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ISPO in Amsterdam: Wofür braucht die Branche noch eine Messe?

Produkte zeigen, Trends setzen, Menschen zusammenbringen: Was muss eine Sportartikelmesse heute vor allem leisten?
Foto: Thomas Plettenberg

Liebe Leserin, lieber Leser,

es gibt einen Grund für Messebesuche, über den selten jemand spricht, weil er bis vor einigen Jahren so selbstverständlich war. Branchenkenner Reiner Gerstner, inzwischen mit der Plattform Born Accelerators als Berater für Start-ups aktiv, hat ihn in unserer Umfrage auf den Punkt gebracht: „Die Pflichtpräsenz: hinfahren, weil man immer dort war.“ Über Jahrzehnte war München dafür der feste Ort. Zuletzt haben große Teile der Branche diese Gewohnheit aber abgelegt.

Die ISPO reagiert mit einem Neustart in Amsterdam in der kommenden Woche. Damit liegt die Frage wieder auf dem Tisch, für jedes Unternehmen neu: Wofür fahren wir eigentlich noch auf eine Messe? Wir haben sie Händlern, Marken, dem Branchenverband und der ISPO selbst gestellt.

Sportliche Grüße

Wilfried Spürck
Redakteur
SAZsport


I. Die Ausgangslage: Neustart nach dem Abschwung

Vom 3. bis 5. November findet die ISPO erstmals im RAI in Amsterdam statt. Dahinter steht ein Joint Venture der Messe München mit dem britischen Veranstalter Raccoon Media Group. Der Neustart folgt auf Jahre des Rückgangs: Kamen 2019 noch rund 80.000 Fachbesucher zur ISPO, waren es 2025 noch etwa 27.000.

Neue Heimat der ISPO: Das RAI Amsterdam im Süden von Amsterdam ist das größte internationale Kongress- und Messezentrum der Niederlande.
Foto: Marianne Ottemann

Die neue ISPO ist kompakter: acht Hallen mit 45.000 Quadratmetern (in München waren es in den stärksten Jahren rund 200.000), laut Online-Verzeichnis derzeit mehr als 1.300 Aussteller und rund 30.000 erwartete Besucher. Auch das Konzept verschiebt die Gewichte. Der erste Tag gehört dem Leaders’ Summit für das Top-Management, unter anderem mit The-North-Face-Gründer Hap Klopp und Margit Gosau, CEO von Sport 2000 International. Erst am 4. und 5. November öffnen die Hallen, mit den Schwerpunkten Outdoor, Running, Active Lifestyle, Padel und Racketsport, Wassersport, Winter und Camping. Parallel läuft die International Running Expo, die Raccoon im vergangenen Jahr gestartet hat. Dazu kommen sechs Bühnen und drei Award-Programme, darunter der Newcomer-Wettbewerb BrandNew.

Das Herzstück ist ein Investitionsprogramm über drei Millionen Euro, je eine Million für das Konferenzprogramm, einen Impact-Fonds und ein Hosted-Buyer-Programm. Dieses soll mehr als 500 Einkäufer nach Amsterdam holen und über 4.000 Termine mit Ausstellern vermitteln.

Ob das den Erwartungen der Branche entspricht, haben wir Händler, Marken, Sport 2000 International und den BSI gefragt. Die Antworten ergeben kein repräsentatives Bild, stammen aber von Menschen, die die Branche seit Langem kennen und zum Teil über Messebudgets mitentscheiden. Die ISPO selbst haben wir gefragt, wie sie ihre Rolle sieht und woran sie den Erfolg in Amsterdam messen will.

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II. Was eine Messe bieten muss

A. Was nicht mehr zieht

In einem Punkt sind sich alle einig: Das Ordern lockt keinen mehr zu einer Messe. „Ordern läuft heute über Pre-Lines und Markenformate“, sagt Markus Hupach, CEO von Hervis. BSI-Geschäftsführer Christoph Moeller formuliert es grundsätzlicher: „Nur wegen neuer Produkte fährt heute niemand mehr auf eine Messe.“

Hält in Amsterdam Ausschau nach Newcomern: Hervis-CEO Markus Hupach.
Foto: Lasse Rotthoff

Beim Thema Inspiration gehen die Meinungen auseinander. „Inspiration und Trends ziehen nicht mehr“, sagt Anne von Loebbecke, VP Strategy & PMO bei SportScheck. „Showrooms und Fashion Shows von Brands und Händlern inspirieren heute stärker als Messen.“ Hupach dagegen kommt für Trendscouting nach Amsterdam: „junge, disruptive Brands – viele von außerhalb Europas –, Innovation in Handel, Service und Tech“. Der Widerspruch ist womöglich kleiner, als er klingt: Denn Hupach sucht Newcomer, die in keinem Showroom stehen.

