Interview mit dem Tecnica Präsidenten 05.02.2019, 09:58 Uhr

Alberto Zanatta: „Im Customizing sind wir ein Benchmark“

Es gab Zeiten, da kaufte die Zanatta-Familie Marken wie andere Menschen Schuhe. Doch die Bankenkrise machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Über den Turnaround der Tecnica-Gruppe und ambitionierte Ziele.
Seine Tür ist immer offen. Alberto Zanatta, Sohn des legendären Tecnica-Gründers Giancarlo Zanatta, führt seine Mitarbeiter, indem er sie machen lässt. Alberto hat eine besondere Beziehung zu Deutschland. Hier hat er studiert, er versteht die Sprache und mit seinen roten Haaren sieht er eher wie ein Deutscher als ein Italiener aus. Das hat Tecnicas Turnaround geprägt.
SAZsport: Herr Zanatta, wie wirkt sich der starke Schneefall in Europa auf Ihr Geschäft aus?
Alberto Zanatta, Präsident Tecnica Group - Mit italienischer Kreativität, deutscher Methodik und mehr Freiheiten für die Mitarbeiter leitet der Präsident der Tecnica Group das familiengeführte Unternehmen mit den Marken Tecnica, Nordica, Blizzard, Lowa und Rollerblade aus der Krise. In 2018 erzielte die Gruppe rund 400 Mio. Euro Umsatz, bis 2023 sollen es 500 Mio. Euro werden.
(Quelle: Tecnica)
Alberto Zanatta
: Auf unserer Seite der Alpen hat es nun endlich auch Schnee, das ist sicher gut für das Business. Die meisten Menschen denken bei der Tecnica-Gruppe an ein auf Wintersport spezialisiertes Unternehmen. Das sind wir aber in der Realität nicht, weil wir etwa 60 Prozent unserer Umsätze mit Produkten erwirtschaften, die keinen Bezug zum Schnee haben. Hauptumsatzträger sind Wanderschuhe, Inlineskates und Schuhe. Wir machen keine Bekleidung. Jeder fragt uns nach unserer Zukunftsfähigkeit, wenn durch die globale Erwärmung die Winter immer schwächer werden. Sicher ist unsere Balance noch nicht optimal, aber wir bewegen uns in die richtige Richtung und peilen eine Verteilung der Umsätze von
75 Prozent mit Sommerprodukten und 25 Prozent mit Wintersportprodukten an. Zudem werden wir in Zukunft unser Bestes versuchen, proaktiv unsere Natur, die wir haben, zu schützen und zu bewahren.
SAZsport: Hier fährt die Skiindustrie noch der Outdoor-Branche hinterher.
Zanatta: Es ist technologisch nicht einfach, schließlich bestehen Skischuhe noch immer aus Kunststoff. Aber wir versuchen unser Bestes, um zum Beispiel die CO2-Emmissionen zu verringern, die Energie über Solarpanels zu beziehen oder, wie in Mittersill, uns an die Fernwärme anzudocken. Dort konnten wir unseren Energieverbrauch um 70 Prozent senken und die 150.000 Paar Nordica- und Blizzardski aus der Fabrik mit Solarstrom produzieren.
SAZsport: Sie gehören zu den Playern in der Schuh-Hauptstadt Montebelluna. Welche Bedeutung hat Nachhaltigkeit dort?
Zanatta: Montebelluna ist, was die Entwicklung von Sportschuhen angeht, weltweit das führende Zentrum. In der Nähe gibt es nicht nur Nordica oder die großen Marken wie Geox, Lotto, Diadora oder ­Scarpa, sondern auch viele Berater und auch kleinere Marken, die einen sehr hohen Spezialisierungsgrad haben im Design oder der Entwicklung. Es gibt eine Menge an Produkten und eine sehr lebendige Szene, auch Nike hat dort eine Entwicklungsabteilung, und selbst Adidas holt sich hier von Zeit zu Zeit Ideen. Ich muss sagen, dass wir hinsichtlich Nachhaltigkeit in der Stadt noch Nachholbedarf haben. Wir schieben seit Monaten ein Projekt an, bei dem wir die Mitarbeiter dafür sensibilisieren wollen. Der junge Konsument ist sehr an solchen Themen interessiert. Wir versuchen in Montebelluna dieser Stimme ein größeres Gewicht zu geben. In unserer Gruppe geht Lowa voran.
