Bergzeit übetrifft 65 Mio. Euro 12.03.2019, 08:20 Uhr

„Wir wollen Europas führende Bergsportplattform werden“

Bergzeit hat 1999 als Tourenportal begonnen. Zum 20. Jubiläum schließt sich der Kreis für einen der größten Online-Bergsporthändler Europas mit einem neuen Geschäftsfeld.
Als Klaus Lehner 1999 Bergzeit als Tourenportal gründete, verkaufte er nur Kompasse und Höhenmesser. In 2018 erzielten mehr als 260 Mitarbeiter im Unternehmen aus Otterfing mit über 40.000 Artikeln in ihrem Online-Shop 65 Mio. Euro Umsatz (Plus von über 20 Prozent zum Vorjahr). Bergzeit wurde im Jahr 2018 von der Industrie im SAZsport-Lieferantenranking zum besten Online-Händler des Jahres gewählt.
Schon im Jahr 2011 beim Vorstellungsgespräch von Martin Stolzenberger, damals Einkäufer und heute Geschäftsführer von Bergzeit, erzählte ihm Lehner von seiner Vision, auch Reisen anbieten zu wollen. Jetzt wird sein Wunsch Realität: Bergzeit, inzwischen eine Tochter der Südtiroler Sportler AG von Georg Oberrauch, startete im Oktober 2018 eine Plattform für Bergsporterlebnisse, die erst im März richtig ausgerollt werden soll. Über 110 Bergsport-Reisen, Kurse und geführte Touren finden sich zum Launch im neuen Bereich „Bergzeit-Erlebnis“. 

Die Transformation im Bergschul-Business

Geschäftsführer Martin Stolzenberger (l.) geht auf der Bergzeit-Plattform mit Bergsporterlebnissen im März in die Offensive. Axel Brosch, bei der Oberalp-Gruppe General Manager Central Europe, wird  die Bergführer bei den geführten Touren mit Ausrüstung der Marken Salewa und Dynafit ausstatten.
(Quelle: Bergzeit)
Die Ziele sind hoch gesteckt: „Unsere Vision ist es, die führende Bergsportplattform Europas zu werden“, gibt Stolzenberger vor und erklärt: „Wir wollen nicht nur Händler sein, sondern ein Ort mit allen Produkten, Informationen und Services für Bergerlebnisse.“ Und dazu gehören eben auch geführte Touren, Community und eine Bergschule, die ein ganz wichtiger Baustein der Vision sei. Dafür arbeitet Bergzeit hautpsächlich als Veranstalter mit 30 zum Teil eigenen Bergführern und Guides zusammen. „Bisher sind Bergschulen ein klassisches Katalogbusiness. Wir sehen aber eine große Chance darin, den Kunden direkt über Online-Medien anzusprechen. Den Kunden, der vor Ort einen Bergführer benötigt, den werden wir nicht bekommen, aber wir versuchen denjenigen anzusprechen, der vorher bucht“, sieht Stolzenberger aktuell eine Marktlücke. Ausgestattet werden die Bergführer hauptsächlich von Salewa, die der Oberalp-Gruppe von Heiner Oberrauch angehören. Auch wenn die Eigentümer aus einer Familie stammen, werden die Unternehmen Oberalp und Sportler eigenständig geführt. Axel Brosch, General Manager Central Europe bei Oberalp, betont, dass Bergzeit oder Sportler für Salewa ein Kunde ist, wie jeder andere auch, ohne besondere Konditionen oder Vorteile.
Seine Gedanken zu den Bergsportschulen gehen sogar noch ein paar Schritte weiter in Richtung Bergsportausbildung. In diesem Jahr wird es im neuen „Alpine Campus“ für Mitarbeiter von Salewa die ersten Kurse im alpinen Bergsport geben, im Eisklettern, alpinen Bergsteigen etc. Im zweiten Schritt sollen Partner ihre Kunden mitbringen können und Händler ihre Mitarbeiter dort hinschicken dürfen. Im dritten Schritt wird diese Bergsportakademie, die von Globo Alpin,der größten Bergsteigerschule in Südtirol, organisiert wird, auch Konsumenten im Sporttreiben am Berg ausbilden. „Es gibt viele Bergsportschulen, die die Basisausbildung und die ersten Schritte machen“, erklärt Brosch, „,aber eine weiterführende Ausbildung ist eher selten. Was, wenn ich den nächsten Schwierigkeitsgrad klettern möchte? Für Bergführer gibt es dafür Angebote, aber für Freizeitsportler kaum“.
Mehr als zehn Sportarten stehen auf dem neuen Plattform-Angebot „Bergzeit-Erlebnis“ als Kurse oder geführte Touren zur Auswahl, darunter auch Skitouren, LVS-Trainings, Schneeschuh-Wanderungen, Klettersteigen,  Klettern, Rafting, Paragliding, Canyoning, Mountainbiken, Wandern, Kanu und Kajaken.
(Quelle: Bergzeit)
Es gehe darum, den Sport leben lernen zu können, so Brosch, die Menschen emotional mit dem Sport zu binden und für ­Sicherheit am Berg zu sorgen. Das ist die DNA von Salewa. So werde man zur Quelle der alpinen Ausbildung, so werde man sich als Marke und als Händler abheben – dann gehe es nicht mehr um das Thema Preis, sondern um Emotion, Erlebnis und etwas Gemeinsames.

