Fokus auf Innovation 07.12.2018, 09:30 Uhr

Hervis kooperiert mit Start-ups

Hervis möchte sein Image als Innovationsführer stärken. Als Corporate des WeXelerate Innovation Hub in Wien kooperiert der österreichische Sportartikeleinzelhändler mit Start-ups und entwickelt maßgefertigte Technologien.
Ein Beitrag von Hildegard Suntinger
WeXelerate bietet viermonatige Accelerator-Programme, in denen internationale Start-ups beim Markteintritt und der Expansion in neue Märkte unterstützt werden. Den teilnehmenden Start-ups wird ein Ökosystem von relevanten Partnern geboten. Darin können diese mit Corporates Produkte entwickeln und von Kontakten zu Men­toren und Investoren sowie Coaching ­profitieren.
Hervis zählt zu den Corporates, das sind an Innovationsleistungen interessierte Mitglieder des Innovation Hub. Hans K. Reisch, Vorstand der Hervis-Mutter Spar Österreichische Warenhandels AG, sprach von einem neuen Businessmodell, welches geeignet ist, das Image als Innovationsführer zu stärken. Hervis startete die Kollaboration mit mehreren Start-ups im Mai 2018. Ziel ist es, neue Technologien für den Webshop zu entwickeln: eine virtuelle Anprobe, ein Chatbot und ein Übersetzungssystem für die Web-Texte. Aktuell sind die Innovationen in der Pilotphase und sollen 2019 Marktreife erlangen.

Retourenquote reduzieren

Die virtuelle Anprobe soll einem der größten Probleme im Webshop die Schärfe nehmen – der Retourenquote. Bei Textil liege diese derzeit bei über einem Drittel. Viele Kunden seien sich ihrer genauen Größe unsicher und Größenangaben und Schnitte der Hersteller variieren, erklärt Geschäftsführer Alfred Eichblatt. Langfristig soll das System jedem Kunden die richtige Größe nennen können. In Kollaboration mit dem Start-up Texel wurde ein Ganzkörper-Scanner entwickelt, der die Maße in 3D erfasst und den Körper digital abbildet. Die Kunden erhalten nach der Analyse die passgenaue Bekleidungsgröße. Auf Kundenwunsch ist das Modell auch im Online-Account zugänglich. Es handelt sich um eine Single Sensor Solution, die weniger fehleranfällig, kleiner und einfacher zu bedienen ist. Vorstellbar als statische Kamera, vor der sich der Kunde für den 3D-Scan drehen muss.

Den Online-Dialog mit den Kunden automatisieren

Für die Kommunikation online werden zwei Innovationen entwickelt: ein Chatbot und ein teilautomatisiertes Übersetzungs-Tool. Mit dem Chatbot, der in Kollaboration mit dem Start-up Jingle entwickelt wird, will Hervis den sprachbasierten Online-Dialog mit dem Kunden automa­tisieren. Branchenspezifische Chatbots waren schon in den vergangenen Accelerate-Programmen von WeXelerate ein Schwerpunkt – was deren hohe Bedeutung aufzeigt. Dazu Jürgen Mischker, IT-Manager Hervis: „Es gibt viele Hersteller, die eine gute Technik anbieten. Wir suchten einen Partner, der gut darin ist, einen humano­iden Sprachdialog künstlich zu erzeugen.“ Im Vergleich zu menügeführten Systemen sieht er im Chatbot einen höheren Spaßfaktor. Für Gregor Wallner von Jingle ist das Ziel dann erreicht, wenn der Kunde fragen kann: „Alexa, wo finde ich den perfekten Fahrradschlauch mit der Dimen­sion XY?“ Das Projekt ist aufwendig. Pro Saison werden 8.000 Produkte in den Webshop eingepflegt. Der Chatbot muss Informationen zu allen Produkten und Sportarten vorrätig haben.
Wollen für Innovationen sorgen (v.l.): Hans K. Reisch (Vorstand Spar), Gregor Wallner (Jingle), Claudia Witzemann (GF WeXelerate), Maxim Fedyukov (Texel), Alfred Eichblatt (GF Hervis).
(Quelle: Hervis)

Sprachübersetzungsprozesse beschleunigen.

Das Übersetzungs-Tool wird in Kollaboration mit dem Start-up Text United entwickelt. Hervis betreibt 210 Filialen in sieben Ländern. Inklusive der Online-Märkte sind es sechs bis zwölf Sprachen, die im Web-shop verlangt werden. „Das Texten und Übersetzen von saisonal 8.000 Produktbeschreibungen bringt uns an die Grenzen unserer Kapazitäten“, erklärte Alfred Eichblatt. „Durch den Saisonverlauf sind viele Produkte schon im Lager, können aber durch die aufwendigen Übersetzungsprozesse erst mit Zeitverzögerung online angeboten werden.“ In Zukunft soll dies in einem Bruchteil der Zeit möglich sein. Die angestrebte Technologie soll die Übersetzung von Web-Texten mit Künstlicher Intelligenz unterstützen und teilweise automatisieren.

Den Bestellprozess optimieren

Last but not least will Hervis auch den Bestellprozess optimieren. In Kollaboration mit dem Start-up OrderLion soll eine Technologie geschaffen werden, die Prognosen über Abverkaufszahlen stellt, sinnvolle Bestellmengen errechnet und diese den Filialen zuteilt. Zu ermitteln ist, welches Produkt in welcher Größe, in welchem Zeitfenster für welchen Kunden vorrätig sein soll, so Eichblatt.
Abschließend ging Claudia Witzemann, Geschäftsführerin von WeXelerate, näher auf die Art der Kollaboration ein. Sie erklärte, dass die Start-ups das vom Corporate gewünschte Produkt noch nicht unbedingt am Markt haben. In der Regel ­gehe es um die Schaffung eines neuen Produkts. Die Fragen seien „Was kriegen wir umgesetzt?“ und „Was kann der Corporate brauchen?“. Erst wenn die Marktreife erlangt ist, überlegen sich die Partner, wie der Vertrag auszusehen hat.              

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