SAZsport: Wie war 2018 für die Tecnica-Gruppe?
Zanatta: Es war ein sehr gutes Jahr. Wir sind auf einem guten Weg, die 400 Mio.-Euro-Grenze zu knacken. Sehr schnell bewegen wir uns auf unser Ziel zu, 500 Mio. Euro Umsatz bis 2023 zu erreichen. Insbesondere für Nordica machen sich die Investitionen in Produkt, Entwicklung und Innovationen jetzt weltweit bezahlt. In Florenz haben wir auf der Pitti-Uomo-Show das 50-jährige Jubiläum der Moon Boots gefeiert. Aktuell machen wir mit dieser ikonischen Marke rund 20 Mio. Euro, aber wir wollen damit 100 Mio. Euro erzielen. Dazu wollen wir die Boots von einem reinen Après-Ski-Produkt hin zu einem Ganzjahresprodukt weiterentwickeln.
SAZsport: Wie würden Sie die ISPO mit der Pitti-Uomo-Show in Florenz vergleichen?
Zanatta: Ich bin auch im Beirat der OutDoor by ISPO. Die Mischung aus Fashion und Sport ist auf der Pitti sehr atmosphärisch mit Events in Szene gesetzt. Die Größe der Stände ist limitiert, das erhöht die Kreativität der Aussteller bei der Warenpräsentation und macht das Ambiente extrem einladend. Diese Würze sollten wir übernehmen für die ISPO. Dort ist aktuell der größte Stand der stärkste.
SAZsport: Und was kann der Sporthändler vom Fashion-Retailer übernehmen?
Zanatta: Im Sportkanal geht es ständig um Rabatte und Preisdiskussionen. In der Mode gilt, je höher der Preis, desto höher die Begehrlichkeit für das Produkt. Und die beruht nicht nur auf dem Preis, sondern auf der Art, wie Sie das Produkt präsentieren. In den Lifestyle-Shops erleben die Kunden einen schönen Moment, es ist fast wie in einem Museum oder einer Kunstgalerie. So kommen Emotionen hoch, und mit dieser Stimmung sind die Kunden bereit, mehr zu bezahlen und einzukaufen. Der Kauf im Sport ist ein Bedarfskauf, man geht rein, wenn man etwas braucht. In die Lifstyle-Stores geht man rein, ohne dass man Schuhe braucht, und plötzlich geht man mit zwei Paar Schuhen aus dem Laden heraus. Faszinierend.
SAZsport: Wie haben sich die anderen Marken bei den Sporthändlern entwickelt?
Spaß muss sein: Alberto Zanatta fuhr mit dem Pro-Team nach Alaska zum Fotoshooting, um seiner Leidenschaft nachzugehen.
(Quelle: Tecnica)
Zanatta
: Sowohl Tecnica als auch Blizzard machen einen exzellenten Job, im Ski-, Skischuh- und im Outdoor-Schuh-Bereich. Unsere Technologie „Forge“ mit dem ersten anpassbaren Wanderschuh im Markt schlägt ein. Zur ISPO launchen wir den weltweit ersten anpassbaren Trail-Running-Schuh. Von dieser Innovation erwarten wir uns sehr viel. Innovation ist das, was die Tecnica Group und alle ihre Marken antreibt und auszeichnet. Lowa ist die einzige Marke, die alle ihre Schuhe in Europa produziert und von dort ihre Stoffe bezieht, also wirklich made in Europe ist. Auf der ISPO zeigen wir Kinder-Skischuhe von Nordica, die individuell anpassbar und auf das Gewicht des Kindes einstellbar sind. Blizzard-Ski kommen bei Freeridern sehr gut an. Für Tecnica ist das Customizing der Outdoor-Schuhe im Store einzigartig und ebenso die Möglichkeit, neben dem Skischuh auch den Innenschuh und sein Fußbett individuell anzupassen. Für Pro-Shops sind wir im Customizing Benchmark der Branche.
