk und die Briten wollen auch nach Österreich und in die Schweiz expandieren. Hierzulande betreiben sie bereits rund 50 Geschäfte. Weltweit hat das Unternehmen 2017/18 (3. Februar) den Umsatz um 33 % auf 3,59 Mrd. Euro gesteigert. Die Ansage: Jede Woche soll ein neuer Store in Europa eröffnen. US-Filialist The Finish Line mit über 1.000 Verkaufspunkten und einem Jahresumsatz von 1,59 Mrd. Euro wurde jüngst übernommen.

Benko möchte im Sportmarkt noch viel erreichen

Durch Zukäufe im Sportmarkt, u.a. mit Stylefile und Big Tree, hat sich auch Immobilienmogul René Benko eine führende Position in unserer Branche geschaffen. Er hat auf Handelsseite für die größte Konzentration im Markt gesorgt. Seine Warenhausfusion von Karstadt und Kaufhof wurde Ende dieses Jahres vom Bundeskartellamt genehmigt. Die Umsätze von Karstadt und Kaufhof umfassen rund 5 Mrd. Euro Umsatz und Benko hat große Pläne im Sport angekündigt. Zudem ist Signa und damit auch seine Tochter Karstadt seit ­Anfang des Jahres ein Einkaufsmitglied der Intersport. Die österreichische Signa Sports Group (u.a. mit Karstadt Sports, Tennis-Point, Fahrrad.de, Campz.de und Outfitter) wird im Zuge einer neuen Partnerschaft in die Zentralregulierung der Intersport aufgenommen.

2018 steht im Zeichen großer Marktveränderungen. Auf Handels- und Industrieseite gab es starke Konzentrationsprozesse. Der Online-Kanal gewinnt Marktanteile

Zwei Erzfeinde verbünden sich. Ein Paukenschlag, der die Industrie sehr in Aufruhr bringt. Sie fürchtet, dass die Unter­nehmen künftig über eine große Einkaufsmacht verfügen und daher auch Verbesserungen der Konditionen fordern könnten. So verlaufen die folgenden Konditionsgespräche, wie man hört, von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Einige Lieferanten dürfen aufgrund von Forderungen oder Rückvergütungen draufzahlen und einige ziehen daraus auch ihre Konsequenzen und listen Karstadt aus. Das Bundeskartellamt hat angekündigt, dies im Sinne der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zum sogenannten Anzapfverbot zu beobachten. Das Bundeskartellamt behält sich vor, diese Einkaufskooperation im Nachgang zu der Fusion genauer zu prüfen.
Gerade in Zeiten großer Marktveränderungen sei es entscheidend, strategische Allianzen zu schmieden, kommentierte der damalige Intersport-CEO Kim Roether diesen überraschenden Schritt. Noch überraschender war sein Rücktritt im Juni, aber diesmal hielt sich die Kritik aus der Industrie in Grenzen, schließlich habe ­Roether, so berichten Insider, sowohl auf Industrieseite als auch auf Seite seiner eigenen Genossen leider nicht immer den richtigen Ton getroffen.
Bei der Partnerschaft mit Karstadt und Intersport geht es darum, die Einkaufsmacht zu erhöhen. Stephan Fanderl, CEO von Signa Retail und neuerdings auch Chef des fusionierten Unternehmens von Karstadt und Kaufhof, sieht darin ebenfalls eine Stärkung der Beschaffungs- und Servicekompetenz. Die Signa Sports Group bezifferte ihr Umsatzvolumen ­damals mit Karstadt Sports und allen E-Com­merce-Töchtern auf ca. 600 Mio. Euro und einem Online-Anteil von 60 %. Im Zuge der Fusion wurde das überwiegend stationäre Karstadt Sports aus der Signa Sports Group herausgelöst, sodass alle ­E-Commerce-Shops, neuerdings auch mit dem Zukauf Centercourt.de, künftig unter Signa Sports United firmieren.
 Das Bundeskartellamt hat sich aufgrund der Konzentrationsprozesse im Online-Handel auch Amazon vorgeknöpft und ein Missbrauchsverfahren gegen den Internet-Riesen eingeleitet. Grund dafür sind Beschwerden von Händlern über die Geschäftspraktiken auf dem deutschen Marktplatz Amazon.de. Auch die EU ermittelt gegen Amazon und das Geschäftsgebaren im Marketplace.

Investoren wildern Marken für ihre Expansion in der Welt

Machtverschiebungen gibt es auch auf Messeebene: So hat die Messe Friedrichshafen nach 25 Jahren die OutDoor nach einer Abstimmung bei der European Outdoor Group an die Messe München verloren. Vom 30. Juni bis 3. Juli 2019 wird die „OutDoor by ISPO“ nun in der bayerischen Landeshauptstadt stattfinden. Die Messe Friedrichshafen gibt aber nicht auf und veranstaltet vom 17. bis 19. September 2019 ihre Outdoor-Messe mit einem sehr fachhandelsfreundlichen Konzept.
Der Fachhandel und seine stärksten Player setzen nach wie vor auf die stationären Häuser. So investieren Engelhorn, Schuster und L&T Millionen in ihre Stores, und auch Multichannel-Spezialisten wie 11teamsports oder Blue Tomato zeigen eine starke Performance im Markt, sowohl online als auch stationär. Ihre Denke ist aber nicht mehr nach Kanälen getrennt, sie sprechen vielmehr von „seamless“. Der Kunde erfährt die Marke ohne Medienbrüche in allen Kanälen mit den gleichen Botschaften und Möglichkeiten.
Aufseiten der Industrie gibt es bei den großen Konzernen Aufkäufe noch und ­nöcher, wie etwa bei der VF Corporation oder dem Fenix-Konzern. Amer Sports kauft die Marke Peak Performance hinzu und wird nebenbei selbst zum Kaufkan­didaten. Der chinesische Sportkonzern Anta Sports will die Gruppe mit all seinen Marken (u.a. Atomic, Salomon und Wilson) übernehmen, schließlich stehen die Olympischen Winterspiele in Peking 2022 vor der Tür. Auch Rossignol hat einen chinesischen ­Investor hinzugewonnen. Einen neuen ­Inhaber bekommt wieder einmal Jack Wolfskin, ein Jahr nach dem letzten Verkauf will nun Callaway Golf mit dem europäischen und mittlerweile profitablen Marktführer im Outdoor-Segment in den USA wachsen.
Und die Big Brands? Nike verlegt seine Deutschland-Zentrale von Frankfurt nach Berlin. Außerdem verkündet der US-Konzern, dass er weltweit nur noch mit 40 Key Accounts zusammenarbeiten wolle, Intersport und Sport 2000 bilden dabei jeweils einen Single Account. Adidas geht in Richtung Nachhaltigkeit ein großes Ziel an: Bis 2024 wollen die Herzogenauracher für alle Schuhe und Kleider ausschließlich wiederverwertetes Polyester verwenden. Puma hat sein Headquarter in Herzogenaurach am neuen Puma Way 1 erweitert: Zum 70. Geburtstag setzt die vom Kering-Konzern freigelassene Raubkatze zu zweistelligen Umsatzsprüngen an und versichert, dass der Fachhandel nach wie vor der wichtigste Partner sei.

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