Von der fertigen Software zum eigenen System 20.03.2019, 15:12 Uhr

So hat Keller Sports seinen Shop für die Zukunft gerüstet

Vor Kurzem wurde Keller Sports für seinen Online-Shop mit dem Shop Award der Fachzeitung „Internet World Business“ ausgezeichnet. CTO Florian Otte zeigt die technische Entwicklung auf und erklärt, wieso Keller Sports heute mit einem selbst entwickelten System arbeitet.
SAZsport: Herr Otte, wie viele verschiedene Shopsysteme wurden für den Online-Shop von Keller Sports schon genutzt?
Florian Otte: Der erste Shop von Keller Sports lief über die Software Shop-to-date von Databecker. Das war 2005. Im gleichen Jahr kam schon die Erkenntnis, dass der E-Commerce gut funktioniert, der Shop aber professionalisiert werden müsste. 2006 bin ich in das Unternehmen eingestiegen, und wir sind direkt dazu übergegangen, das System von Oxid eSales zu nutzen.
SAZsport: Was hat für Oxid beziehungsweise generell für ein vorgefertigtes Shopsystem gesprochen?
Florian Otte ist CTO bei Keller Sports und seit 2012 auch Geschäftsführer. Zu seinem Aufgabenbereich gehört die gesamte IT, wobei der Fokus auf dem liegt, was der Endkunde sieht, also alle Shops und Apps. Otte ist verantwortlich für die Technik dahinter und auch für deren Konzeption.
Quelle: Keller Sports
Otte:
Wenn man einen Online-Shop eröffnet, kann man durchaus eine Standardsoftware dafür nutzen. Da gibt es eine große Bandbreite an Anbietern, zu der unter anderem Shopware, Intershop oder Oxid gehören. Sie alle bieten gute Möglichkeiten, solide und schnell zu starten. Das haben wir damals auch gemacht, weil wir gar nicht die Ressourcen hatten, um ein eigenes Shopsystem zu programmieren. Ich habe die IT ja im Prinzip allein betreut. Die Anforderungen waren zu dieser Zeit auch noch andere: Die Ware, die wir eingekauft hatten, sollte effizient an den Endkunden verkauft werden. Dieser sollte eine möglichst gute Usability (Anm. d. Redaktion: Benutzerfreundlichkeit, einfache Bedienung) im Shop erfahren. Bei den damaligen Verhältnissen kam es eben „nur“ auf eine gute Navigation und einen guten Informationsfluss an. Das sprach dann auch für die Migration von der einfachen Software von Databecker zu Oxid. Das System von Oxid hat sehr gut funktioniert. Daher würde ich es auch heute noch so nutzen, wenn die Anforderung lediglich darin besteht, einen Online-Shop aufzusetzen, egal ob für Sport oder für eine andere Branche. Ich würde generell zum Einstieg in den Online-Handel auf eine Standardsoftware zurückgreifen, weil diese normalerweise alles abdeckt, was man für einen soliden Shop braucht.
SAZsport: Wieso ist Keller Sports vom Shopsystem von Oxid zu einem selbstentwickelten System gewechselt?
Otte: Wir sind in den letzten Jahren stark gewachsen, haben weitere Sportarten hinzugenommen und haben auch zusätzliche Shops wie Keller x gelauncht. Mit Keller Studios und der Keller sMiles-App kamen weitere Geschäftsfelder hinzu. Damit haben wir uns vom klassischen Händler, der nur Ware hin und her schickt, weiterentwickelt zu einer Premium-Anlaufstelle, bei der jeder Mensch mit einem aktiven Lebensstil rundum betreut wird. Dadurch haben sich aber auch die Anforderungen an die IT stark verändert.
SAZsport: Und worauf kommt es jetzt bei Keller Sports an?
Otte: Das ist zum einen Geschwindigkeit: Der Online-Shop soll schnell sein. Zum anderen müssen die unterschiedlichen Systeme, über die wir verfügen, auch miteinander vernetzt sein. Das lässt sich am besten an einem Beispiel erklären. Nehmen wir beispielsweise an, Nike möchte seinen neuen Laufschuh in unserer Community testen. Dann bringen wir den Schuh in die Keller sMiles-App und der User kann, wenn er eine entsprechende Challenge meistert, den Schuh gewinnen. Ungünstig wäre, wenn er dann erst einen Gutscheincode bekäme, umständlich von der App in den Shop wechseln und dann den Schuh dort bestellen müsste. Dann würde sich die Frage der Bezahlung stellen, die nun ja über den Code laufen sollte. An dieser Stelle greift nun unsere individuelle Software, die wir selbst entwickeln, weil wir hoch spezialisierte Anforderungen haben. Wir vermeiden damit, dass der User aus der App heraus und in den Shop gehen muss. Stattdessen reicht ein Klick innerhalb der App, damit der Schuh dem Kunden direkt zugeschickt wird.