SAZsport: Warum geben Sie dem stationären Handel mit dem „Forge“ ein Tool an die Hand? Sie könnten doch auch den direkten Weg zum Kunden gehen, wie es bisher zunehmend Amer Sports gemacht hat?
Zanatta: Jeder sucht seinen Weg im Markt. Wir sind der Meinung, dass der Stellenwert des Händlers immer noch sehr hoch ist. Wir wollen unsere Distribution schützen, und diese besondere Erfahrung der Schuhanpassung gehört in die Läden. Wir wollen, dass unsere Händler Geld verdienen, dann verdienen wir auch Geld.
SAZsport: Tecnica war in der Krise. Sind es nur die 60 Mio. Euro der neuen Teilhaberfamilie Pesenti, die Tecnica schneller machen?
(Quelle: Tecnica)
Zanatta
: Wir haben in der Zeit von 2002 bis 2008 in Aquisitionen rund 120 Mio. Euro investiert und dabei unter anderem Nordica und Rollerblade gekauft, Auslandsvertretungen in Japan und China eröffnet, sowie Fabriken in Ungarn und der Ukraine. Zwischen 2008 bis 2012 waren die Zeiten aufgrund schlechter Winter und zu vielen Projekten hart für uns, und dann kam die Bankenkrise on top. Doch wir haben uns mit einer neuen Strategie selber herausmanövriert aus dieser schwierigen Situation. Es folgte eine Transformation im Unternehmen in der Kultur, den Prozessen, dem Portfolio und der Mentalität.  Der Turnaround ist uns auch gelungen, weil wir uns nun auf weniger Marken fokussieren. Wir haben uns von kleineren Brands mit einem Umsatz von bis zu 20 Mio. Euro, wie Nitro, Dolomite, T-Shoes und Think Pink, getrennt. Und am Ende dieses Prozesses, Ende 2017, gab uns unser neuer Partner, die befreundete Familie Pesenti, nochmals einen guten Schub im Tempo, weil uns die Banken nun nicht mehr einschränken werden.
SAZsport: Mit welcher Philosophie führen Sie die Tecnica Group?
Zanatta: Wir sind einer der wenigen, wenn nicht der einzige Skihersteller, der familiengeführt ist in der Branche.
SAZsport: Fischer fällt mir noch ein.
Zanatta: Ja, aber die Fischer-Familie ist nicht mehr so involviert und operativ tätig. Um auf meine Philosophie zurückzukommen: Ich liebe es, Deutschland und Italien zu verbinden. Italien, das ist Farbe, Essen, Freude, die Art zu leben. Deutschland steht für Organisation, Arbeitsmentalität, schlanke Prozesse. Die Kombination aus deutscher Methodik sowie italienischer Kreativität und Design bildet für uns einen magischen Cocktail. Das ist ein Grund, warum wir noch eine Produktion in Österreich und Deutschland haben. In Jetzendorf produzieren wir alle High-End-Outdoor-Schuhe, aus Mittersill kommen ca. 45 Prozent Skiproduktion im Sandwich-Format, die Ukraine deckt die restlichen 55 Prozent der Ski für Nordica und Blizzard ab. In der Slovakei haben wir eine Fabrik, in der für Lowa 12.000 Paar Trekking- und Multifunktionsschuhe pro Tag das Haus verlassen, in Ungarn sind es täglich rund 3.300 Paar Skischuhe. In Europa haben wir eigene Fabriken, mit Partnern produzieren wir zudem in Asien Ski- und Outdoor-Schuhe für Tecnica.

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