Content bringt Reichweite

Bergzeit eröffnete im Zuge seiner Expansion als Online-Händler, der früher für seine Preisaggressivität bekannt war, zwei stationäre Standorte mit Filialen in Holzkirchen (700 Quadratmeter) im Jahr 2003 und Gmund am Tegernsee (2.000 Quadratmeter) sieben Jahre später. 2017 folgte ein Meilenstein mit dem Verwaltungs- und Logistikgebäude (Investition von 13 Mio. Euro) in Otterfing. Im Zentrallager verlassen täglich 3.000 bis 7.000 Pakete den Versandtisch. Bergzeit und Salewa begeben sich mit den Erlebniswelten und der Academy in die Terrains der „Mammut Alpine School“, der rein digitalen „Safety Academy Lab Rock“ von Ortovox oder dem „Summit-Club“ vom Deutschen Alpenverein (DAV). Die  Bergsteigerschule des DAV ist hierzulande größter Spezialreiseanbieter mit über 500 Reisen weltweit und rund 15 Mio. Euro Umsatz. Im Gegensatz zu den drei anderen Anbietern hat Bergzeit online die wohl stärkste Präsenz dank ihres Online-Shops. Denn 500.000 Online-Kunden, 100.000 Unique-Besucher pro Tag auf der Website und 145.000 Newsletter-Abonnenten geben dem Bergsporthändler genug Reichweite. Der Anteil der Besucher im Online-Shop aus bezahlten und organischen Suchen von Kunden hält sich fast pari, was Bergzeit vor allem seiner Content-Strategie zu verdanken hat. Das senkte die Kosten bei Google und erhöhte den Umsatz enorm.

Das Produkt zum Schluss

Beim Lieferantenranking 2018 von SAZsport wurde Bergzeit als bester Online-Händler gekürt.
(Quelle: SAZsport)
Die Otterfinger haben jahrelang über gute Inhalte aus Reiseberichten, Tests und Markenporträts viel organischen Traffic über ihr großes Netzwerk aus 400 Partnern und über 150 freien Bloggern für ihr Magazin und den Online-Shop generiert. „Einen großen Anteil unseres Traffics machen wir über das Magazin“, verrät Stolzenberger, der Bergzeit im Content-Bereich mit seiner eigenen Redaktion als Vorreiter sieht. Künftig soll die Anzahl der direkten Treffer steigen: „Wenn die Kunden an Bergsport denken, dann sollen sie an Bergzeit denken und unsere Seite direkt ansteuern. Das macht uns unabhängiger von Suchmaschinen“, weiß Stolzenberger. Zum Start der Bergzeit-Erlebnisse ist er noch sehr vorsichtig in der Bewerbung der Plattform, schließlich sei das Thema Reisen neu für Bergzeit, der Checkout-Prozess, Versicherungen etc. komplex. Auch die Verbindung von Produkt und Erlebnis wird zum Start bewusst konservativ gehalten. Stattdessen gibt es Packlisten zu den Touren, die beim Kunden für Glaubwürdigkeit und Mehrwert sorgen. Man wolle den Kunden mit der Verknüpfung zum Produkt nicht schon an der Stelle der Reisebuchung verlieren, alles andere komme danach. Alles hat seine Zeit bei Bergzeit. „Man muss dem Kunden sagen, was sie haben wollen“, erklärt Stolzenberger. Zuerst die Story, dann der Verkauf.

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