Händler-Forum 16.06.2017, 15:56 Uhr

"Das wird sich rächen"

Dass Hersteller wie Adidas den eigenen Online-Handel forcieren, sorgt bei Händlern für Unmut. Doch einige meinen, dass die Marken sich damit selbst das Wasser abgraben
(Quelle: Shutterstock / Stuart Miles)
SAZsport fragt:
Ein Händler klagte gegenüber SAZsport: „Auf Amazon werden Produkte zu einem Preis verkauft, der sogar unter meinem Netto-EK liegt.“ Und Adidas entfernt sich immer mehr von der Basis, sprich beliefert viele kleinere Fachhändler gar nicht mehr. Werden kleine Fachhändler zugunsten der großen (Online-)Händler systematisch benachteiligt, indem ihnen unattraktivere Konditionen gewährt werden? Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?

Andreas Krautkrämer, Balance Action- & Mountainsports, Saarlouis
Ich bin da geteilter Meinung, finde aber generell auch, dass in der Branche unbedingt ein Umdenken stattfinden muss. Der kleinere, stationäre Fachhändler mit seinen aktiven und gut geschulten Mitarbeitern trägt maßgeblich zur Imagebildung und -erhaltung einer Marke sowie der gesamten Branche bei. Diesen kleineren Händlern sollten aus diesem Grund generell die besten Rabatte beim Einkauf gewährt werden. Zumindest sollte es verschiedene Konzepte geben und es sollte nicht nur das Einkaufsvolumen betrachtet werden. Ich mache momentan die leidige Erfahrung, dass ich von Lieferanten angesprochen werde, ich solle meine Ebay- und Amazon-Verkäufe einstellen, da die Marke ihr Image aufbessern will. Ich bin dort jedoch bei aktueller Ware zu 99 % mit den regulären VKs unterwegs, während viele große (Online-)Händler die Preise beeinflussen. Bei denen sollten sie gefälligst anfangen!
Jürgen Schmidt, Vexario Sports, St. Wendel
Ja, natürlich. Ich glaube, jeder Händler hat einige Hersteller im Portfolio, die auch diese Schiene bedienen. Eine systematische Benachteiligung kann ich aber darin nicht erkennen. Ich sehe da eher Nachahmungseffekte mit Sogwirkung. Offensichtlich können einige Hersteller dort die Sortimentslücken für den Endverbraucher schließen, die der lokale Handel geöffnet hat. Oft wird auch einfach zu selektiv eingekauft, das ist nicht unbedingt attraktiv für einen Kunden. Viele Händler sind in Einkaufsverbänden organisiert und nach meinem Verständnis ist es primär deren Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Konditionen attraktiv bleiben. Ich denke, der Handel muss sich hier nicht neu erfinden, aber vor diesen Szenarien unbedingt neu aufstellen und organisieren. Und darin sehe ich trotz alledem eine riesige Chance, auch für kleinere Händler, von denen schon jetzt viele sehr erfolgreich agieren.

Jörg Brang, Sport Brang, Jünkerath
Dem kann ich nur völlig zustimmen. Allerdings sehe ich nicht nur Probleme für die kleinen Händler, sondern für alle, die nicht von sich behaupten können, zu den Großen zu gehören. Wenn Adidas seinen OwnRetail-Umsatz in den nächsten Jahren auf 4 Mrd. Euro verdreifachen will, dann ist ganz offensichtlich, dass diese Umsätze nicht „on top“ und auch ganz sicher nicht zu Lasten von Nike gemacht werden. Diese Umsätze gehen dem Einzelhandel verloren. Dem Fachhandel wird der Zugang zu den wirklich „heißen“ Produkten durch schlechte Einkaufskonditionen und Abnahme-Pflichtprogramme erschwert. Eine individuelle Zusammenstellung des Sortiments wird dadurch nahezu unmöglich, sodass dieses auf den Konsumenten eher fade und langweilig wirkt. Mit diesen Sortimenten werden die Kunden zusätzlich ins Netz getrieben.

Marco Butzke, Mehrprofi, Chemnitz
Der Beschwerde können wir recht geben. Auch wir haben schon gesehen, dass Produkte durch Amazon unter unserem EK angeboten werden. Andererseits nutzen auch wir Amazon, um Produkte abzuverkaufen, sprich Restgrößen, Rückläufer oder Auslaufware. Zum Thema Konditionen: Geld regiert die Welt. Wenn große Online-Händler viel kaufen, wird ihnen ein großer Rabatt gewährt, das ist verständlich, aber zugleich ärgerlich. Ärgerlich deshalb, weil die Online-Händler meist den Rabatt sofort ummünzen und ihn vom UVP abziehen, anstatt eine größere Marge zu erzielen. Dies schadet dem stationären Handel definitiv. Wer kennt die Situation nicht: Nach teils mehrstündiger Beratung wird vom Kunden das Handy gezückt und einem der „supertolle Online-Preis“ unter die Nase gehalten. Wir versuchen unser Programm dahingehend zu gestalten, dass wir vor allem damit leben können. So stehen z.B. alle Adidas-Schuhe bei uns im Abverkauf, da es genügend Alternativen gibt, vor allem im Bergsportsektor.
Mehr Händlerstimmen lesen Sie in der ersten Messeausgabe der SAZsport zur OutDoor 2017.




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