B. Was die ISPO verspricht

Die ISPO versteht sich nicht als Ersatz für Showrooms, Verbundgruppen oder digitale Plattformen, über die heute vielfach geordert wird. Diese Formate würden weiterhin eine wichtige Rolle spielen, sagt Tracy Bebbington, Managing Director der ISPO. Deren Aufgabe beschreibt Bebbington so: „Die ISPO-Messefläche ist der zentrale Ort, an dem die wichtigsten Gespräche der gesamten Branche stattfinden: Marken, Händler, Einkaufsverbände, Start-ups und Presse, alle in einem Raum und mit demselben Ziel.“

Tracy Bebbington, Managing Director der ISPO, sieht die Messe als den „zentralen Ort, an dem die wichtigsten Gespräche der gesamten Branche stattfinden“.
Foto: ISPO

Die Messe werde als Ort für Inspiration und Beziehungspflege wahrgenommen, an dem sich Produkte unter realen Bedingungen erleben lassen, so Bebbington. Gerade in Zeiten virtueller Vernetzung sei es wichtiger denn je, Gespräche von Angesicht zu Angesicht zu führen und so Vertrauen aufzubauen. Was Aussteller und Besucher heute erwarten, fasst sie so zusammen: „Marken und Händler wollen, dass sich das gesamte Messeerlebnis lohnt, und die Freiheit, so aufzutreten, wie sie es möchten.“

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C. Was die Branche erwartet

In einem Punkt deckt sich das mit den Erwartungen der Branche: Es geht um Begegnungen. Die Befragten sagen aber genauer, mit wem und in welchem Rahmen. Hupach erwartet „eine kuratierte Bühne für Newcomer, starke Panels, internationale Retail- und Tech-Insights sowie Begegnungen auf Entscheiderebene“. Sein Maßstab für Amsterdam: „Wenn ich mit neuen Partnern und umsetzbaren Ideen heimfahre, hat es sich gelohnt.“

„Viele Formate sind austauschbar geworden“, sagt Anne von Loebbecke von SportScheck.
Foto: SportScheck

Von Loebbecke vermisst bei vielen Messen eine klare Linie. „Viele Formate sind austauschbar geworden“, kritisiert sie. Sie wüchsen immer weiter und verlören dabei ihren Fokus. Ihr Gegenentwurf: „Gefragt sind Themen, die die Zukunft der Branche prägen, und ein Publikum, das entscheiden kann. Breakout-Sessions in kleiner Runde schaffen dafür den richtigen Rahmen.“

Für BSI-Chef Moeller sind Messen „Plattform, Netzwerk und Seismograf der Branche zugleich“. Reiner Gerstner betont den persönlichen Kontakt: „Im Austausch mit den Protagonisten entstehen Einsichten und Beziehungen, die kaum anders zugänglich sind.“ Für Manfred Meindl, Director Marketing bei Ortovox, muss eine Messe einen Blick über die Branche hinaus ermöglichen. „Speaker aus Sport, Kultur oder Technologie erweitern unseren Horizont und liefern Impulse, die wir sonst nicht finden.“

Sport 2000 International ist offizieller Partner der ISPO 2026. Für CEO Margit Gosau entscheidet die „Qualität der Kontakte“: „Die ISPO ist für uns erfolgreich, wenn unsere Mitglieder mit relevanten Marken und Branchenpartnern ins Gespräch kommen. Dafür müssen beide Seiten mitziehen: Handel und Industrie.“

Für Sebastian Frey, Geschäftsführer MTS/Schildkröt, kommt es in erster Linie auf die Kundenfrequenz an.
Foto: MTS

Nüchtern fällt die Antwort des Ausstellers MTS/Schildkröt aus. Geschäftsführer Sebastian Frey hat das Ende der ISPO in München als „Abwärtsspirale“ erlebt. Auf die Frage, worauf es ihm ankomme, antwortet er mit einem Wort: „Kundenfrequenz.“ Für einen Hartwarenanbieter mit internationalem Vertrieb zählt der Kontakt, der Reisen spart: „Kompakt an einem Ort und an zwei Tagen, das erspart uns viel Reisezeit zu den Kunden.“

III. Der Blick über den Tellerrand

Was die Branche von einer Messe erwartet, zeigt sich auch an ihren Vorbildern. Deshalb haben wir nach Formaten aus anderen Branchen gefragt. Zweimal fiel dabei der Name OMR: Gerstner und Meindl nennen das Hamburger Festival für Marketing und digitale Wirtschaft. Meindl sieht dort, „wie aus einem Thema ein Festival wird, das Menschen anzieht, Highlights setzt und eine Branche bewegt“.