Nicht zuletzt durch die Entwicklung der Keller sMiles App wurde es notwendig auf ein eigenes System umzuziehen, durch das die App nahtlos angedockt werden konnte.
Quelle: Keller Sports
In einem nächsten Schritt wollen wir künftig den Punktestand der ganzen Challenges auch im Shop anzeigen, sodass die Punkte künftig auch als eine Art Währung im Shop genutzt werden können. Wenn der Kunde dann ein Produkt bestellt, kann er seine Punkte beispielsweise gegen einen Rabatt bei diesem Artikel eintauschen. Die verschiedenen „Landschaften“, in denen wir mit den Kunden in Kontakt treten und zu denen dann auch der stationäre Laden zählt, mussten vereinheitlicht und verknüpft werden. Für all das gibt es nun eine zentrale Account-Logik, ein System, das hinter all diesen Touchpoints, also hinter den Berührungspunkten zum Kunden liegt. Wenn der User beispielsweise in der Keller sMiles-App eingeloggt ist, wissen wir das, können ihn identifizieren und auch mit den anderen Systemen verknüpfen. Das geht dann alles schon einen großen Schritt über die klassischen Shopsysteme von Anbietern wie Oxid hinaus. Natürlich kann man prinzipiell Apps auch mit solchen Shopsystemen verbinden, aber das wird kompliziert. So setzen wir mit unserer eigenen Entwicklung auf eine schlanke, sogenannte Headless API (Anm. d. Red.: engl. headless = kopflos; API = Programmierschnittstelle). Im Prinzip arbeiten wir dabei über Schnittstellen im Hintergrund, und es ist egal, welche Frontends wir andocken (Anm. d. Red. Unter Frontend versteht man die für den Nutzer sichtbaren Elemente einer Website oder eines Programms. Das Backend ist dementsprechend die Seite, die nur diejenigen sichtbar ist, die an der Erstellung und Gestaltung arbeiten, Zum Beispiel die Programmierung.). Ein Kernprozess ist beispielsweise die Abwicklung des Kaufabschlusses. Letztendlich muss die Lieferadresse sowie die enthaltenen Artikelnummern im ERP (Anm. d. Red.: ERP = Enterprise-Resource-Planning, ein System mit dem alle unternehmerischen Aufgaben gesteuert werden können) gespeichert und an unser Logistikzentrum übertragen werden, damit der Kunde seine Produkte am nächsten Tag in Empfang nehmen kann. Die Headless API bildet genau diesen Prozess ab. Wie nun aber die Lieferadresse samt Artikelnummern in diese API gelangen, ist frei wählbar: Ob über die Webshops, die Apps oder die Store-Kasse ist egal und zukünftig beliebig erweiterbar. Wichtig: Der Kernprozess der Auftragsverarbeitung wird nicht angefasst und bleibt immer gleich.
Für uns ist diese Technologie auch deshalb so wichtig, weil wir heute ja noch nicht wissen können, was im nächsten Jahr oder in den folgenden an neuen Systemen und Features hinzukommt. Mit der Headless API sind wir gut vorbereitet, sodass wir neue Module einfach anknüpfen können
SAZsport: Wann wurde von Oxid auf das eigene System umgestellt?
Otte: Bis 2012 haben wir ausschließlich auf Oxid gesetzt; das hat auch sehr gut funktioniert. Von da an haben wir nach und nach Bestandteile herausgenommen und durch Eigenentwicklungen ersetzt. Wir haben mit der Startseite begonnen und diese mit unserer eigenen Architektur umgesetzt. Danach folgten die Kategorie- und Produktseiten. Anfang des Jahres kam schließlich mit dem Check-out, also der Abwicklung des Kaufabschlusses im Shop, der letzte Schritt weg von Oxid und komplett auf unser eigenes System.
SAZsport: Wie sieht es auf der Kostenseite aus?