Hupach verweist auf die Möbel- und Designmesse Salone del Mobile in Mailand: „Die Messe ist der Anker, die ganze Stadt mit dem Fuorisalone die Bühne.“ Dieses Potenzial sieht er auch für Amsterdam. Von Loebbecke hebt die GMPLN Conference (Sport, Medien & Technologie) in Köln hervor, weil sie „einen klaren Fokus“ habe und „genau die richtigen Leute“ zusammenbringe.

Andere Branchen eignen sich aber nicht nur mit ihren Konzepten als Vorbild. Frey stellt mit Schildkröt seit Jahren auch auf der Spielwarenmesse in Nürnberg aus. Die Spielwarenbranche ziehe einheitlicher an einem Strang, beobachtet er. Die „toxischen Endlosdiskussionen zum richtigen Messetermin zwischen Textil, Schuh und Hartware“ gebe es dort nicht.

Die Vorbilder weisen in zwei Richtungen: zum Festival, das eine Community anzieht, und zum klar fokussierten Format für Entscheider. Freys Beispiel erinnert an eine Voraussetzung, die vor jedem Konzept kommt: Die Branche muss an einem Strang ziehen.

IV. Amsterdam: Wer kommt, wer nicht – und warum?

A. Die Marken

Ob die neue ISPO die Erwartungen der Branche erfüllen kann, davon sind längst nicht alle überzeugt. Stox Energy Socks etwa stellt nicht aus. „Wir machen uns dieses Jahr vor Ort ein Bild und entscheiden dann für 2027“, sagt International Sales Director Mathias Dean-Basedow. ISPO und Running Expo hätten im vergangenen Jahr nicht „die Dynamik und Stimmung“ gehabt, „um das einfach auszuprobieren“. Dazu kämen die relativ hohen Kosten.

Manfred Meindl von Ortovox erklärt, die ISPO passe in diesem Jahr nicht zur Priorisierung der Marke.
Foto: Ortovox

In der Ausstellerliste fehlen große Namen wie Gore-Tex oder die Outdoor-Marken Jack Wolfskin und Deuter. „Die Messe ist noch nicht auf Konsumenten ausgerichtet, und wie dicht die B2B-Kontakte sind, die wir für unseren Vertrieb brauchen, bleibt für uns offen“, erklärt Matthias Gumbrecht, Head of National Sales bei Deuter. Ortovox ist ebenfalls nicht dabei. Man prüfe Messeauftritte nach Nutzen und Relevanz für Zielgruppen und Partner, erklärt Manfred Meindl. „Das Gesamtpaket in Amsterdam passt in seiner jetzigen Form nicht zu dieser Priorisierung. Bei einer Weiterentwicklung bewerten wir neu.“

Die führenden britischen Outdoor-Brands Berghaus und Rab zögern nicht. „Mit unserer Teilnahme möchten wir nicht zuletzt ein Zeichen für den Mehrwert eines starken, branchenweiten Austauschs setzen“, sagt Sarah Kampf, Global PR and Communications Managerin bei der deutschen Vertriebsgesellschaft der Rab-Mutter Equip.

Die norwegische Marke Bergans ist ebenfalls dabei. „Wir wollen der ISPO am neuen Standort eine echte Chance geben“, sagt Mario Alkov, Sales Director Central Europe. Bemerkenswert: Als gelungenes Beispiel nennt er die Outdoor-Messe in Riva, „kompakt, persönlich, gute Stimmung und die richtigen Händler vor Ort“.