Otte: Wir haben mit dem eigenen System schon Vorteile, die sich auf der Kostenseite positiv auswirken. Wir sind Eigentümer der entsprechenden Technologie und damit nicht angewiesen auf eine Agentur oder auf einen Software-Anbieter wie Oxid, die uns Erweiterungen bauen oder Probleme beheben. Das haben wir alles selbst in der Hand und können entsprechend Ressourcen planen. Auf lange Sicht gesehen kann das günstiger sein als ein vorgefertigtes System. Wenn man nur ein Shopsystem bauen würde, wäre das aufgrund der hohen Entwicklerkosten wohl im Vergleich zu den gängigen Anbietern zu teuer. Wenn man aber all die besonderen Anforderungen umsetzt, die wir haben, dann kommt man wahrscheinlich gleichauf oder sogar noch günstiger weg, weil beispielsweise ja auch sämtliche Lizenzkosten wegfallen. Und dann zahlt sich das eigene System natürlich noch auf anderer Seite aus: Nicht ohne Grund gewinnen wir beispielsweise einen Preis wie den Shop Award der „Internet World Business“. Wir bauen mit unserem eigenen System auch für die Zukunft vor. Die Vergleichbarkeit der Produkte wird immer größer und irgendwann läuft es bei „normalen“ Online-Shops immer auf den Preis hinaus. Mit unseren Angeboten bewegen wir uns aus dieser Vergleichbarkeit hinaus. Und Basis dafür ist eben die IT.
SAZsport: Wie viel Entwicklerpower haben Sie dafür im eigenen Haus?
Otte: Zu unserem Entwicklungsteam mit Programmierern und Product Ownern, die das alles planen, gehören etwa 30 Leute. Die sind für alle Shops von Keller Sports zuständig – das sind insgesamt zwölf Ländershops –, außerdem für die Keller x-Shops, die Keller sMiles-App für iOS und Android, Keller Studios und natürlich auch für die Backend-Systeme. (Anm. d. Red: Über alle Abteilungen hinweg sind bei Keller Sports derzeit 150 Mitarbeiter beschäftigt.) Andere Online-Händler arbeiten da vielleicht mit zwei Personen in der eigenen IT, einem vorgefertigten System, aber dafür mit mehreren Leuten in der Agentur, die das System für den Händler betreuen und weiterentwickeln. Vor 2017 hatten wir weniger als zehn Mitarbeiter im Entwicklungsteam, aber mit Keller sMiles bestand die Notwendigkeit, dort aufzustocken. Mit der aktuellen Teamgröße sind wir aber bis auf Weiteres gut für die Zukunft aufgestellt.
SAZsport: Was steht hinsichtlich IT im Laufe des Jahres bei Keller Sports an?
Zu den IT-Projekten in diesem Jahr gehört, Keller Studios noch besser mit dem Online-Shop von Keller Sports zu verzahnen.
Quelle: Keller Sports
Otte:
Nachdem wir im letzten Jahr relativ viel Neues gelauncht haben, geht es in nächster Zeit vor allem um Optimierungen und Verknüpfungen. Wir werden auf jeden Fall die Keller Studios und die Keller sMiles-App noch mehr mit dem Shop verzahnen.
SAZsport: Welche Tipps haben Sie für einen Händler, der neu in das Thema E-Commerce einsteigen will?
Otte: Der Händler sollte sich unbedingt zuerst über seinen USP klar werden und darüber, welche Ziele er online verfolgen will. Wenn es „nur“ um den Verkauf von Waren geht, reicht sicherlich ein Standardsystem aus. Da gibt es mit Shopify, Shopware, Oxid und viele andere gute Anbieter. Gerade Shopify ist für einen Schnellstart ohne großes IT-Wissen zu empfehlen. Wenn ein Händler von Anfang an flexibler sein will, weil er Pläne hat, die über ein Shopsystem hinausgehen, dann könnte man Systeme wie Spryker oder Commercetools empfehlen. Diese bieten einen Shopbaukasten mit Headless API, aber dafür wird auch entsprechend viel IT-Know-how benötigt. Jedem Händler möchte ich empfehlen, sich lieber einen eigenen Mitarbeiter ins Haus zu holen, der die IT übernimmt, als mit einer Agentur zu arbeiten. Es ist immer besser, die Kompetenz im eigenen Haus zu haben, als sich irgendwas verkaufen zu lassen.

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