„Wir wollen der ISPO eine Chance geben“, sagt Mario Alkov von Bergans.
Foto: Bergans

Auch MTS/Schildkröt stellt aus, mit einem kleinen Stand im German Village, dem Gemeinschaftsangebot von BSI und ISPO. Frey hofft auf neue Kunden, bleibt aber vorsichtig: „Gerade eine neue Messe erzeugt im ersten Jahr sicher Interesse. Wie nachhaltig das dann sein wird, werden wir beobachten.“ Bei den befragten Marken reicht das Spektrum also von Skepsis bis Unterstützung.

B. Der Handel

Margit Gosau von Sport 2000 International stellt fest: „Wir erwarten eine eher geringe Beteiligung unserer Mitgliedshändler, trotz des Versuchs der ISPO mit dem Hosted Buyer Programm zu unterstützen.“

Deutlich distanziert sich etwa SportScheck: „Wenn wir fahren, dann nur mit einem sehr kleinen Team und nicht mehr in der Breite der vergangenen Jahre, da die Messe für uns ihre Relevanz verloren hat“, sagt Anne von Loebbecke.

Hervis-CEO Hupach ist als Speaker, Juror beim BrandNew Award und Mitglied im Advisory Board der Running Expo eingebunden. Er sieht Amsterdam zwar als „perfekte Bühne, um neue Brands kennenzulernen“, räumt aber ein: „Unser Einkauf priorisiert aktuell Pre-Lines und Go-Lives.“ Hintergrund: Hervis hat gerade Website und App neu gestartet, und das bindet auch die Einkäufer des österreichischen Händlers.

C. Weitere Perspektiven

Reiner Gerstner war viele Jahre für Oberalp und Schöffel tätig. Vor wenigen Monaten gründete er die Born Accelerators, um innovative junge Unternehmen zu unterstützen.
Foto: Axel Weiss / werbefotografie-weiss.de

Neben Marken und Handel blicken auch Branchenvertreter aus anderen Bereichen gespannt auf Amsterdam – viele sind vor Ort, zum Beispiel Reiner Gerstner. Mit Born Accelerators ist er Kurations- und Skalierungspartner des Newcomer-Awards ISPO BrandNew und bringt dort Gründer, Branchenexpertise und Investoren zusammen. „Wir wollen Innovationen helfen, im Markt anzukommen. Amsterdam ist dafür ein Auftakt, die Arbeit geht danach weiter.“

Die ISPO als Impulsgeber und Inspiration? Diese Hoffnung hegen zumindest einige Branchenvertreter.

V. Woran sich die „neue“ ISPO messen lassen muss

Für die Aussteller allerdings entscheidet sich der Erfolg an einer nüchterneren Frage: Wer kommt an den Stand? Frey misst eine Messe an der Kundenfrequenz. Stox-Manager Dean-Basedow macht dieselbe Rechnung auf: Eine Messe müsse mehr Kundenkontakt bringen als die Tour oder der Showroom. Bergans-Manager Alkov formuliert es so: „Wenn die wichtigen Händler vor Ort sind und echter Traffic herrscht, sind wir dabei.“ Und mit Blick auf Amsterdam: „Ob es funktioniert, entscheiden am Ende die Händler, die kommen.“

Bleiben die Händler weg, fehlt den Marken der Grund auszustellen. Fehlen die Marken, lohnt sich die Reise für den Handel nicht. Diese Spirale hat Frey in München erlebt. Das Hosted-Buyer-Programm ist der Versuch der ISPO, sie umzukehren. Bebbington spricht von einem ersten Jahr unter neuer Führung, in dem es um die Richtung gehe. Ihr Maßstab: „In Amsterdam werden wir uns daran messen, ob wir Marken und wichtige internationale Händler zurückgewonnen haben und wie Aussteller und Besucher ihre Erfahrung und ihre Ergebnisse bewerten.“ Sarah Kampf von Rab nennt die Bedingung dafür: „Wichtig ist unserer Meinung nach vor allem, dass sich möglichst viele Akteure beteiligen – nur dann kann ein echter Mehrwert für alle entstehen.“

Ein Bick ins Innere des RAI, wo die ISPO 2026 stattfindet.
Foto: Jelle Draper

Die Pflichtpräsenz, von der Gerstner spricht, ist vorbei. BSI-Chef Moeller beschreibt, was an ihre Stelle treten kann: „Für uns ist die ISPO kein Pflichttermin, sondern ein Arbeitsauftrag.“ Für Handel und Industrie gilt, was Gosau formuliert hat: Beide Seiten müssen mitziehen. Ob die ISPO ihren eigenen Maßstab erfüllt, schauen wir uns direkt nach der Messe an.

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